Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Grimmen Jager: Ein Dorf mit Kapelle, Opernale und vielen Begegnungen
Vorpommern Grimmen Jager: Ein Dorf mit Kapelle, Opernale und vielen Begegnungen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:39 02.08.2019
Sabine Petters kümmert sich seit Jahren um die kleine Kapelle in Jager.
Sabine Petters kümmert sich seit Jahren um die kleine Kapelle in Jager. Quelle: Almut Jaekel
Anzeige
Jager

Ein Glockenturm, eine Kanzel, eine Empore, ein externer Glockenstuhl – das alles gibt es in Jager. Und nein, dort steht nicht etwa eine gewaltige Kirche, sondern ein kleines Kapellchen, aber so liebevoll gebaut, dass all jene Details dort zu finden sind.

Tolles Dorf

Liebevoll ist auch genau das richtige Wort, wenn man beschreiben möchte, wie Sabine Petters sich um diese Kapelle bemüht. 1830 sei sie erbaut worden, erzählt die Frau, die einst nach Jager kam, weil ihr Mann kurz vor ihrem Kennenlernen dort ein Haus gekauft hatte. Und sie blieb, hat Jager zu ihrem Zuhause gemacht. „Es ist ein tolles Dorf, weil wir hier generationsübergreifend so schön zusammenleben“, sagt sie. Da treffen sich so unterschiedliche Menschen wie die Opernale-Künstler mit dem Baumarkt-Verkäufer. Und alle haben sich etwas zu sagen, beschreibt sie. „Ich bin total gern hier“, sagt Sabine Petters, die an der Stralsunder Fachhochschule tätig ist, nachdem sie beruflich viel ausprobieren durfte und musste.

Das kleine Dorf Jager wird geprägt von der Kapelle, der Opernale und dem Zusammengehörigkeitsgefühl.

Es hört sich ein bisschen nach heiler Welt an, wenn Sabine Petters davon erzählt, dass die Kinder auf der Straße noch grüßen, dass man sich einfach so beim Nachbarn Mehl und Zucker borgen kann und bei vielen Geburtstagen die meisten Dorfbewohner anzutreffen sind.

Die gute Seele

„Wir können hier in Jager wirklich noch miteinander reden“, sagt auch Helga Jesse, wohl die gute Seele des Dorfes. Die 75-Jährige schätzt die guten Begegnungen im Ort und, dass einem geholfen werde, wenn man Hilfe braucht. Trotzdem sei niemand aufdringlich, ergänzt sie gleich darauf.

Auch Sohn und Tochter leben in Jager, der Sohn gleich nebenan, die Tochter mit der Familie einen Hof weiter. Sorgen macht sich Helga Jesse, dass es in ihrer Kirchgemeinde Horst bald keinen Pastor mehr gibt, der jetzige geht in den Ruhestand. „Dann haben wir hier in vier Kirchengemeinden ringsum keinen Pastor mehr“, bedauert sie und hofft auf eine schnelle Lösung. Denn mit Seniorenkreisen, dem Kirchenkino, dem traditionellem Kirchsteigtreten, Osterfeuern und Adventsaktivitäten sei allerhand los in der Gemeinde. Doch der Motor des Ganzen müsse der Pastor oder die Pastorin sein, sagt sie. „Die jungen Leute, die arbeiten gehen, können so etwas nicht aus dem Ärmel schütteln.“

Offene Kapelle

Helga Jesse hat einen Schlüssel für die kleine Kapelle gleich neben ihrem Haus. Zwar ist das eine sogenannte offene Kapelle, und immer morgens öffnet Sabine Petters mit ihrem Mann die Tür, zündet eine Kerze an. Abends wird sie wieder verschlossen. Wer dann dennoch ins Innere will, meldet sich einfach im Nebenhaus bei Helga Jesse.

Seit 2014 kümmert sich Sabine Petters um die Kapelle. Ein Herbstputz sei für sie der Anlass gewesen, die Kapelle zu beleben. „Da habe ich einfach angefangen mit ganz simplen Angeboten“, sagt sie. Auszeiten soll die Kapelle bieten, innere Einkehr möglich machen. Selbst suchte sie damals nach Antworten und will auch anderen Menschen dabei helfen. Kalligrafien von ihr schmücken die Wände, mittwochs um 19 Uhr gibt es immer das Angebot „Stille am Mittwoch“, Besucher können Gebetswünsche anonym abgeben, kleine Dinge mitnehmen, es gibt viele Sprüche zu lesen, viel gucken, erfahren.

Bau von 1830

Die Kapelle hat viel, einiges aber auch nicht: nämlich Strom, Licht und Wasser. Besonders für die Friedhofsbesucher ist der Wassermangel beschwerlich. Erstmals erwähnt wurde eine Kapelle in Jager übrigens schon 1697 auf einer schwedischen Matrikelkarte. 1830 allerdings erst wurde der jetzige Bau errichtet, da der vorherige Fachwerkbau marode war.

„Die meisten Menschen, die die Kapelle besuchen, sehe ich nicht“, sagt Sabine Petters. Aber laut Gästebuch sind es nur wenige aus dem Umkreis. Manche kommen zufällig als Pilger oder per Rad vorbei, auch Kinder besuchen immer wieder gern diesen Ort und hinterlassen ganz selige Kinderwünsche beispielsweise für ihre verstorbene Katze.

In einem Jahr sei ein Mann immer wieder eingekehrt und hatte Gebetswünsche für seine kranke Frau hinterlassen. „Ich habe ihn nie gesehen“, sagt Sabine Petters.

Es würden nicht nur Christen kommen, weiß sie. „Unsere Kapelle ist ein guter Ort, auch für Menschen, die nicht im christlichen Glauben verwurzelt sind“, ist sie überzeugt.

Pilgern in Jager

Auch gepilgert wird in Jager. Denn schließlich führt dort die Via Baltica, die zum Routennetz des berühmten Jakobsweges gehört, vorbei. Viele tun das allein und über eine längere Zeit. „Wir bieten hier auch die Möglichkeit, das Pilgern gemeinsam auszuprobieren“, sagt Sabine Petters. Zwei Termine mit dem Angebot von Greifswald bis Jager über 14 Kilometer zu pilgern gab es bereits. Am Sonnabend (3. August) geht es über 19 Kilometer von Jager bis Grimmen und am 21. September besteht diese Möglichkeit (jeweils ab 10 Uhr) ebenfalls. Allerdings sollte man sich möglichst vorher anmelden, bittet Sabine Petters (Email: sabine petters@t-online.de).

Zwei Konzerte stehen in diesem Jahr außerdem an: am 24. August um 19 Uhr mit Joanna Gemma Auguri und am 8. September um 17 Uhr mit dem Neue Horizonte-Duo Ingeborg Sawade und Berthold Paul (im Rahmen der Konzertreihe „Horster Herbst“).

Lesen sie weiter in Dorfgeschichten Jager:

* Opernale ist in Jager zu Hause

* Höfe in Jager noch heute erhalten

Almut Jaekel

02.08.2019
02.08.2019
02.08.2019