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Grimmen Landwirte schlagen Alarm: „Wir haben die Schnauze voll“
Vorpommern Grimmen Landwirte schlagen Alarm: „Wir haben die Schnauze voll“
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16:35 10.09.2019
Agrar-Ingenieur René Rempt aus Stoltenhagen vor dem Kreuz, das er am Freitag aus Protest gegen das Agrarpaket der Bundesregierung an der B 194 bei Grimmen aufgestellt hat. Quelle: Carolin Riemer
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Grimmen

Die Bauern in Deutschland sind auf dem Kreuzzug. Seit die Bundesregierung vergangene Woche ein umfangreiches Agrarumweltpaket beschlossen hat, stellen Landwirte überall in Deutschland grüne Protest-Kreuze auf. Sie fürchten um ihre Existenz und sehen die konventionelle Landwirtschaft vor dem Aus. Das von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vorgestellte Paket umfasst unter anderem ein Insektenschutzprogramm, ein Tierwohlkennzeichen und die Umschichtung der Direktzahlungen ab 2020. Seit Freitag steht ein großes grünes Holzkreuz auch an der B 194 bei Grimmen. Aufgestellt hat es Agrar-Ingenieur René Rempt aus Stoltenhagen. Die OZ sprach mit dem 34-Jährigen darüber, wer uns künftig ernähren wird, über den Einsatz von Glyphosat und warum er aus der CDU ausgetreten ist.

Wie sieht ein Kühlschrank eines ganz normalen Menschen in Deutschland in wenigen Jahren aus?

René Rempt: Wir Landwirte, die konventionelle Landwirtschaft betreiben, können ihn dann jedenfalls nicht mehr füllen. Das Agrar-Paket bedeutet in vielen Regionen, die Abschaffung der Landwirtschaft im herkömmlichen Sinne. Die Bio-Bauern werden den Bedarf nicht decken können. Viele Menschen werden sich kein Bio-Hähnchen für 25 Euro leisten können oder wollen – also werden wir vermutlich hauptsächlich Fleisch, Gemüse und Getreide aus anderen Ländern importieren müssen.

Sie sind aufgebracht.

Oh, ja. Das bin ich! Als der Agrar-Pakt bekannt wurde, waren wir zunächst ohnmächtig. Mittlerweile wollen wir uns gegen diesen Kuhhandel zur Wehr setzen, denn die Bundesregierung verfehlt mit ihren Gesetzen so einiges und blickt weder ins Detail noch in die Zukunft.

Die wichtigsten Punkte des Agrar-Pakets

Das Bundeskabinetthat am 4. September ein Paket umstrittener Gesetzentwürfe für Tier- und Umweltschutz in der Landwirtschaft beschlossen. Die wichtigsten Punkte darin sind:-ein nationales Verbot für die Anwendung von Glyphosat bis spätestens 31. Dezember 2023.-eine systematische Minderungsstrategie für Glyphosat ab 2020 mit Verboten und Teilverboten für den Einsatz bei der Stoppel-, Vorsaat- und Vorerntebehandlung, auf Grünland, im Wald, in Weihnachtsbaumkulturen, auf Gleisanlagen, in privaten Gärten und auf öffentlichen Parkflächen.

-ein Mindestabstand zu Gewässern von zehn Metern bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und ein Abstand von fünf Metern, wenn die Abstandsfläche dauerhaft begrünt ist.

-die Einführung eines Tierwohl-Labels. Die Verwendung des Tierwohlkennzeichens ist dabei freiwillig, dreistufig und wird an die Erfüllung von Anforderungen an die Haltung, den Transport und die Schlachtung von Tieren geknüpft.

-an Direktzahlungen von der EU bekommen die Bauern ab 2020 pro Hektar etwa 4,50 Euro weniger. Das Geld soll über Agrarumweltmaßnahmen zum Großteil an die Landwirte zurückfließen.

Schon ab 2021 soll zudem die Anwendung von Herbiziden und biodiversitätsschädigenden Insektiziden in Schutzgebieten verboten werden. Zu diesen Gebieten gehören unter anderem FFH-Gebiete, Naturschutzgebiete, Nationalparks und Vogelschutzgebiete. Artenreiches Grünland, Streuobstwiesen und Trockenmauern sollen als Biotop unter den gesetzlichen Schutz des Bundesnaturschutzgesetzes aufgenommen werden.

Worin sehen Sie die Landwirtschaft am meisten gefährdet?

Zunächst möchte ich stellvertretend für die meisten meiner Kollegen sagen, dass auch wir Umweltschutz sehr wichtig finden und unsere Hausaufgaben machen wollen. Immerhin leben wir von der intakten Natur und wollen weder Tiere noch Pflanzen zerstören. Sie sind unsere Existenzgrundlage.

Aber?

Wenn die Politik uns beispielsweise ab 2020 den Einsatz von Glyphosat, Herbiziden und Insektiziden verbietet, müssen die Politiker auch darauf achten, dass wir nur noch Lebensmittel aus anderen Ländern importieren, in denen die gleichen strengen Auflagen gelten. Sonst hat unsere Arbeit auf dem Weltmarkt keinen Bestand mehr. Es darf nicht sein, dass wir keinen Pflanzen- und Insektenschutz benutzen dürfen, aber Waren aus Ländern einkaufen, in denen noch weitaus höhere Dosierungen dieser Stoffe zugelassen sind.

