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Grimmen Tagelange Irrfahrten durch die Schneemassen
Vorpommern Grimmen Tagelange Irrfahrten durch die Schneemassen
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15:31 28.12.2018
Die Schneefräse aus Meiningen, hier am Grimmener Bahnhof, sollte die Schienen im Umland für die Versorgung freihalten. Quelle: Günter Rösch
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Grimmen

Anneliese Rohwedder sitzt in Cottbus vor dem Radio. Gemeinsam mit ihrer Tochter hat sie dort ein wunderschönes Weihnachtsfest bei Verwandten verbracht. Den Jahreswechsel wollen Mutter und Tochter wieder zu Hause in Grimmen verbringen. Doch daraus wird nichts. Im Radio und Fernsehen wird von heftigen Schneefällen und starkem Wind im Norden berichtet. Es ist 40 Jahre her, aber die heute 79-Jährige erinnerte sich noch ganz genau an den Jahrhundertwinter 1978 / 79, der sie und ihre Tochter gleich zweimal eiskalt erwischte.

„Damals sind wir über den Jahreswechsel in Cottbus geblieben, sind erst am Neujahrstag losgefahren“, erzählt die Grimmenerin. Damals habe sie gehofft, dass das größte Chaos bereits vorbei sei. Doch weit gefehlt. „Bis Demmin sind wir zunächst gekommen“, berichtet sie. Dort übernachten sie und ihre damals 15-jährige Tochter in der Bahnhofsgaststätte – rund 23 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt gemeinsam mit vielen anderen Reisenden. Und auch am darauffolgenden Tag bleibt die Bahnstrecke nach Grimmen gesperrt. „Wir wurden dann zurück nach Neustrelitz gefahren und gelangten von dort mit dem Zug nach Greifswald und schließlich nach Stralsund“, erzählt Anneliese Rohwedder. Wieder sind Mutter und Tochter nahe dem Heimatort, aber wieder geht es nicht weiter. Ihr großes Glück: „Meine Eltern wohnten in Stralsund im heutigen Carl-Heidemann-Ring. Dort sind wir dann hingegangen. Eine Rentnerin, die wir zuvor im Zug kennengelernt hatten, haben wir mitgenommen“, berichtet sie weiter. Am Morgen darauf sind die Frauen wieder auf dem Stralsunder Bahnhof. Nach stundenlangem Warten fährt schließlich tatsächlich ein Zug nach Grimmen.

Die Schneemassen sorgten damals für spektakuläre Motive in ganz MV. Klicken Sie sich hier durch die Bildergalerie:

Überglücklich kommen Mutter und Tochter nach der dreitägigen Irrfahrt zu Hause an. Dort muss Anneliese Rohwedder eine Entscheidung treffen. Denn für die Winterferien im Februar hat sie für sich und ihre Tochter einen Ferienplatz in Jöhstadt im Erzgebirge. „Nach der Tortur zu Jahresanfang wollte ich den Platz absagen“, erzählt die Trebelstädterin. Nachdem sich aber die Wetterlage normalisiert, der Alltag in Grimmen wieder einkehrt, entscheidet sie anders. „Letztlich hatten wir einen wunderschönen Winterurlaub im Erzgebirge“, erzählt sie. Am Abreisetag fällt im Erzgebirge etwas Schnee. Nichts Außergewöhnliches für die Region. Was Anneliese Rohwedder und ihre Tochter nicht ahnen: Auch diesmal wird der Winter sie mit voller Härte auf der Heimreise stoppen. Bis Berlin verläuft die Bahnfahrt noch ohne Hindernisse. „Unterwegs wurde der Schneefall aber stärker“, erinnert sich Anneliese Rohwedder. Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Hauptstadt geht die Fahrt weiter.

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Bis Oranienburg, dann geht gar nichts mehr. Bis Mitternacht steht der Zug dort still. Dann steht fest: Die Fahrt geht nicht weiter. Die Grimmenerin entschließt sich, mit der Tochter zu ihrem Bruder, der zu der Zeit in Berlin-Pankow wohnt, zu gehen. „Mit der letzten S-Bahn sind wir zurück nach Berlin gefahren“, erzählt die Seniorin. Ihre Koffer können sie glücklicherweise am Bahnhof lassen. Nach einem Fußmarsch durch den mittlerweile hohen Schnee stehen Mutter und Tochter schließlich völlig erschöpft mitten in der Nacht vor dem Haus des Bruders und Onkels. Doch niemand öffnet auf ihr Klingeln hin die Tür. „Wir haben Sturm geklingelt, Steinchen an die Fenster geworfen, aber in den Fenstern blieb es dunkel. Ich war so verzweifelt, wusste nicht, wohin ich stattdessen mit meiner Tochter sollte“, beschreibt Anneliese Rohwedder ihre damalige Gefühlslage. Doch dann werden sie doch gehört. Eine ganze Woche verbringen sie schließlich in Berlin. „Jeden Tag bin ich zum Bahnhof gegangen, um mich zu erkundigen, wann wieder ein Zug nach Grimmen fährt“, erzählt sie. Das ganze Ausmaß des Winters 1978 / 79 sieht sie dann auf der Heimreise. „Der Schnee links und rechts der Gleise lag so hoch, dass wir aus den Fenstern nur noch die Stiefel der Soldaten, die oben auf dem Schnee standen, sahen.“

Anja Krüger