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Grimmen Kassner: „Die Reform war gruselig“
Vorpommern Grimmen Kassner: „Die Reform war gruselig“
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00:00 19.11.2014
Kerstin Kassner, Bundestagsabgeordnete der Linken, war gestern zu Besuch im „Pommernhus“ , um hier mit den Senioren die „Bundespolitik durch die ostdeutsche Brille“ zu diskutieren.
Kerstin Kassner, Bundestagsabgeordnete der Linken, war gestern zu Besuch im „Pommernhus“ , um hier mit den Senioren die „Bundespolitik durch die ostdeutsche Brille“ zu diskutieren. Quelle: Reinhard Amler
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Eines muss man Kerstin Kassner lassen. Die Bundestagsabgeordnete der Linken hat es gestern im Grimmener „Pommernhus“ der Volkssolidarität schnell geschafft, die Leute zum Diskutieren zu bringen. Möglicherweise lag es am von ihr gewählten Motto der Veranstaltung, das hieß: „Bundespolitik durch die ostdeutsche Brille betrachtet“. Denn da passte nun wirklich alles rein:

Selbst der Bundespräsident aus Rostock, der verheiratet ist und eine Geliebte als First Lady hat, wie es ein älterer Mann darstellte, über die immer noch ungleichen Renten in Ost und West sowie die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht. „Er war es nicht“, lautete die Botschaft aus dem „Pommernhus“, die sicher auch Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) freuen dürfte. Er hatte kurz vor dem 25. Mauerfall-Jubiläum das Thema angeschnitten, und dafür vor allem im Westen Prügel einstecken müssen. Zumindest bei älteren Grimmenern hat er mit seiner Ansicht aber gepunktet.

Dabei hatte Kassner in ihrem einleitenden Vortrag den Begriff nicht ein einziges Mal erwähnt. Wohl aber hatte sie über ostdeutsche Befindlichkeiten gesprochen, die im Bundestag kaum bekannt seien, wie sie festgestellt habe. „Viele der Abgeordneten wissen gar nicht, wie es hier wirklich aussieht“, sagte sie. Und damit zielte die 56-Jährige vor allem auf die Situation in den Dörfern und Städten zwischen Sassnitz und Grimmen ab. Dort fehlt vor allem Geld, um kommunalpolitisch überhaupt etwas bewirken zu können. „Wir leben hier nicht in der Welt der Glückseligen“, ist Kassners Meinung angesichts nach wie vor hoher Arbeitslosigkeit und damit verbundener Abwanderung junger Leute. Viele der 25 Zuhörer nickten ihr dabei zu. Eine Frau, Mitte 60, sagte: „Wer heute von DDR-Unrecht redet, sollte auch die vielen Ungerechtigkeiten benennen, die es heute gibt. „Es ist nicht bergauf gegangen“, meinte sie.

Als Opposition sei es ihre Aufgabe, Probleme ständig anzusprechen, wohlwissend, dass die Linke mit ihren 64 von 632 Stimmen im Bundestag an der Gesamtsituation nicht viel zu ändern vermag. Erste Erfolge gäbe es aber, betonte die 56-jährige Politikerin. Und dazu gehörte die geplante Entlastung der Kreishaushalte in Bezug auf die Zahlung der Kosten für Unterkunft und Heizung für Hartz IV-Empfänger. Hier will künftig der Bund unterstützen. Auch der Landkreis Vorpommern-Rügen, dem die studierte Hotelökonomin bis zu ihrer Wahl als Beigeordnete angehörte, leidet unter explodierenden Sozialkosten. Sie sind der Grund, warum der Haushalt in Schieflage geraten ist. Denn vorher hatte es weder auf Rügen, wo Kassner von 2001 bis 2011 Landrätin war, noch in Nordvorpommern, Defizite gegeben.

Als „gruselig“ bezeichnete sie deshalb auch die 2011 in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführte Kreisgebietsreform, bei der sich Nordvorpommern, Stralsund und Rügen zusammenschließen mussten. Kassner verlor dabei ihren Landratsposten, weil sie in der Direktwahl dem Nordvorpommern Ralf Drescher (CDU) unterlag. „Nein, wir lieben uns auch heute noch nicht“, sagte sie auf eine diesbezügliche Frage, betonte aber gleichzeitig, mit Drescher an einem Strang zu ziehen, wenn es um die regionale Interessen gehe. Es sei auch kein Missmanagement, nahm sie den CDU-Politiker in Schutz, wenn der Landkreis heute mit Millionen Schulden zu kämpfen habe. Die seien eher Ausdruck zu schlechter Ausstattung durch Land und Bund. Durch den damit verbundenen Druck, sparen zu müssen, würde es immer mehr zur Entdemokratisierung kommen, betonte Kassner. Darunter leide die Teilhabe der Bürger. Um dem entgegen zu wirken, will sie alle, auch kleine Formen, nutzen, Einwohner einzubeziehen. Der gestrige Dienstag war ein Beispiel. Nach dem Forum im „Pommernhus“ war Kassner noch bei Grimmens Vize-Bürgermeister Roland Wildgans, um sich bei ihm über Probleme in der Kleinstadt zu erkundigen.

Tags zuvor hatte sie mit Mitarbeitern der Tafel in Gützkow (Landkreis Vorpommern-Greifswald) über deren Sorgen beraten. Hier habe sie wieder einmal erfahren müssen, wie wichtig es sei, Menschen zusammen zu bringen, damit sie nicht vereinsamen. Auch junge Dauerarbeitslose würden darunter leiden, meinte Kassner.

Grimmen sei für sie wichtig, sagte sie. Deshalb will sie auch bald wiederkommen. Am 11. Dezember ist sie in der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenwieden zu Gast, um 4500 Euro zu überreichen. Das Geld stammt aus einem von der Linksfraktion im Bundestag aufgelegten Fonds, in den jeder der 64 Abgeordneten monatlich einen Obolus einzahlt.

Wir leben hier nicht im Reich der Glückseligen“Kerstin Kassner (56), Bundestagsabgeordnete der Linken



Reinhard Amler