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Grimmen Vom Schnösel zum Zombie
Vorpommern Grimmen Vom Schnösel zum Zombie
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19:51 13.06.2019
Die Komparsen für die Verfilmung des Lebens von Berthold Beitz lassen die 70er Jahre wieder aufleben. Unverkleidet sind der zweite Regie-Assistent Angel Pinar (grüne Jacke) und daneben Catharina Schwarze, die die Komparsen organisiert hat. Quelle: Privat
Prerow

Graue Hose, Bügelfalte, enges beiges Oberteil, dazu eine braune Sonnenbrille lässig in die Knopfleiste gesteckt und eine goldene Uhr darf auch nicht fehlen – fertig der Sylter 70er-Jahre-Schnösel. Ich komme mir sogar vor wie Olaf Schubert in seinem karierten Pullunder. Es fühlt sich falsch, aber in dem Moment auch nicht uncool an. Die Kostümprobe im Prerower Gemeindehaus ist wuselig, die versierten Mitarbeiterinnen lassen aber keine Hektik aufkommen. Die Maskenbildnerin freut sich über meinen Lockenkopf. „Schön authentisch“, findet sie. Um das Aussehen perfekt zu machen, werde ich auch noch rasiert, so dass nur noch ein Schnauzer übrig bleibt. Jetzt fühle ich mich wie Freddie Mercury und muss über mein Spiegelbild lachen.

Warum das Ganze? Ich werde als Komparse in einem Film über Berthold Beitz mitspielen. Der Industrielle hat an vielen Orten in Vorpommern seine Spuren hinterlassen. Die Szene, die am Mittwoch in einer geschlossenen Prerower Gaststätte gedreht wurde, spielt in dem WDR-Streifen aber auf Sylt. In einer Gaststätte spricht Beitz mit Journalisten über ein Roman-Manuskript, das mit erfundenen schmutzigen und schlüpfrigen Details seinen Ruf ruinieren soll. Ich werde ein Kneipengast im Hintergrund sein.

Spaß an der eigenen Eitelkeit

Man könnte nun erneut fragen: Warum das Ganze? Warum will man filmisches Beiwerk sein, lebende Kulisse? Für mich hat die Antwort in erster Linie mit Neugier zu tun: Wie läuft es ab vor und hinter den Kulissen? Aber auch Spaß an der eigenen Eitelkeit ist ein Faktor. Was ich damit meine? Waren Sie schon mal kurz irgendwo im Fernsehen zu sehen? Falls ja, haben Sie ihrem Nebenmann ihre TV-Präsenz angekündigt mit „Achtung, da komm gleich ich!“ und dann womöglich auf sich gezeigt, als Sie durchs Bild gehüpft sind? Gut, dann verstehen wir uns.

OZ-Redakteur Kai Lachmann ist der Lieblingskomparse der Maskenbildnerin. Warum? „Der Look sei „schön authentisch“. Quelle: Privat

Der nächste Tag beginnt um 8 Uhr. Etwa zwei Minuten Dreh stehen auf dem Plan. Das ist wohl relativ viel, zumindest habe ich mal gehört, dass bei James Bond pro Tag höchstens eine Minute geschafft wird. Aber wir sind hier nicht in Hollywood und Verfolgungsjagden mit Schneemobilen und Schießereien stehen auch nicht auf dem Drehplan. Stattdessen eine Dialogszene. Und die müsste doch relativ unaufwendig sein. Denkste!

Die Filmcrew leistet wirklich ganze Arbeit. Bis ins Detail wird alles durchgestylt. Die leerstehende Prerower Kneipe ist schon mit 70er-Jahre-Möbeln vollgestellt und entsprechend dekoriert. Nun kommt es auf uns an, auch wir werden durchgestylt. Der Auftrag an die Maskenbildnerin: „Über die Komparsen musst du die Zeit erzählen, in der die Szene spielt.“ Also rückt sie Perücken zurecht, wirbelt mit dem Haarspray, klebt Koteletten und nach einiger Zeit sehen wir alle aus, als wären wir in der Vergangenheit hängengeblieben.

Erst Handball-Maskottchen, dann Hitler

Weil wegen des Wetters erst eine andere Szene am Strand gedreht wird, müssen wir uns gedulden. Während wir acht (!) Stunden warten, lerne ich die Kollegen kennen. Mario Mieth zum Beispiel ist im echten Leben richtiger Schauspieler. „Am Montag war ich noch Hitler“, erzählt er und zeigt mir Fotos auf seinem Handy von sich im Kostüm für eine Theateraufführung. Es sieht beängstigend echt aus. Er wischt weiter zurück bis zu „Bulli“. „Mecklenburger Stiere, Handball, dritte Liga – da mache ich das Maskottchen.“

Diese schmucke Prerower Gaststätte wurde als Drehort auserkoren. Die Szene spielt aber auf Sylt. Quelle: Kai Lachmann

Wenn wir in unseren Kostümen vor dem Prerower Gemeindehaus stehen und quatschen, kommen immer wieder Autos vorbei und fahren langsamer, Radfahrer steigen sogar ab. Ihre irritierten Blicke – unbezahlbar!

