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Grimmen Udo Griwahn betreut 1000 Kirchtumglocken und Uhren
Vorpommern Grimmen Udo Griwahn betreut 1000 Kirchtumglocken und Uhren
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09:00 25.01.2019
Udo Griwahn kümmert sich um etwa 1000 Kirchturmglocken im Bundesland. Quelle: Carolin Riemer
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Grimmen

Udo Griwahn hat einen außergewöhnlichen Beruf. Er bringt Kirchenglocken weit über das Bundesland hinaus zum Läuten und sorgt dafür, dass Turmuhren im richtigen Takt schlagen. Der 54-Jährige führt einen der wenigen Betriebe zwischen Hamburg und Berlin, der sich auf diese Arbeit spezialisiert hat. Die Kirchen sind sein Arbeitsplatz, sein wichtigstes Werkzeug ist, seinen Angaben zufolge, das Auto. Mehr als 70 000 Kilometer legt der Mann aus Grimmen jährlich zurück. Immer ist er auf dem Weg zu einem seiner 800 Kunden. Mit 500 von ihnen schloss er einen Wartungsvertrag, denn jede Glock muss ein Mal pro Jahr kontrolliert werde. „Schätzungsweise kümmern wir uns um 1000 Glocken und 120 Turmuhren auch um den Hamburger Michel und einige Kirchen in Potsdam“, sagt der gelernte Elektriker. Dazu kommen noch die Notfälle. „Zum Beispiel als am Karfreitag die Glocke des Greifswalder Doms nicht funktionierte, weil eine Kette abgesprungen war.“

Udo Griwahn kennt sie alle. Er baute ein fünf Tonnen schweres Geläut einer Stralsunder Kirche zusammen mit seinem Kollegen Mathias Heitmann aus. Er weiß, dass die älteste datierte Glocke, an der er arbeitete, aus dem Jahr 1366 stammt und in Japenzien bei Anklam hängt. Er ist sicher, dass elektrisches Läuten schonender ist, seitdem er die Glocke aus Binz kennenlernte, die noch bis vor eineinhalb Jahren von Hand geläutet wurde. Und er weiß auch, dass Koserow auf der Insel Usedom auf seine verzichten muss, weil sie nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder zurück in die Heimat kehrte, sondern stattdessen noch heute im Heimatmuseum in Stettin ausgestellt ist. „Es gibt nur zwei Kirchen in ganz MV, die nach dem Krieg ihr komplettes Geläut zurückbekamen: Grimmen und Klütz in Nordwestmecklenburg.“ Die Antwort, welche seine liebste Glocke sei, kommt wie aus der Pistole geschossen - zu oft fragten ihn Journalisten danach: „Die Heimatglocke ist immer die Schönste, ganz egal wie sie klingt.“

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Udo Griwahn beim Ausbau einer Glocke in Dabel. Auch die Wartung von Turmuhren gehört zu seinem Geschäft. Quelle: Carolin Riemer

Mit Stimmgabel, Ölkanne, Werkzeug und „messerscharfem“ Blick rückt Udo Griwahn den Glocken auf den Leib. Er prüft die Aufhängung, sucht nach Rissen und läutet zur Probe. Seit 30 Jahren ist es für ihn zum Alltag geworden, auf Kirchtürme zu klettern, an manchen Tagen bis zu sechs Mal. Da schmerzen die Knie schon manchmal. „Vor allem, wenn man einen 70 Kilo schweren Klöppel auf einer schmalen Wendeltreppe nach oben schleppt.“ Es sei ein Multiberuf, für Udo Griwahn ist er gleichzeitig Traumberuf, an den er fast zufällig geriet. Pastor Prophet aus Reinkenhagen sprach ihn vor mehr als drei Jahrzehnten an, da die Glocke im Dorf verstummt war. „Ich bastelte sie wieder heil und fand Gefallen an der Arbeit.“ Zusammen mit seinem Vater schmiedete er den Plan und wagte in der Wendezeit den Schritt in die Selbstständigkeit. „Zu DDR-Zeiten war es eher unerwünschter Beruf, da sollten die Kirchen schweigen.“ Udo Griwahns Ziel ist natürlich das genaue Gegenteil. Die erste Anlage baut er in Kirch Baggendorf ein. Dass er seine Arbeit gewissenhaft erledigt, spricht sich in Kirchenkreisen schnell rum. Mittlerweile sind die Auftragsbücher prall gefüllt. Dringend suche er einen Elektriker, der das Duo verstärken soll. „Es wäre ein sicherer Job mit Zukunft, wir haben unglaublich viel zu tun.“

Von der Hand geläuteten Glocke bis hin zum modernen Transrapid, bei dem das Geläut mithilfe von Magnetkraft in Schwung kommt, jeder Tag birgt andere Aufgaben. Junge Pastoren steuern sie via Smartphone oder Funkfernbedienung. „Ältere bevorzugen das urige Handgeläut und finden, dass die moderne Technik Teufelszeug ist.“ Udo Griwahn ist das nicht wichtig. Hauptsache, die Glocken bringen den Menschen das Gefühl von Heimat.  

Carolin Riemer