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Grimmen Pflegenotstand hat Vorpommern erreicht
Vorpommern Grimmen Pflegenotstand hat Vorpommern erreicht
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20:24 13.05.2019
Claudia Chinnow arbeitet seit September 2015 beim Greifswalder Pflegedienst Heinrich & Heinrich. Derzeit arbeitet sie im Haus „Vergissmeinnicht“ – ein Betreutes Wohnen für Demenzerkrankte. Quelle: Christin Lachmann
Vorpommern

Ein kleiner Plausch, ein offenes Ohr, ein Danke als größtes Lob für ihre Arbeit: Claudia Chinnow liebt ihren Beruf als Gesundheits- und Krankenpflegerin. „Schon in meiner Jugend wusste ich, dass ich in diese Richtung gehen möchte“, sagt sie. Heute kümmert sie sich um 20 Bewohner eines Betreuten Wohnens beim Greifswalder Pflegedienst „Heinrich & Heinrich“. Es ist eine spezielle Einrichtung. Denn alle Bewohner, die Chinnow betreut, sind an Demenz erkrankt. Wie schwer die Krankheit bereits fortgeschritten ist, variiere, erzählt die gelernte Krankenschwester. Während einige Bewohner sich noch gut orientieren können, gibt es auch besonders schwere Fälle. „Eine Bewohnerin fragt fast jede Stunde, wo sie ist und wer wir sind“, sagt Chinnow. Die größte Herausforderung ihrer Arbeit liege darin, Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. Der Ablaufplan sei zwar immer gleich, „doch jeden Tag passiert etwas anderes.“ Sei es ein Sturz eines Bewohners oder andere menschliche Zwischenfälle.

Und auch wenn man an manchen Tagen am Ende seiner Kraft sei: als Pfleger müsse man stark sein – und das gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen ist die Arbeit in der Pflege nämlich ein körperlich anstrengender Beruf. Zum anderen braucht es die psychische Stärke, die täglichen Geschichten nicht mit nach Hause zu nehmen. Das sei allerdings manchmal nicht so einfach. Wenn ein Bewohner beispielsweise stirbt, hinterlässt es auch bei den Pflegern Spuren. „Wir zünden dann Kerzen an und gedenken der Person“, erklärt Chinnow. Ein Stück Trauerbewältigung – für die Bewohner, aber auch für die Mitarbeiter. Als Chinnow Ende der 1990er Jahre mit ihrer Ausbildung angefangen hat, hätte sie sich nicht vorstellen können, wie schnell sich alles ändern würde – in medizinischer und sozialer Hinsicht. „Es ist erschreckend, dass es in den letzten Jahren zu so einem Fachkräftemangel gekommen ist“, sagt sie.

Dutzende neue Pflegeheime in Vorpommern

Wie sehr Pflegekräfte in Vorpommern gebraucht werden, geht aus der Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion im Landtag vom März 2019 hervor. Demnach stieg die Zahl der Pflegeheime im Kreis Vorpommern-Greifswald zwischen den Jahren 2015 bis 2017 von 54 auf 72 und in Vorpommern-Rügen von 52 auf 63. Der Bedarf ist da. Und all die neuen Häuser brauchen Personal. Für das Greifswalder Kursana-Haus Hufeland verhängte die Heimaufsicht des Kreises in diesem Frühjahr sogar schon einen Aufnahmestopp für weitere Frauen und Männer in zwei Wohnbereichen. „Es fehlten Fachkräfte“, begründet Sprecher Achim Froitzheim. „Alle Einrichtungen signalisieren, dass es immer schwieriger wird, diese zu finden.“

Dass es sogar zu einer ersten Schließung kam, sorgte in Greifswald für Aufsehen. „Wir haben einen halben Wohnbereich zeitweise geschlossen“, bestätigt der Kursana-Leiter in der Hansestadt, Hartmut Grotehans. Seit dem 1. Mai sei dieser wieder offen. Es sei besonders schwer in wirtschaftlich guten Zeiten, Fachkräfte für die Pflege zu bekommen, obwohl die Einrichtungen krisensichere Arbeitsplätze anbieten, schätzt er ein. Weil die Bezahlung in MV deutlich niedriger sei, wanderten auch viele Fachkräfte in andere Teile Deutschlands ab. Arbeit an Wochenenden und Feiertagen verringere ebenfalls die Attraktivität.