Viele meiner Kollegen waren schon oft Komparsen. Gerne erzählen sie von den Produktionen. Madlen Klösges aus Hagenow, im echten Leben Fotografin, pflegt eine lange Liste. „Bei Soko Wismar war ich schon mal bei der Spurensicherung, Polizistin, Anwohnerin, Kindergärtnerin,...“ Weil niemand wirklich auf Komparsen achtet und sie dementsprechend auch nicht wiedererkennt, gebe es auch keinen Abnutzungseffekt.

Pierce Brosnan fragte nach Feuer

Auch Reginald Kasubeck, Rentner aus der Nähe von Anklam, hat Spaß an der Sache. Beim Mittag erzählt er, dass sein erster Einsatz beim Film „The Ghostwriter“ in Peenemünde auf Usedom war. „Da bin ich Demonstrant und einmal sogar groß zu sehen gewesen“, berichtet er. Zwischen den Dreharbeiten habe plötzlich Hauptdarsteller Pierce Brosnan neben ihm gestanden und nach Feuer gefragt. „Das war schon was.“ Kasubeck verleiht auch seinen Camping-Bus für Filme. „Der macht mehr Kasse als ich.“ Bis zu 250 Euro pro Tag gebe es für den VW T3, für ihn als Komparsen um die 80. Eine andere seiner Anekdoten bezieht sich auf die schwankende Qualität des Essens für die Komparsen. „Uns wurde mal Suppe serviert. Die war aber schon sauer. Ein ganzer Shantychor kam danach nicht mehr von der Toilette runter.“

Von uns ist kaum jemand zu sehen

Gegen Abend dann endlich unser kleiner großer Auftritt. Regie-Assistent Eddie sucht sich acht Komparsen aus und setzt sie an Kneipentische im Szenen-Hintergrund. Ich gehöre nicht dazu und fühle mich so wie beim Sportunterricht, wenn man nicht ins Team gewählt wird. Die Szene wird fünf, sechs Mal wiederholt. Auf einem Monitor kann ich ein bisschen vom Kamerabild erhaschen und stelle fest – von uns ist kaum jemand zu sehen oder zu erkennen. Lediglich Laura Sielski, Surflehrerin in Born, kommt als Kellnerin gut rüber. „Ich war ganz schön aufgeregt“, sagt sie später. „Es war schön, mal in diese Zeit abzutauchen.“

Um 18.30 Uhr wird die Szene dann von der anderen Seite gedreht. Mein Einsatz naht, hoffe ich –nach fast zehn Stunden warten. Angel Pinar, zweiter Regie-Assistent, positioniert mich. Ich soll so tun, als würde ich mit anderen Komparsen reden. Doch dann überlegt er es sich anders: Ich solle erst später dazukommen. Die Maskenbildnerin protestiert: „Aber dann ist ja unser Lieblingskomparse gar nicht richtig zu sehen.“ Ja, sie hat wirklich Lieblingskomparse gesagt! Aber Angel entscheidet.

Ich gehe wie ein Zombie

Nun gut, also werde ich in die Szene gehen. „Kamera läuft!“ Auf einmal bin ich tierisch aufgeregt, warte auf mein Stichwort, werde noch nervöser und mache dann das, was Eddi im Vorfeld „Zombiegang“ nennt: unlockere und stelzige Bewegungen. Die Szene wird noch dreimal gedreht. Mein Gang wird zwar etwas natürlicher, aber ganz überzeugt bin ich nicht. Ich glaube, höchstens zehn Sekunden im Bild zu sein – wenn überhaupt.

Blick auf den Szenen-Hintergrund: Meine Aufgabe ist es, locker zu dem stehenden Paar zu gehen. Gar nicht so einfach... Quelle: Kai Lachmann

„Danke, das war’s“, ruft einer vom Filmteam und alle klatschen den richtigen Schauspielern Applaus. Wie die anderen 15 Komparsen bin auch ich gespannt, was daraus wird. Das Endprodukt „Berthold Beitz – ein unruhiges Leben“ wird möglicherweise Ende des Jahres im Fernsehen laufen.

Schäferhund bei Game of Thrones

510 Einsätze von Komparsen im TV-Film „Berthold Beitz – ein unruhiges Leben“ betreut der zweite Regie-Assistent Angel Pinar. Dafür muss er im Vorfeld 315 Personen für Drehorte in Deutschland und Österreich auftreiben. In MV arbeitet er dafür mit Catharina Schwarze zusammen, die auch die Komparsen für die Usedom-Krimis organisiert.

„Das ist mittlerer Wahnsinn“,sagt der gebürtige Spanier Pinar, der vor sieben Jahren nach Deutschland kam, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Für größere Produktionen waren es auch schon mal 2000 Einsätze. Auch bei der Erfolgsserie Game of Thrones hat der Andalusier mitgewirkt. „In einer Stierkampfarena mussten wir 500 Komparsen in Gruppen auf verschiedene Positionen bringen“, berichtet er. „Da habe ich mich gefühlt wie ein Schäferhund.“ Auch bei der Verfilmung von „Ich bin dann mal weg“, dem Musical „Ich war noch niemals in New York“ und verschiedenen Kinderfilmen hat er mitgearbeitet, unter anderem bei „Ostwind 3“. „Da habe ich mich um die Pferde gekümmert.“

Mehr lesen:Berthold Beitz und seine Spuren in Vorpommern

Kai Lachmann

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