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Impfpriorisierung fällt weg: Wie gut ist Vorpommern-Rügen vorbereitet?

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06:57 07.06.2021
Alle über Zwölfjährigen können sich ab sofort um einen Impftermin bemühen. Bei Thomas Riegel, Hausarzt in Stralsund, ist jedoch Geduld gefragt.
Alle über Zwölfjährigen können sich ab sofort um einen Impftermin bemühen. Bei Thomas Riegel, Hausarzt in Stralsund, ist jedoch Geduld gefragt. Quelle: Wolfgang Kumm/dpa (l.), privat
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Stralsund

Neues von der Front im Kampf gegen Corona: Ab heute fällt die Impfpriorisierung in Deutschland weg. Alle Personen, die älter als zwölf Jahre sind, können sich ab sofort um einen Impftermin bemühen. Doch wie gut sind der Landkreis Vorpommern-Rügen und die impfenden Ärzte in den Praxen darauf vorbereitet?

Dörte Lange sagt, der Kreis sehe den Schritt „kritisch“. Warum? „Es steht nicht ausreichend Impfstoff für alle Prio-Gruppen zur Verfügung. Weiterhin gilt es, Personen aus den Prio-Gruppen zwei und drei zu impfen, denn ein Großteil von ihnen ist noch nicht geimpft“, so die Sprecherin von Vorpommern-Rügen. Dazu zählen zum Beispiel Menschen, die älter als 60 Jahre sind, medizinisch vorbelastete Personen und Personal in Kitas und Supermärkten.

Mehr Impfstoff wird es nicht geben

Der Impfstoffmangel wird der limitierende Faktor bleiben. Deshalb seien laut Lange die Impfzentren des Kreises nur zu etwa 60 Prozent ausgelastet. „Aktuell verimpfen wir die Stoffe von Biontech, Moderna und Johnson & Johnson. AstraZeneca wird ausschließlich für die Zweitimpfungen genutzt.“ Trotz Aufhebung der Priorisierung werde der Kreis nicht mehr Impfdosen bekommen.

Allerdings sollen die niedergelassenen Ärzte stärker eingebunden werden. Alle Ärzte mit Kassenzulassung – also auch beispielsweise Gynäkologen, HNO-Ärzte und Orthopäden – dürfen gegen das Coronavirus impfen und können selbst entscheiden, ob sie es tun. 300 000 Impfdosen erhalte die Ärzteschaft in MV in diesem Monat, sagt Gunnar Bauer, Sprecher des Schweriner Gesundheitsministeriums. Wie viel davon in Vorpommern-Rügen ausgeliefert wird, ist nicht klar.

So bekommen Sie einen Impftermin

1. Impfzentrum: Vereinbaren Sie einen Termin in einem Impfzentrum über die Hotline des Landes: 0385 / 20 27 11 15. Alternativ können Sie sich online registrieren auf www.corona-impftermin-mv.de.

2. Hausarzt: Kontaktieren Sie Ihren Hausarzt oder einen Facharzt, der Impfungen verabreicht. Die Praxen koordinieren ihre Listen selbst, diese können allerdings schon sehr lang sein.

3. Impfaktionen: Auch Betriebsärzte können nun in den Firmen Personal impfen. Zudem gab es im Land bereits mehrere Sonderimpftage, zuletzt in Wolgast mit 700 Anmeldungen. In der Regel erscheinen aber nicht alle Personen. Falls Sie mobil sind, könnte es sein, dass Sie bei solch einem Sonderimpftag Glück haben. Am besten vorher telefonisch abklären, ob auch Personen aus anderen Landkreisen geimpft werden.

Wichtig: Sie müssen selbst aktiv werden. Es gibt keine Einladungen oder Impfberechtigungen per Post.

Arztpraxen stehen vor dem Sommerurlaub

Fragt man die Ärzte der Region lautet die Antwort meistens wie die von Petra Kümmel: „Es gibt nicht mehr als vorher.“ In ihrer Gemeinschaftspraxis in Grimmen arbeiten drei Mediziner, im Schnitt bekomme jeder 36 Dosen Biontech und 50 Dosen AstraZeneca pro Woche. „Wir haben eine Warteliste und priorisieren. Das heißt, wir ziehen zum Beispiel die Schwerkranken vor.“ Eine weitere Hürde für gesunde, junge Impfwillige: „Wir gehen bald in den Sommerurlaub.“ Bis dahin sei die Liste schon voll – für Biontech. „Wer Astra haben möchte, kann es haben.“

Ähnlich sieht es aus bei Malte von Blumröder, Allgemeinmediziner in Ribnitz-Damgarten. Er informiert auf seiner Internetseite: „Häufig ist es möglich, gleich zu impfen, sonst merken wir Sie vor.“ Er bittet zudem um Verständnis, „wenn wir auch nach der offiziellen Aufhebung der Priorisierung ab 7. Juni Menschen mit hohem Risiko bevorzugt impfen“.

Vier bis sechs Wochen Geduld

Auch Stefan Tomschin, Hausarzt in Binz, will weiter priorisieren: „Wir bitten jüngere, mobile Patienten, sich an die Impfzentren zu wenden. Ältere, die sich nicht online einen Termin buchen können, werden bevorzugt.“ Im Mai hat das Team der Praxis 400 Impfungen verabreicht. „Damit sind wir an der Grenze des Möglichen.“ Die nächsten freien Termine seien in „vier bis sechs Wochen“.

Schneller geht es bei Thomas Riegel, Hausarzt in Stralsund: „Eine Impfung mit AstraZeneca ist in etwa zwei Wochen möglich.“ Wer Biontech haben möchte, müsse mehr Geduld haben. „Aufhebung der Priorisierung bedeutet ja nicht, dass man gleich eine Impfung bekommt“, führt er aus. Zudem würden sich nun auch über 80-Jährige melden, die zunächst abwarten wollten.

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Impfung von Kindern? Ärzte sind zurückhaltend

Unklarheiten gibt es in Bezug auf die Impfung von Kindern: „Maßgeblich für die grundsätzliche Altersfreigabe ab zwölf Jahren ist die Zulassungserweiterung für den Covid-19-Impfstoff von Biontech/Pfizer durch die Europäische Arzneimittel-Agentur sowie die Zustimmung der Europäischen Kommission“, sagt Ministeriumssprecher Bauer. „Für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren kann ein Termin insbesondere bei den niedergelassenen Ärzten anfragt werden.“

Doch in diesem Punkt gibt es Skepsis in den Praxen. „Wir impfen erst ab 16 Jahren“, sagt beispielsweise Diplom-Medizinerin Petra Kümmel. „Bei Jüngeren überlassen wir das den Kinderärzten.“ Das handhabt auch der Stralsunder Dr. Riegel so. Dr. Tomschin von der Insel Rügel will nur in Ausnahmen unter 18-Jährige impfen, etwa chronisch Kranke: „Eine flächendeckende Impfung von Kindern werden wir aber nicht vornehmen, denn sie werden schon regelmäßig getestet. Risiko und Nutzen müssen abgewogen werden.“

Auch bei den Impfzentren des Landkreises gibt es in der Frage laut Sprecherin Dörte Lange „noch keinen finalen Plan“. Klar ist nur: „Extra-Impfstoff für Kinder ist dafür bislang nicht vorgesehen.“

Von Kai Lachmann