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Grimmen „Die Politik macht uns kaputt“
Vorpommern Grimmen „Die Politik macht uns kaputt“
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06:03 18.08.2019
Schäfer Stephan Stockfisch mit seinen Hütehunden Alex und Lord wurden Vize-Landesmeister in Kirch Baggendorf. 550 Schafe mussten sie unter Kontrolle bringen und über einen Parcours führen. Quelle: Carolin Riemer
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Kirch Baggendorf

Der Beruf des Schäfers ist hart und vom Aussterben bedroht. Trotzdem haben die vier Männer, die am Sonnabend bei der Landesmeisterschaft im Leistungshüten in Kirch Baggendorf antreten, ihren Humor nicht verloren. Die Hüte auf den Köpfen, Lederwesten, Stiefel und ihre Schäferschippen in den Händen, so treten sie zusammen mit ihren Hunden in den Wettkampf. Für ihr Aussehen sollten alle Männer die volle Punktezahl von der Jury erhalten. Optisch erfüllen sie das Klischee des typischen Schäfers.

Stephan Stockfisch ist 44 Jahre alt und kommt aus Brandenburg. Trotzdem tritt er im Landesausscheid für Mecklenburg-Vorpommern an. Er ist Mitglied im Landesschaf- und Ziegenzuchtverband MV und in der Arbeitsgemeinschaft für Altdeutsche Hütehunde, die den wettbewerb ausrichten. Nur zwei Teilnehmer kommen aus MV. Die anderen beiden leben in Brandenburg. Es gibt nicht mehr viele Schäfer. Die Preise für Wolle sind im Keller, reich werde man auch nicht und die Schafe gönnen einem nur wenige freie Tage. Etwa 60 hauptberufliche Schäfer gibt es noch in Mecklenburg-Vorpommern. Der letzte Azubi wurde vor sieben Jahren ausgebildet.

Ein Halbehund übernimmt die halbe Arbeit des Schäfers

Gewinnt Stephan Stockfisch den Landesausscheid, darf er das Bundesland beim Bundes-Hüten Anfang September in Thüringen vertreten. Doch zunächst muss er beweisen, dass er die 550 Schafe von Gastgeber und Ausrichter Rainhard Rohde in nachgestellten Alltagssituationen unter Kontrolle hat. Die Schwarzköpfigen Fleischschafe müssen aus dem Gatter und zur Weide gelotst werden. Sie müssen eine Brücke überqueren, zeigen, dass sie keine Angst vor Autos haben und überhaupt: Stockfisch und seine Hunde Alex und Lord müssen zeigen, dass die Herde genau das macht, was Hund und Halter von ihnen verlangen. Alles geschieht unter den wachsamen Augen der Juroren. Riko Nöller (51) gehört zu ihnen. Der Mann aus Lohmen bei Güstrow kennt sich aus. Er ist 13 Mal Landesmeister, Bundessieger und vier Mal Vize-Bundessieger geworden. „Je weniger Kommandos der Schäfer seinen Hunden geben muss, desto besser“, sagt er.

Das klappt bei Stephan Stockfisch gut. Lord, ein acht Jahre alter Altdeutscher Hütehund, ist erfahren und darum auch der sogenannte Halbehund. Das bedeutet im Schäferjargon, dass er als Haupthund die halbe Arbeit des Schäfers übernimmt. Seine Laufwege werden streng bewertet. Einfach im zickzack über die Weide rennen und den Schafen die Richtung vorgeben, ist streng verboten. Er hält Abstand zu den blökenden Schafen und trotzdem beweisen sie Respekt. Wie in einer einstudierten Choreografie drehen sie sich wie ferngesteuert in die gewünschte Richtung. Trotzdem sagt Stephan Stockfisch nach etwa einer Stunde: „Schwierige Herde.“ Dann geht er einen Mittagsschlaf in seinem Auto halten. Am Ende wird er den zweiten Platz belegen.

„Die Politik macht uns kaputt“

Der heimliche Favorit ist Mario Reinhäkel (54) schon bevor er mit Hexe und Betty die Weide betritt. Der Brandenburger arbeitet seit 39 Jahren als Schäfer und zieht in alter Manier mit seinen Tieren über die Dörfer. Das sei aber schwierig geworden, erzählt sein Kollege Maik Gersonde (52) aus Schlesin bei Dömitz. „Allein die rechtlichen Dinge: Der Verkehr auf den Straßen, die Gartenfreunde, die um ihre Blumen bangen und denken, dass ihre Vorgärten Kunstwerke sind, es gibt kaum Übernachtungsmöglichkeiten auf dem Land. Da lade ich meine Tiere lieber auf den Anhänger und fahre sie zur nächsten Koppel.“ Aber in Kirch Baggendorf kann er zeigen, dass er seinen Beruf von Grund auf gelernt hat.

Nicht nur der Wolf ist zum Feind des Schäfers geworden. Auch die Politik. „Die machen uns kaputt“, sagt Riko Nöller. Während zu DDR-Zeiten ein Kilogramm Wolle 125 Ostmark einbrachte, sind es aktuell noch 25 Cent. „Dabei ist es ein nachwachsender Rohstoff aus dem man so viel machen kann. Als Dämmmaterial ist es zum Beispiel super geeignet.“ Heute lohne sich nur noch das Halten der Fleischschafe. „Reich wird man davon auch nicht, aber man kann davon leben.“

Der heimliche Favorit macht das Rennen

Das Publikum und die Schäfer sollen recht behalten. Favorit Mario Reinhäkel holt sich den Sieg und vertritt Mecklenburg-Vorpommern beim Bundes-Hüten. „Er ist erfahren“, sagt Rainhard Rohde anerkennend. Der Schäfer aus Kirch Baggendorf ist in vierter Generation Schäfer, stellte seine Tiere für den Wettkampf zur Verfügung und bekam Unterstützung von Landwirt Thomas Hotopp, der seine Wiesen für die ungewöhnliche Landesmeisterschaft frei gab. „Schäfer ist ein wunderbarer Beruf. Man ist frei, liebt seine Tiere und ist sein eigener Herr. Es ist nur schade, dass es keine fünfte Generation Schäfer in meiner Familie geben wird. Meine Kinder haben gute Jobs. In zehn Jahren wird es solche Wettkämpfe vermutlich nicht mehr geben.“

Landesmeisterschaft im Leistungshüten

Mehr über die Autorin: Carolin Riemer

Von Carolin Riemer

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