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Grimmen Fußlappen gegen Schnee und Frost
Vorpommern Grimmen Fußlappen gegen Schnee und Frost
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06:32 26.01.2019
Jahrhundertwinter: Schwere Räumtechnik kam auch im Kreis Grimmen zum Einsatz
Jahrhundertwinter: Schwere Räumtechnik kam auch im Kreis Grimmen zum Einsatz Quelle: Hartmut Klonowski
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Grimmen

Anfang Februar ging es noch einmal so richtig los. Der Schnee-Nachschub kam - vor 40 Jahren. „Damals war ich total eingeschneit“, erzählt der Grimmener Harry Schmidt (64).

Mehrere Grimmener wollten damals mit einem Robur-Bus nach Stralsund zur Arbeit fahren. Harry Schmidt war Elektromonteur im VEB Dienstleistungskombinat und einer von ihnen. Der Bus des KIB (Kraftfahrzeuginstandsetzungsbetriebes in Grimmen) brachte täglich Arbeitskräfte für verschiedene Betriebe in die die Hansestadt. An jenem Tag waren es 20 Personen, davon zwei Frauen. „Schon kurz nach der Abfahrt in Grimmen überlegten wir, ob wir wieder umkehren“, erinnert sich der damals 24-Jährige. Schneewehen und Neuschnee behinderte das Vorwärtskommen und die Grimmener waren ja noch gewarnt vom Jahresanfang, als schon einmal ein paar Tage lang aufgrund des plötzlichen und gewaltigen Wintereinbruchs kaum noch etwas ging. „Am Neujahrstag 1979 war ich übrigens auch dabei, als wiederholt versucht wurde, den eingeschneiten Zug zwischen Grimmen und Rakow aus den Schneemassen zu befreien. „Aber vergebens. Wir schippen eine Schippe voll Schnee weg und ruckzuck waren drei wieder auf die Gleise geweht“, erzählt Harry Schmidt.

Die Busfahrt Anfang Februar war dann in der Kurve bei Steinhagen für die Grimmener beendet. „Vor uns stand der Verkehr still, wir versuchten noch, auf der Straße zu drehen, und haben das sogar geschafft“, sagt Harry Schmidt. Aber in Richtung Grimmen war die Straße dann schon total zugeweht, der Bus drehte in den Ort Steinhagen ab und fuhr zur dortigen Gaststätte.

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„Fast eine Woche lang haben wir dann dort ausgeharrt“, sagt Schmidt. „Gehaust haben wir in der Schule – alle 20 Mann.“ Ihre Hauptaufgabe sei es gewesen, die Schule zu beheizen Tag und Nacht – damit die Wasserleitung nicht einfriert. Betten hätte es in der Schule natürlich nicht gegeben. Harry Schmidt: „Wir schliefen auf diesen kleinen Kinderliegen, auf denen die Jungen und Mädchen im Schulhort sonst ihren Mittagsschlaf machten.“ Wenn die Grimmener nicht gerade heizten, hielten sie sich meist in der Gaststätte auf. „Wir haben den ganzen Tag lang Karten gespielt“, erzählt Harry Schmidt davon, wie sie sich die Zeit vertrieben. In der Gaststätte wurden die vom Schnee Eingeschlossenen auch mit Essen versorgt. „Dreimal am Tag gab es Bockwurst“, berichtet Harry Schmidt von der nicht gerade kulinarischen Vielfalt. Nach einigen Tagen hätten sie genug davon gehabt und seien bis zum fast eingeschneiten Dorfkonsum vorgedrungen, und die beiden Grimmener Frauen haben dann aus dort vorhandenen Lebensmitteln notdürftig einen Eintopf gekocht. Die Grimmener hatten damals in Steinhagen allerdings kaum Geld dabei, da sie ja ursprünglich nur für einen Tag zur Arbeit wollten. Deshalb wurde angeschrieben. Die Betriebe übernahmen diese „Schulden“ später.

Jahrhundertwinter 14. Februar 1979 Kameraden des DRK Grimmen verteilen mit einem geländegängigen Krankenwagen Lebensmittel Quelle: Repro

Nach einer knappen Woche hätten sich schließlich zehn Grimmener entschieden, es zu Fuß nach Hause zu versuchen, die beiden Frauen waren auch dabei. Die Steinhagener Kreuzung war dann schon auf sieben Meter Schneehöhe zugeweht, die Straßenlampen waren längst nicht mehr zu sehen. „Wir sind quer über den Acker los, das war gar nicht ungefährlich. Wir haben keine Gräben und Wege gesehen und mussten zuvor ein Papier unterschreiben, dass wir uns auf eigene Gefahr auf den Weg machen“, erzählt Schmidt. „Wir waren ja auch gar nicht für dieses Wetter gekleidet, weil wir ursprünglich nur mit dem Bus zur Arbeit fahren wollten“, ergänzt er. Aus Decken, die ursprünglich die lauten Motorgeräusche dämmen sollten, hätten sie die Wanderer Fußlappen geschnitten und so die Füße in den Halbschuhen vor Schnee und Frost geschützt. „Und dann ging es los“, sagt Harry Schmidt. In Höhe Abtshagen stießen die Grimmener auf eine zweite Truppe, die dort in der Gaststätte übernachtet hatte und das letzte Stück nach Grimmen legten sie gemeinsam zurück. Kurios: Nur einen Tag später war die Straße von Grimmen nach Stralsund wieder frei befahrbar. „Wir hatten aber dann schon unsere 16 Kilometer zu Fuß durch den Schnee hinter uns“, so Harry Schmidt.

Vom Winter hatte Harry Schmidt deshalb noch lange nicht genug: Bis zum 2017 war der heute 64-Jährige regelmäßig in Grimmen im Winterdienst im Einsatz. „2010/2011 hatten wir auch ordentlich Schnee“, erinnert er sich. „Aber solche Massen wie vor 40 Jahren doch nie wieder.“

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