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Grimmen Grimmener Hauptausschuss lehnt Stolpersteine für ermordete Juden ab
Vorpommern Grimmen Grimmener Hauptausschuss lehnt Stolpersteine für ermordete Juden ab
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21:54 29.10.2019
Lutz Wierszbowski fixierte nach den Anschlägen von Halle drei Stolperstein-Sticker vor dem ehemaligen Wohnhaus in Grimmen der Familien Davidsohn und Wolff. Quelle: Carolin Riemer
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Grimmen

In Grimmen soll es keine Stolpersteine, die an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus erinnern, geben: Das hat der Hauptausschuss beschlossen. „Dafür hat sich die Mehrheit der Mitglieder am Montagabend entschieden“, sagt Armin Latendorf von der Fraktion Die Linke.

Doch das Gremium hat eine andere Idee: „Es werden keine Stolpersteine, aber wir haben einen Ergänzungsantrag zum Antrag der SPD gestellt.“ In diesem steht, dass schnellstmöglich ein Gedenkstein auf dem Friedhof in Grimmen errichtet wird, der an die Opfer erinnert. In der nächsten Stadtvertretersitzung werde im öffentlichen Teil darüber abgestimmt.

Befürworter kämpfen unermüdlich

Vorausgegangen sind monatelange Debatten. Die Mehrheit der Stadtvertreter hatte sich gegen die Stolpersteine ausgesprochen, weil Grimmen bereits einen Gedenkstein auf dem einstigen jüdischen Friedhof und auch ein Mahnmal auf dem alten Friedhof hat, das an alle Opfer des Krieges erinnert.

Kommentar zu StolpersteinenDebatte über Gedenken in Grimmen zeigt: NS-Opfer sind nicht vergessen

Doch die Befürworter kämpften unermüdlich weiter. So auch am Montagabend: Zwölf Mitglieder der „Initiative Stolpersteine“ treten im Grimmener Rathaus für ihr Anliegen ein. Sie sind geladene Gäste des Hauptausschusses, der eigentlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagt.

Die Einladung sei eine freundliche Geste, finden die meisten Befürworter der Stolpersteine. So können sie zum wiederholten Male darauf aufmerksam machen, dass die kleinen Messingschilder vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der von den Nationalsozialisten ermordeten Grimmener Juden Edith Wolff, Vera Davidsohn und Bärbel Davidsohn fehlen.

Erinnerung an die Opfer

Bei den Stolpersteinenhandelt es sich um kleine Messingschilder im Format 96 mal 100 Millimeter auf denen die Namen sowie die Geburts- und Sterbedaten von Opfern des Nationalsozialismus festgehalten sind. Sie sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mittlerweile gibt es mehr als 70 000 solcher Steine in 24 Ländern Europas.

Sticker statt Stolpersteine

„Wir können aber auch deutlich machen, dass die Stadt eine gefährliche Botschaft nach außen sendet, wenn die Stadtvertreter nicht endlich auf unser wiederholtes Begehren reagieren“, sagt Lutz Wierszbowski aus der Initiative an diesem Abend.

Zweieinhalb Wochen zuvor – nach dem Anschlag vor einer Synagoge in Halle mit zwei Toten – hatte er in Grimmen goldene Sticker mit der Aufschrift „Stolperstein vor ehemaligen Wohnhäusern ermordeter Juden angebracht; als Kunstaktion.

Journalisten müssen draußen bleiben

Auch ein Fernsehteam vom NDR ist an diesem Montagabend dabei. Das Thema ist brisant, etliche Diskussionen gingen der Ausschusssitzung voraus. Die erste Ernüchterung erfolgt noch vor Beginn der Sitzung: „Nur zu dem einen Tagesordnungspunkt der Stolpersteine dürfen die Mitglieder der Initiative ihre Meinung äußern und den Saal betreten“, sagt Stadtrat Roland Wildgans und verweist die Menschen auf den kleinen Flur.

Geheime Sitzung des Grimmener Hauptausschusses zum umstrittenenen Thema Stolpersteine. Vor der Tür geben Aktivisten der Bürgerinitiative Auskunft. Quelle: Carolin Riemer

Fragen nach Angehörigen

Nach etwa 20 Minuten ist die Anhörung vorbei und die Befürworter stehen wieder auf dem Flur. Die Ernüchterung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. „Sie suchen wieder einmal nach Argumenten gegen die Stolpersteine“, berichtet Sven Thurow. Yvonne Jegerlehner ist besonders schockiert: „Ausgerechnet Birgit Mietzner, die Direktorin einer Grundschule, hat uns gefragt, ob die Angehörigen der ermordeten Jüdinnen mit dem Verlegen der Stolpersteine einverstanden wären. Die Angehörigen? Es gibt keine Angehörigen mehr. Das ist eine zynische Frage“, findet die junge Frau.

„Auch die Hausbesitzer sollten wir nicht vergessen“, ergänzt Lutz Wierszbowski: „Die müsse man vorher fragen, ob diese mit dem Verlegen der Stolpersteine einverstanden wären. Aber die Stolpersteine werden auf dem Gehweg vor den Häusern eingelassen. Und der ist Eigentum der Stadt.“

Ratlos geben die Mitglieder der Initiative noch einmal Interviews vor der Fernsehkamera. Dann gehen sie nach Hause. Im Sitzungssaal wird derweil unter Ausschluss der Öffentlichkeit nach einer Lösung gesucht – und letztlich gefunden.

Emotionen kochen hoch

Einen Tag später bezieht Grundschullehrerin Birgit Mietzner Stellung zu ihrer Frage, die von den Stolperstein-Befürwortern als „zynisch“ und „perfide“ verstanden wurde. „Ich habe nur höflich nachgefragt, ob die Mitglieder der Initiative ihre Hausaufgaben richtig gemacht haben. Auf der Homepage des Künstlers, der die Stolpersteine verlegt, steht eindeutig geschrieben, dass diese Aktion mit den Nachfahren abgesprochen werden muss. Das war in keiner Weise zynisch gemeint.“

Die Emotionen kochen auf beiden Seiten hoch. „Wir wollen auf keinen Fall den Eindruck entstehen lassen, dass die Stadtvertreter das Gedenken an die jüdischen Mitbürger verhindern wollen. Aber wir möchten uns auch nicht unter Druck setzen lassen. Das ist unfair“, sagt Birgit Mietzner.

Ein Satz ist der Schuldirektorin besonders wichtig: „Eine Spaltung, ist das schlechteste Mittel gegen Antisemitismus – und eine Spaltung ist auch das letzte was wir in der heutigen Zeit brauchen.“

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Von Carolin Riemer

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