Im Simulationszentrum in Misdroy trainieren Retter aus Vorpommern mit
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Grimmen Im Simulationszentrum in Misdroy trainieren Retter aus Vorpommern mit
Vorpommern Grimmen

Im Simulationszentrum in Misdroy trainieren Retter aus Vorpommern mit

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08:01 31.01.2020
Die Retter trainieren eine Herzdruckmassage am fiktiven Patienten. 
Die Retter trainieren eine Herzdruckmassage am fiktiven Patienten. 
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Misdroy/Insel Usedom

Blutüberströmt liegt der Unterschenkel neben der Motorkettensäge. Schmerzschreie und Sirenengeheul sind zu hören. Bartosz Tollocko springt mit seinen beiden Kollegen aus dem Rettungswagen, um zu helfen.

Jeder Handgriff sitzt. Der abgetrennte Unterschenkel gehört glücklicherweise einer Puppe, die als Waldarbeiter in einem Raum inmitten von Holz und Waldtapete am Boden liegt. In dem Rettungswagen wurde das Trio zwar ordentlich durchgeschüttelt, gefahren ist es aber keinen Millimeter. Bei dem Fahrzeug handelt es sich um eine mit mehreren Achsen ausgerüstete Plattform, die für realistische Bedingungen während einer Fahrt sorgt.

Schulung für Rettungsassistenten und Notärzte

Der Unfall im Wald ist nur eines von vielen Szenarien, die nun im neuen Rettungsdienstlichen Simulationszentrum des Rettungsdienstes der Woiwodschaft Westpommern in Misdroy – 20 Kilometer von Swinemünde entfernt – durchgespielt werden können. Rettungsassistenten und Notärzte aus Deutschland und Polen sollen in dem Zentrum künftig geschult werden. Mit dem Ziel, die grenzüberschreitende Versorgung von Notfallpatienten zu optimieren.

Bildergalerie: So trainieren deutsche und polnische Retter

Neues Simulationszentrum in Misdroy eröffnet

Die Schulungsräume wurden mit dem Nachbau des Patientenraums im Rettungswagen sowie mit fünf Patientensimulatoren ausgestattet. „Sie verfügen über Funktionen wie bei lebendigen Menschen“, erklärt Zbigniew Pankowski von der Rettungswache Misdroy. Weil das Zentrum mit einer Anlage zur Ton- und Bildaufzeichnung ausgestattet ist, können die Schulungssituationen eines Teams komplex eingeschätzt und beurteilt werden.

Retter mussten polnisch büffeln

80 Rettungskräfte auf polnischer und deutscher Seite wurden für den grenzenlosen Einsatz geschult. Drei Wochen lang haben Kollegen von den Rettungswachen Heringsdorf, Trassenheide, Koserow, Anklam, Greifswald und Wusterhusen polnisch gebüffelt, ihre Mitstreiter aus Polen die deutsche Sprache. „Es ging um die Grundlagen der Grammatik sowie die medizinische Kommunikation“, sagt Prof. Bernhard Brehmer vom Institut für Slawistik an der Uni Greifswald. Das Institut hat mit dem Greifswalder Notarzt Tomasz Ucinski den Sprachkurs für die Rettungskräfte entwickelt. Fachbegriffe wie Erkrankungen, Kreislauf, Blutdruckwerte oder Puls müssen gelernt sein, um im Ernstfall Leben zu retten.

Diese Simulatoren gibt es im neuen Zentrum

Der Simulator des Patientenraums im Rettungswagen ist ein Nachbau des echten Patientenraums, der auf einer Plattform steht. So können realistische Bedingungen während einer Fahrt trainiert werden.

Der mobile Traumasimulator widmet sich dem erwachsenen Menschen. Er ermöglicht Schulungen unter verschiedenen Witterungsverhältnissen sowie unter natürlichen und schwer erreichbaren Bedingungen. Zu seinen Funktionen gehören realistisch ausgebildete Atemwege, reale Geräusche, Augenzwinkern oder tastbarer Puls. Er besitzt auch blutende Stellen.