Probleme werden noch zunehmen

Die Probleme der Pflegebranche werden indes noch zunehmen: Denn die Alterung der Bevölkerung vollzieht sich in Mecklenburg-Vorpommern besonders schnell. Zugleich will MV das Gesundheitsland Nummer 1 sein und benötigt immer mehr Personal. „Bei den Gesundheits- und Sozialberufen nimmt Vorpommern-Greifswald in den Neuen Bundesländern den Spitzenplatz 1 ein, ich denke auch in ganz Deutschland“, sagt Heiko Miraß, Leiter der Agentur für Arbeit in Greifswald. „Der Anteil der Beschäftigten liegt bei 22,8 Prozent, in Deutschland sind es 14,5 Prozent.“ Das liege an den vielen Greifswalder Einrichtungen und der großen Zahl von Gesundheitsangeboten auf der Insel Usedom.

Der Bedarf ist in den vergangen Jahren geradezu rasant gestiegen. Es gibt nicht nur deutlich mehr Pflegeheime. Die Zahl der Stellen für Gesundheitspflegekräfte stieg von September 2014 bis zum September 2018 in Vorpommern-Greifswald von 4991 auf 5462, das heißt um 9,4 Prozent. Bei den Altenpflegekräften betrug die Steigerung sogar 39,8 Prozent, in absoluten Zahlen sind das 2679 Beschäftigte im September letzten Jahres und 1916 vor viereinhalb Jahren. In Vorpommern-Rügen entstanden zwischen 2015 und 2017 etwa 200 neue Arbeitsplätze. Bis 2030 wird mit einem Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen in MV um 56 Prozent gegenüber 2018 gerechnet.

Handwerk, Tourismus und Verwaltung als Konkurrenz

„Es gibt heute nicht weniger, sondern deutlich mehr Fachkräfte in den Pflegeberufen“, stellt Miraß fest. „Aber sie reichen nicht, um den galoppierenden Bedarf zu decken.“ Da zugleich die Zahl der Schulabgänger und der Arbeitslosen abgenommen hat, stellt der steigende Bedarf eine große Herausforderung dar. Langzeitarbeitslose hätten häufig keine Eignung und keine Neigung für die Pflegeberufe.

„Wir versuchen alles, um Menschen in Richtung Pflege auszubilden und weiterzubilden“, betont der Agenturchef. „2019 laufen knapp 30 Maßnahmen, Geld dafür ist da.“ Im Jahr würde die Arbeitsagentur Greifswald etwa 100 Menschen Arbeit in reinen Pflegeberufen verschaffen. Ein Schritt in die richtige Richtung sei die Schulgeldfreiheit ab 2020. Schließlich befinde sich die Pflege in Konkurrenz zu Handwerk, Tourismus und Verwaltung, die ebenfalls Nachwuchs suchen. „Darum sind auch attraktive Vergütungen wichtig“, so Heiko Miraß. Ein großer Vorteil der Pflege sei die Sicherheit der Arbeitsplätze im Vergleich zu anderen Branchen wie der Industrie.

Rein statistisch sollte die Besetzung freier Stellen noch kein Problem sein. Im Bereich der Altenpflege gab es im April allein im Bereich der Arbeitsagentur Stralsund 160 arbeitslos gemeldete Altenpflegerinnen und Altenpfleger. Dem standen 62 offene Stellen gegenüber. Aber man müsse genauer hinschauen, verdeutlicht der Stralsunder Arbeitsagenturchef Jürgen Radloff. Arbeiten in Schichten und an Wochenenden oder fehlende Autos gehörten beispielsweise zu den Gründen, warum Arbeitgeber und potenzielle Bewerber für die Stellen nicht zusammenkommen.

Interesse an Pflegeberufen wächst

Dabei gebe es sogar wachsendes Interesse an Pflegeberufen, bestätigt Kerstin Prejawa, die im Berufsinformationszentrum (BiZ) in Greifswald arbeitet. Vorher die persönliche Eignung in einem Praktikum auszuprobieren, sei von großem Vorteil. Um auch mehr Schüler in dem großen Kreis Vorpommern-Greifswald zu erreichen, begibt sich das BiZ auf Reisen, „BiZ to go“ heißt das dann. Vorpommern-Rügen geht den gleichen Weg. „Wir werden zum Beispiel am 23. Mai Gesundheitsberufe in der Arbeitsagentur Ribnitz-Damgarten vorstellen“, informiert Jürgen Radloff, Leiter der Stralsunder Arbeitsagentur.