Ab dem kommenden Jahr darf nur noch in Ausnahmefällen Glyphosat gegen Unkraut eingesetzt werden. Hand aufs Herz: Wie gefährlich ist das Unkrautvernichtungsmittel wirklich?

In der in Deutschland zugelassenen Menge ist es absolut unschädlich. Wir haben in Deutschland schon seit einigen Jahren strenge Regeln und Gesetze, an die sich die Landwirte halten und streng kontrolliert werden. Ich ernähre meine eigenen Kinder mit dem Getreide, das auf meinen Feldern wächst. Das sollte die Kritiker stutzig machen.

Wie können die Landwirte ohne Glyphosat gegen Unkraut vorgehen?

Wir müssen sehr viel mehr grubbern und pflügen und pusten dadurch wesentlich mehr CO2 in die Luft. Der Teufel steckt eben im Detail – und diese Details lässt die Politik außer Acht. Aber es ist nicht nur dieses Verbot, das uns ans Ende unserer Existenzen treibt. Es ist die Summe aller neuen Gesetze, die der Agrar-Pakt ausmacht. Ich würde beispielsweise gern einen weiteren Betriebszweig gründen, der ausschließlich dem Umweltschutz dient. Aber das ist finanziell nicht machbar und wird von der Regierung nicht unterstützt.

Sie meinen die vermehrten Blühstreifen und den Verlust der Ackerfläche?

Richtig. Derzeit richten die Landwirte Blühstreifen auf ihre Kosten ein. Das bedeutet, wir pflanzen anstelle von Raps oder Getreide an diesen Stellen Blumen, von denen sich Insekten ernähren. Doch daran verdienen wir keinen Cent. Die Regierung müsste diese Blühflächen ausreichend entlohnen. Es sollen ja in Zukunft noch sehr viel mehr werden. Nicht falsch verstehen, wir sind bereit dazu. Aber die Arbeit muss sich doch auch noch für ein mittleres und kleines Unternehmen lohnen.

Sie haben derzeit 15 Angestellte. Wie ist die Stimmung in Ihrem Betrieb?

Bei minus zehn! Diese Gesetze sind toxisch und zeigen, dass die Politik keine Ahnung von Landwirtschaft hat. Ganz ehrlich: Wir haben die Schnauze voll und keine Lust mehr, der Arsch der Nation zu sein. Das sind harte Worte, aber dazu stehe ich. Ich bin aus Protest gegen die Politik der Bundesregierung sogar aus der CDU ausgetreten.

Welche Auswirkungen hat der Agrar-Pakt auf die Bio-Bauern?

Derzeit liefern sie etwa zehn Prozent des Bedarfs. Das ist wenig. Der Preisdruck wird steigen und sich auch auf die Bio-Bauern auswirken. Schwenken konventionelle Landwirte auf die Bio-Produktion um, was sich natürlich nicht alle leisten können, werden auf kurz oder lang auch die Preise für Bio-Qualität sinken. Wie man es dreht und wendet, es funktioniert nicht.

Üben Sie auch an der Gesellschaft Kritik? Oder an den Jugendlichen, die der „Fridays for Future“-Bewegung angehören?

Überhaupt nicht! Wie gesagt: Auch Landwirte wollen die Umwelt schützen. Wir wollen zunächst die Bevölkerung aufklären. Ich drehe regelmäßig Videos für Youtube, Facebook und Instagram. Dort erkläre ich den Zuschauern, welche Mittel ich wann und zu welchem Zweck anwende. Ich frage mich nur, ob die Gesellschaft, die Glyphosat als Teufelszeug abstempelt, ohne sich genau damit beschäftigt zu haben, auch bereit ist, die Konsequenzen zu tragen.

Von welchen Konsequenzen sprechen Sie?

Ist die Gesellschaft bereit, überwiegend Waren aus dem Ausland zu essen, weil die heimische Landwirtschaft zu Tode reglementiert wurde? Ist sie bereit, wirklich mehr Geld für Fleisch auszugeben und weniger Fleisch zu essen? Oder sind das nur Parolen? Fakt ist jedenfalls eines: Konventionelle Landwirte können nach dem Beschluss des Agrar-Deals nicht mehr arbeiten.

Was hat es mit den grünen Kreuzen auf sich?

Es ist eine stille, aber eindringliche Mahnung. Landwirte in ganz Deutschland stellen diese Kreuze auf ihre Felder, gut sichtbar für die Menschen, damit wir auf das Thema aufmerksam machen können. Wir wollen fragen: Ist nicht auch das Recht auf eine Nahrungsmittel-Sicherheit wichtig? Haben wir vielleicht, im Gegensatz zur Kriegsgeneration, vergessen, wie schlimm Hunger ist? Der Agrar-Pakt hat das Fass jedenfalls zum Überlaufen gebracht.

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