Der Patientenrettungssimulator eignet sich für spezialisierte medizinische Maßnahmen. Er besitzt Funktionen wie Schwitzen, Tränen, Erblassen oder Augenbewegungen.

Das realistische Verhalten der gebärenden Frau und des neugeborenen Kindes kann der Geburtssimulator nachempfinden. Er ist mit einem natürlich ausgebildeten Becken, Geschlechtsorgan und Geburtskanal ausgestattet. Die Puppe ermöglicht die automatische Drehung des Kindes während der Entbindung. Der Fötuskopf kann in verschiedenen Positionen eingesetzt werden.

Der Neugeborenensimulator wurde entsprechend typischer Erkrankungen und Verletzungen bei Babys unter Berücksichtigung physiologischer Veränderungen entwickelt. Sauerstoffsättigung, Blutdruck und Körpertemperatur können gemessen werden. Auch ein EKG ist möglich.

Der pädiatrische Rettungssimulator ähnelt in seiner Spezifik dem Neugeborenensimulator, aber die Software wurde für die physiologischen Veränderungen in der Altersspanne 5 bis 7 Jahre ausgelegt. Von der anatomischen Ausführung erinnert die Puppe an ein Kind in diesem Alter.

Immer mehr deutsche Touristen zieht es nach Polen. Auf deutscher Seite sind viele polnische Arbeitskräfte in Hotels und Restaurants beschäftigt. Der Grenzraum wächst weiter zusammen. „Im Notfall müssen beispielsweise die deutschen Kollegen den polnischen Patienten verstehen können. Hat er Schmerzen? Hat er Allergien? Die Rettungsteams müssen auch untereinander kommunizieren können, wenn ein Patient übernommen wird“, sagt Dr. Marie-Luise Rübsam, Notärztin der Universitätsmedizin Greifswald, dem Leadpartner des knapp 2,4 Millionen Euro teuren Projekts. Knapp zwei Millionen Euro gab es aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.

 „Ein Meilenstein in der Zusammenarbeit“

Neben der Uni Greifswald waren Rettungsdienste aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und der polnischen Woiwodschaft Westpommern Wegbereiter des auf drei Jahre angelegten Pilotprojekts „Integrierter grenzüberschreitender Rettungsdienst Pomerania/Brandenburg“. Für die Notärztin von der Unimedizin ist das „ein Meilenstein in der Zusammenarbeit“. Die grenzübergreifenden Einsätze nehmen zu. „2017 wurden 35 polnische Patienten auf deutscher Seite versorgt. 2018 hatten wir schon 82 Rettungseinsätze“, betont die Medizinerin.

Damit die grenzüberschreitende Notfallrettung auch auf dem Papier verankert ist, soll noch in diesem Jahr ein Kooperationsvertrag zwischen der Woiwodschaft Westpommern und dem Landkreis Vorpommern-Greifswald geschlossen werden. Bereits 2011 haben Deutschland und Polen ein Rahmenabkommen über die Zusammenarbeit im Rettungsdienst unterzeichnet.

Modernste Technologie im Zentrum

Auf die modernste Technologie können die Retter in dem neuen Simulationszentrum zurückgreifen. Die Simulatoren reagieren in Echtzeit und der menschlichen Physiologie entsprechend auf einzelne Maßnahmen wie medizinische Eingriffe oder verabreichte Medikamente. „Das sind realistische Szenarien“, sagt Roman Palka, Direktor des Rettungsdienstes der Woiwodschaft Stettin. Die Partner arbeiten seit sechs Jahren an dem notfallmedizinischen Trainingsprojekt, das an der deutsch-polnischen Grenze einmalig ist.

Alle Geräusche von Herzinfarkt- oder Kreislaufpatienten sowie vom Geburtssimulator kommen von einer Steuerzentrale. Die sorgt auch dafür, dass die Puppe beim Training schwitzen kann, Speichel produziert, die Augenlider flattern und auf Licht reagierende Pupillen zeigt. Auch vor anschwellender Zunge, Hals oder Kehlkopf macht die Technik nicht Halt.

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Von Henrik Nitzsche