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Grimmen Kreuzfahrtschiffe bringen 55.000 Passagiere nach Vorpommern
Vorpommern Grimmen Kreuzfahrtschiffe bringen 55.000 Passagiere nach Vorpommern
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22:34 27.04.2019
Das Polar-Kreuzfahrtschiff „Ocean Nova“ eröffnete am 17. April die Kreuzfahrtsaison in Stralsund. Hier fährt sie durch die geöffnete Ziegelgrabenbrücke.  Quelle: Eckhard Fraede
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Greifswald/Stralsund

Es war schon etwas Besonderes, was da jüngst auf Sund- und Boddengewässern kreuzte: die schneeweiße 56 Meter lange „Horyzont II“. Sie fuhr im Auftrag der Vereinigung „Small Cruise Ships in South Baltic Destination“, die unter EU-Schirmherrschaft steht. Innerhalb eines Monats besuchte das polnische Forschungsschiff verschiedene kleinere Häfen an der vorpommerschen, schwedischen und polnischen Küste. Und fiel natürlich auf – obwohl es beileibe kein Einzelfall ist, dass Schiffe dieser Größenordnung in Vorpommern Halt machen. Mit dem MS „Ocean Nova“ eröffnete am 17. April ein 72 Meter langes und elf Meter breites Polarschiff die Kreuzfahrtsaison in Mecklenburg-Vorpommern. Das Schiff, das nach einer Antarktis-Tour kurzzeitig in der Ostsee kreuzte, kam mit Passagieren aus Amerika und Australien in Stralsund an. Viele weitere Touristen werden folgen. Die Stralsunder Hafenverwaltung rechnet in diesem Jahr mit 120 Besuchen von Kreuzfahrtschiffen.

Anläufe in 14 Häfen Vorpommerns

Die drastisch gestiegene Zahl der Anläufe seit 1975 belegt, dass nicht nur die großen Kreuzfahrtschiffe Gäste ins Land bringen, sondern zunehmend auch die Nachfrage nach kleineren Schiffen mit weniger Passagieren groß ist und steigt. Das betrifft in erster Linie die Flusskreuzfahrtschiffe, die gern auch vorpommersche Häfen anlaufen. In 14 Häfen des östlichen Landesteils werden in diesem Jahr Flusskreuzfahrtschiffe erwartet. Neben Stralsund und Greifswald-Wieck erwarten Vitte und Neuendorf auf Hiddensee, Lauterbach, Wittow, Breege und Ralswiek auf Rügen, Zingst auf dem Darß, Peenemünde auf Usedom, Wolgast, Barth, Anklam und Demmin Kreuzfahrtgäste.

Die Entwicklung begann im Frühjahr 1995 mit dem Anlauf des ersten Flusskreuzfahrtschiffes in Vorpommern. Damals steuerte Kapitän Johann Magner die „Königstein“ – mit 68,5 Metern Länge und 8,10 Metern Breite und Platz für maximal 68 Passagiere ein relativ kleines Schiff – erstmals von Potsdam an die Ostseeküste, zwei Jahre später sogar die schmale Peene, auch wegen ihrer einmaligen Naturlandschaft „Amazonas des Nordens“ genannt, aufwärts bis zum Kummerower See. Sozusagen eine Pionierleistung. Johann Magner aus dem sachsen-anhaltinischen Schifferdorf Bittkau an der Elbe brachte jedoch neben dem Schiff noch mehr in die Region: ein gerüttelt Maß an Kenntnissen und Erfahrung nach über 20 Schiffsführer-Jahren bei der Deutschen Binnenreederei. „Ich kenne jeden noch so kleinen Hafen des nordostdeutschen Fahrtgebietes noch aus meiner DDR-Frachtschiffzeit“.

Begeistert von der Region

Er weiß, dass die Gäste begeistert sind von der Region, nicht nur ältere Jahrgänge, sondern zunehmend auch jüngere Menschen, die mehr Wert auf Individualität statt auf Massenbetrieb legen bei einem angemessenen Preis-Leistungs-Verhältnis. Repeater, also Wiederholer, schätzen die kleinen, überschaubaren Schiffe und die ruhige Natur – abgesehen von einer seegangslosen, entspannenden Kreuzfahrt mit ständigem Landkontakt.

Seit 1975 haben sich die Häfen weitgehend auf diese Entwicklung eingestellt. Es sind Kaianlagen saniert oder gebaut worden, Fremdenführer und Busunternehmer stehen bereit, und die meisten Orte präsentieren sich saniert und ansehnlich. Unterm Strich, so Magner, „eine beachtliche touristische und infrastrukturelle Entwicklung, die aber nicht jeder nur mit lachenden Augen sieht. Es gebe, merkt er dazu an, „Verärgerungen wegen Lärm- und Abgasbelästigungen, wenn ein Schiff in der Nähe von Wohngebieten, Hotels oder Gaststätten anlegt“. Das liege nicht an den Schiffen oder Reedern, sondern „es fehlt schlicht an genügend powerstarken Landstromanschlüssen, für die anscheinend kein Geld da ist“. Eine solche Grund-Investition müssten Gemeinden leisten und weitere qualitative Rahmenbedingungen schaffen, bevor sie ihre Häfen öffnen. „Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist“, weiß der Kapitän aus leidvoller Erfahrung, „ist das Gejammer immer groß“. Eine Negativ-Entwicklung wie in dem völlig überlaufenen Venedig oder in den norwegischen Fjorden wolle man auf jeden Fall vermeiden.

Jeder Gast lässt 50 Euro im Land

Rolf Kammann von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Vorpommern denkt, dass die Region sehr viel Potenzial hat für den Kreuzfahrt-Tourismus. „Wobei wir auf ein beachtliches Natur- und Kulturpotenzial verweisen können“. Bisher hätte nach den Berechnungen seines Gesellschaft „jeder Gast rund 50 Euro im Land gelassen“. 55 000 Passagiere machen bislang im Jahr in Vorpommern Station. Bei der Entwicklung des Kreuzfahrt-Tourismus setzt Kammann zunächst auf Netzwerke, „denn nur durch Kooperation und Kommunikation kann man einseitige Entwicklungen vermeiden und gemeinsame Standards schaffen“. Eine vordringliche Aufgabe sei es, den Reiseveranstaltern und Reedereien Signale zu geben, zum Beispiel attraktive Paketlösungen zu offerieren, die das Typische einer Destination herausstellen. „Die Niederlande praktizieren das bereits erfolgreich“, bemerkt Kapitän Magner dazu, der sehr oft in dem Nachbarland unterwegs ist, „dort stimmen Infrastruktur, Angebote und Einstellungen zur Freude der Gäste und Kapitäne“.

Ideen müssten aber erst mal an den Mann gebracht werden mit „einer Art Willkommenskultur“, weiß Prokurist Klaus-Dieter Götz von der Bergen Touristik Service UG auf Rügen. „Daran müssen wir noch ziemlich arbeiten. Es gibt noch viel zu tun, bis alle Ziele erreicht sind“. Der norddeutsche Fähr-Reeder Sven Paulsen (Adler-Schiffe) aus Westerland/Sylt, der in Vorpommern bereits eine Vielzahl an Schiffstouren anbietet, zeigt bereits Interesse, das Geschäft mit Flusskreuzfahrtschiffen noch auszudehnen – „wenn es sich denn letztlich für mich rechnet“.

Peer Schmidt-Walther