Befragte Einrichtungsleiter bestätigen, dass die Bewerbersituation schwieriger geworden sei. Aber bisher habe man noch alle Stellen besetzen können, so die Grimmener Kursana-Leiterin Irene Salomo. Jens Witschel, Personalchef beim DRK-Kreisverband Vorpommern-Rügen, spricht von längeren Vorlaufzeiten, die für die Besetzung frei werdender Stellen in den Pflegeheimen nötig seien. Es sei wichtig, selbst Personal auszubilden.

Allerdings sei das Ausbildungsniveau der Schulabgänger in den vergangenen Jahren nicht besser geworden, wie es der Greifswalder Hartmut Grotehans ausdrückt. „Die Azubis sind nicht mehr so toll wie vor 15 Jahren“, meint auch Thomas Studier, Leiter des Altenhilfezentrums St. Jürgen in Wolgast. Auch er bestätigt, dass viel Einsatz nötig sei, um interessierte Jugendliche zu finden. Noch sei St. Jürgen aber gut aufgestellt.

Bislang kaum Fachkräfte aus dem Ausland

„Wir setzen auch auf Fachkräftezuwanderung“, informiert Heiko Miraß. Da es EU-weit ähnliche Probleme in der Pflegebranche gebe, geht es vor allem um Menschen, die nicht in der Europäischen Union wohnen. Deren Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt müsse erleichtert werden, regt Miraß an. „In Vorpommern-Greifswald liegt der Anteil ausländischer Fach- und Hilfskräfte in der Pflege nur bei 1,3 Prozent. In ganz Deutschland sind es durchschnittlich zwölf Prozent. Prinzipiell sehen auch die vorpommerschen Pflegeheime hier große Chancen, berichten von sehr guten Erfahrungen mit Ukrainern und Philippinos, die superintegriert seien.

In multikulturellen Hamburg sei es einfacher gewesen, Ausländer einzusetzen, beschreibt Thomas Studier seine Erfahrungen. „Dort gibt es nicht so viel Ausländerangst.“ Wer zum Beispiel Philippinos einsetzen wolle, müsse dafür auch etwas tun, so Studier. So sei es besser, diese zunächst als Pflegeassistenten zu beschäftigen, so dass Bewerber allmählich in die hiesige Arbeitswelt hineinwachsen könnten. „Damit die Philippinos bleiben, muss man ihre Familien dazuholen.“

Auch Rationalisierung und IT-Lösungen, vielleicht bis hin zum Pflegeroboter, könnten helfen, das Fachkräfteproblem zu mindern, schätzt der Greifswalder Agenturchef Heiko Miraß ein. In der Erhöhung des extrem geringen Männeranteils in der Pflege und in mehr Vollzeitarbeit lägen ebenfalls Reserven. Deren Anteil liege aktuell nur bei 20 Prozent.

Beschwerden nehmen zu

Und wie ist es um die Qualität bestellt? In Vorpommern-Greifswald gibt es eine steigende Zahl von Beschwerden in Bezug auf Leistungen von Pflegediensten, bestätigt Sprecher Froitzheim. Er bewertet das auch positiv. Es sei gut, wenn die Angehörigen stärker hinschauen und ein Zeichen dafür, dass die Kontrollmechanismen funktionieren. Gab es bis Mitte der 2010er Jahre nur vereinzelt Beschwerden, seien es nun fünf bis acht im Jahr. Schwerpunkte seien die Bereiche Anklam und Greifswald.

In Vorpommern-Rügen halten sich die Beschwerden derweil in Grenzen. „Bei uns gibt es keinen Anstieg in den letzten Jahren“, sagt Sprecher Olaf Manzke. „Unsere Heimaufsicht ist überwiegend zufrieden.“ Alle Heime seien fast mängelfrei, schätzt er ein.

Und Claudia Chinnow? Macht ihren Job als Pflegerin noch immer sehr gern. Sie hat ein einfaches Rezept gegen den Fachkräftemangel: eine bessere Bezahlung.

Eckhard Oberdörfer und Christin Lachmann

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