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Grimmen Neue Schulen für die Insel Rügen
Vorpommern Grimmen Neue Schulen für die Insel Rügen
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15:19 11.10.2019
Urkunde für die feierliche Grundsteinlegung der neuen Binzer Schule im November 1967 Quelle: Gemeindeverwaltung Binz
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Bergen/Binz

Eine DDR-Schulreform vor 60 Jahren sollte auf der Insel Rügen den großen Wurf bringen. Im September 1959 wurde die Polytechnische Oberschule (POS) eingeführt, an der Jungen und Mädchen nun nach zehn gemeinsamen Jahren eine vom Staat einheitlich festgelegte Allgemeinbildung erwerben konnten. Wenige Monate zuvor hatte das SED-Zentralkomitee die Ideen für diese Veränderung für das gesamte Land beraten und sie als geeignet „beim Aufbau des Sozialismus“ festgelegt.

Am Kriegsende gab es 46 einklassige Volksschulen

Für den Landkreis bedeutete das eine Herausforderung, denn für diese Reform mussten neue „personelle und materielle Bedingungen gesichert“ werden. Überall brauchte man Erweiterungen und Neubauten von Schulen, mussten Zentralschulen eingerichtet und die Schülerbeförderung durch den Kraftverkehr Bergen organisiert werden. Mit einer gut überlegten Zentralisierung wollte man die Reform beschleunigen. Wenige Jahre zuvor hatten die Rüganer schon eine ähnliche Mammutaufgabe bewältigt, wie Herbert Ewe in seinem Rügenbuch (1980) schreibt: Gegen Kriegsende existierten hier nämlich 46 einklassige Volksschulen, die innerhalb von acht Jahren schrittweise geschlossen wurden, weil sie für die „Rückständigkeit auf dem Lande“ standen.

Vor 50 Jahren wurde die POS „Kurt Barthel“ in Binz eröffnet

Nun folgte ein nächster Schritt für ein „fortschrittliches Bildungssystem“, für das sich sogar die skandinavischen Länder interessierten. Dafür musste ein Schulbauprogramm her, um die selbst gesteckten Bildungsziele zu erreichen. Dessen Ergebnisse überzeugten die Insulaner: Innerhalb von 15 Jahren entstanden auf der Insel 31 zehnklassige POS, in denen die Lernenden „im Sinne der Weltanschauung und Moral der Arbeiterklasse gebildet und erzogen“ wurden. Zahlreiche Jahren Neubauten prägten in den Aufbaujahren der jungen DDR das Bild der Städte und Gemeinden. Wie etwa in dem Ostseebad Binz, wo in der Nähe des Hauptbahnhofes vor 50 Jahren die POS „Kurt Barthel“ feierlich eröffnet wurde. Anstelle eines Waldstücks mit 80 großen Kiefern errichtete die Baubrigade um Bauleiter Grob in 40 Tagen mit Großblockplatten drei Gebäude. Darin konnten nach zwei Jahren Bauzeit die Binzer Schüler unter der Regie von Schuldirektor Eberhard Klette lernen.

Lücken zwischen Parteibeschluss und Wirklichkeit

In der polytechnischen Schule waren praxisorientierte Unterrichtsfächer ein wesentlicher Schwerpunkt: Werken, Schulgarten und der wöchentliche Tag in der Produktion für die 7. bis 10. Klassen ergänzten die Hauptfächer und die Stunden in natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern sowie Musik, Kunst und Sport. Einige Neuerungen funktionierten nicht sofort, wie der Pädagoge Karl Heinz Mau in einem Artikel zum 375-jährigen Stadtjubiläum von Bergen (1988) schilderte. Die Bildungsverantwortlichen im Kreis hatten nämlich feststellen müssen, „dass der Entwicklung des polytechnischen Unterrichts nicht die notwendige Aufmerksamkeit gewidmet wurde.“ Zwischen Parteibeschluss und Wirklichkeit klafften gleich mehrere Lücken. Neben der problematischen „materiell-technischen Absicherung der Stunden“ mangelte es an qualifizierten Betreuern für den produktiven Unterrichtstag der Schüler. Not machte schon damals erfinderisch, daher konnten „Direktoren, Betriebsleiter, Lehrer und Werktätige der Produktion“ mit eigenen Lösungen die Probleme überwiegend beheben.

Die POS „Kurt Barthel“ in der Nähe des Binzer Hauptbahnhofes entstand innerhalb von zwei Jahren in Plattenbauweise Quelle: Gemeindeverwaltung Binz

Für Bergens Schulen zeigte Karl Heinz Mau weitere Stolpersteine auf, die den Erfolg der Schulreform schmälerten: Beispielsweise waren Schülerexperimente damals wegen fehlender Materialien und Technik nicht möglich. Für neue Lehrer fehlte in der Stadt angemessener Wohnraum. Der bauliche Zustand der Heizungs- und Sanitäranlagen der Schulen war zu beklagen. „Der Rat der Stadt Bergen war häufig nicht in der Lage, für schnelle und wirkungsvolle Abhilfe zu sorgen“, meinte der Autor, der lange Zeit als Lehrer tätig war. Viele Bergener forderten einen schnellen Schulneubau für immer mehr Kinder. Im September 1959 schulte man immerhin 38 Schüler in jeder der beiden ersten Klassen ein. Zwei Jahre später legten die Stadtväter unter Bürgermeister Hannes Präkel in Bergen-Süd den Grundstein für eine neue POS, in der 26 Klassen unterrichtet werden konnten.

Einheitliches sozialistisches Bildungssystem

Weg und Ziel des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems waren in den 1960er Jahren auf Rügen gesteckt. Das Bildungsministerium präzisierte bald die Lehrpläne und ließ sich die Reformbestrebungen von der Volkskammer mit einem Gesetz bestätigen. Auch die Inselkinder sollten staatsbürgerlich so erzogen werden, „dass ihr Wissen und Können den Anforderungen des Arbeiter- und Bauern-Staates entsprachen“. Dieser Slogan wirkte lange Zeit und verschwand schließlich vor 30 Jahren aus den Schulprogrammen der Inselschulen.

Information: 1974 wurden im Kreis Rügen 17 640 Schüler von 1036 Lehrern in 59 Schulen unterrichtet. Davon waren 31 Schulen als POS eingerichtet worden. 

Vor 50 Jahren wurde die POS „Kurt Barthel“ in der Nähe des Binzer Hauptbahnhofes eröffnet Quelle: Gemeindeverwaltung Binz

Von André Farin

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