Kultur - „Ich lache über Dummheit, auch die eigene“ – OZ - Ostsee-Zeitung
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Nordvorpommern „Ich lache über Dummheit, auch die eigene“
Vorpommern Grimmen Nordvorpommern „Ich lache über Dummheit, auch die eigene“
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00:00 08.08.2014
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Klausdorf — Der aus der Kultsendung „7 Tage, 7 Köpfe“ bekannte Komiker Kalle Pohl kommt nach Klausdorf. Durch die RTL-Show wurde der 62-Jährige berühmt. Von 1996 bis 2005 schaltete jeden Freitag ein Millionenpublikum ein. Am 31. August will er mit seinem aktuellen Programm „Du bist mir ja einer!“ die Zuschauer im Vorpommernhus zum Lachen bringen.

OSTSEE-ZEITUNG: Herr Pohl, die Norddeutschen gelten als etwas kühler als die Menschen in anderen Teilen des Landes. Wie wollen sie das Publikum im Vorpommernhus knacken?

Kalle Pohl: Dafür gibt es keinen Plan, weil jeder Abend anders verläuft und sich nicht vorhersehen lässt. Ich habe mal eine Vorstellung gegeben, da lief die erste Hälfte überhaupt nicht. Ich fragte dann in der Pause: Was ist los mit euch, gab es hier in letzter Zeit viele Todesfälle in der Gegend? Ich habe dann einfach weiter gemacht, manchmal brauchen die Leute etwas Zeit. Aber die zweite Hälfte lief genauso mies. Doch am Ende kamen die Menschen zu mir und fragten mich, warum ich nicht länger gespielt habe, der Abend wäre doch so schön gewesen. Das ist die Bühne, sie ist grandios.

OZ: Sie schöpfen ihre Witze aus den alltäglichen Beobachtungen von Menschen. Über welche Eigenschaften lassen sich gute Gags schreiben?

Pohl: Man muss eine Weile in einer Region leben und die Menschen richtig kennenlernen. Ich habe keine Punkteliste, die ich beim Beobachten abarbeite. Das passiert alles vollautomatisch. Es fließen ständig Sprache, Intonation und Gestik ineinander. Ich registriere, wie Leute sich verhalten. Diese Gabe ist Fluch und Segen. Ich weiß, dass sie ein Geschenk ist, das die Natur mir mitgegeben hat. Aber manchmal hätte ich auch gern meine Ruhe und würde sie gern abschalten.

OZ: Worum geht es in ihrem aktuellen Programm?

Pohl: Bleiben wir bei den Beobachtungen. Es gibt zum Beispiel einen sehr lustigen Dialog eines Ehepaars, das sich darüber streitet, ob nun Margarine oder Butter besser ist. Ich selbst finde mich darin wieder, und auch andere Leute werden sich erkennen. Es soll kein politisches Kabarett sein, das ist mir zu abgehoben. Mein Thema war immer die Dummheit, meine eigene eingeschlossen. Darüber kann ich lachen.

OZ: Sie mussten oft Witze über Ihre geringe Körpergröße ertragen. Wie wichtig ist es, über sich selbst lachen zu können?

Pohl: Das ist das Wesentlichste überhaupt. Mir haben immer die Komiker gefallen, die sich selbst zum Clown gemacht haben. Es ist nie mein Humor gewesen, andere zum Blödmann zu machen. Die Stefan-Raab-Kultur, Leute vorzuführen, finde ich nicht komisch.

OZ: Sie sind mit der Kultsendung „7 Tage, 7 Köpfe“ sehr berühmt geworden. Heute wollen Sie mit dem Klamauk der TV-Comedy-Szene nichts mehr zu tun haben. Warum?

Pohl: Auch hier spielt wieder Fluch und Segen eine Rolle. Zum einen war das, was wir damals gemacht haben, sehr originell. Zum anderen hat vielleicht genau dieses Format zu viele Menschen dazu bewegt, auf die Bühne zu gehen, obwohl sie da gar nicht hingehören. Heute gibt es sehr viele Komiker, die hatten mal einen guten Gag und mussten daraus gleich ein Zwei-Stunden-Programm machen.Wieder andere reiten auf der ewig gleichen Welle. Das mag geschäftlich klug sein, aber was Komik und Humor angeht, ist es langweilig.

OZ: Statt Fernsehen machen Sie jetzt viel Theater und Kabarett. Was gefällt Ihnen daran besser?

Pohl: So nah wie auf der Bühne könnte ich dem Publikum im Fernsehen niemals kommen. Comedy kommt ja ursprünglich von Kleinkunst, und die hat ein breites Spektrum. Ich mache gern von allem etwas — Witze, Stand-Up, Lieder zum Akkordeon, Gedichte.

OZ: Gibt es eine Grenze, bei der für Sie der Spaß aufhört?

Pohl: Witze über Behinderte und Kranke gehen für mich gar nicht. Andere Tabus sind wiederum dazu da, gebrochen zu werden. Religion ist so ein Thema. Ich habe mal einen Text über einen Pfarrer gemacht, dem die Leute wegliefen. Da hat er das in seinem Gotteshaus gemacht, was die Leute am meisten mögen: Fernsehen. Und so gab es Quizshows am Altar und Beichtstuhl-News. In Bad Münstereifel (NRW) fanden sie das nicht lustig. Dort bekam ich Auftrittsverbot.

OZ: Gibt es eine Chance, Sie irgendwann wieder im TV zu sehen?

Pohl: Erst neulich war ich in „Immer wieder sonntags“ zu sehen. Reizen würde mich eine Rolle in einer gut gemachten deutschen Komödie. Die Franzosen machen es immer wieder vor mit „Ziemlich beste Freunde“, „Willkommen bei den Sch‘tis“ und anderen Komödien. Da kann in Deutschland noch viel passieren. Es muss nicht immer nur Til Schweiger sein.

7 Tage, 7 Köpfe war eine satirische Talkshow auf RTL, in der jeden Freitag humoristisch auf die vergangene Woche zurückgeblickt wurde. Sie wurde von 1996 bis 2005 ausgestrahlt und erreichte bis zu sieben Millionen Zuschauer. Zur Besetzung gehörten neben Kalle Pohl unter anderem Rudi Carrell, Karl Dall, Mike Krüger, Gaby Köster, Bernd Stelter und Oliver Welke. Moderiert wurde die Sendung von Jochen Busse, der die Show stets mit den Worten begann: „Ich begrüße sie in meiner bekannt liebenswürdigen Art“.
Kalle Pohl wuchs in Merzenich in NRW auf. Vor seiner Karriere als Komiker und Musiker ergriff der heute 62-Jährige verschiedenste Berufe. Er versuchte sich als Koch und Kaufmann, machte eine Ausbildung zum Polizeihauptwachtmeister, war Briefträger und Kellner. Erst durch seine Tätigkeit als Gitarrenlehrer kam er auf die Bühne. Ab 1997 gehörte er zur Stammbesetzung der Sendung „7 Tage, 7 Köpfe.“ Nach deren Einstellung bekam er mit „Kalle kocht“ eine eigene Sitcom, die jedoch floppte. Darin spielte Pohl einen alleinerziehenden Koch.
Erst Polizist, dann TV-Comedian
Es ist nie mein Humor gewesen, andere zum Blödmann zu machen. Die Stefan-Raab-Kul-tur, Leute vorzuführen, finde ich nicht komisch.“
Heute gibt es sehr viele Komiker, die hatten mal einen guten Gag und mussten daraus gleich ein Zwei-Stunden- Programm machen.“



Interview von Alexander Müller

07.08.2014