Poggendorfer Sage wird Realität
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Grimmen Kurios: Poggendorfer Sage wird Realität
Vorpommern Grimmen Kurios: Poggendorfer Sage wird Realität
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07:00 24.11.2019
Jürgen Albrecht stieß bei seinen Recherchen auf einen spannenden historischen Fakt. Quelle: Carolin Riemer
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Grimmen

In jeder Sage steckt ein Fünkchen Wahrheit. Das hat Jürgen Albrecht aus Grimmen nun am eigenen Leib erfahren. Der 61-Jährige, der ursprünglich aus Poggendorf stammt, besitzt interessante Hobbys. Er betreibt beispielsweise eine intensive Ahnenforschung und verfolgte die Geschichte seiner Familie bis ins 17. Jahrhundert zurück. Jürgen Albrecht verschlingt allerdings auch Bücher, die sich mit dem Dreißigjährigen Krieg in der Region rund um Grimmen beschäftigen. Und da ihn auch Überlieferungen alter Sagen interessieren, rundet sich damit sein Hunger nach geschichtlichen Fakten ab. Vor einigen Tagen jedoch stellte Albrecht etwas Erstaunliches fest, das alle seine drei Hobbys miteinander verbindet.

Die Sage um den brandenburgischen Soldaten

Schon seit seiner Kindheit kennt er die Sage, die man sich seit Generationen in und um Poggendorf erzählt. In der Überlieferung aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges steht ein Soldat mit dem Nachnamen Dreyer aus Brandenburg im Mittelpunkt. Er kämpfte in einem Feldzug gegen die Schweden, wurde dann jedoch so schwer von einer Kugel verletzt, dass er von seinem Heer in Poggendorf zurückgelassen wurde. Der Soldat starb und wurde von seiner Frau und der Tochter, die das Heer begleiteten, im Dorf begraben. „Viele Menschen aus Poggendorf kennen die Legende über den brandenburgischen Soldaten und sein Grab. Es war etwas Besonderes, dass in so einem kleinen Dorf ein Brandenburger in einer Schlacht starb und hier seine letzte Ruhestätte fand“, erklärt Jürgen Albrecht.

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Eine verblüffende Entdeckung

Doch als der Mann, der mittlerweile mit seiner Frau in Grimmen lebt, nun seine Familiengeschichte weiterverfolgte, um einen Stammbaum anzulegen, stieß er im Sterberegister der Kirchgemeinde Rakow aus dem Jahr 1751 auf einen Eintrag, der ihn verblüffte: „Dort stand geschrieben: ,26. Dezember Jacob Timmermann, gewesener Bauer aus Grabow. Sein Vater ist gewesen Christian Timmermann aus Poggendorf, seine Mutter Marie Dreyer aus der Mark Brandenburg hat sich verehelicht mit Ils Baalsen und haben gezeuget sieben Kinder, darunter ein Sohn und zwei Töchter gestorben in ihrer zarten Jugend‘.“

Soldat war der Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater

Kurz gesagt: Jürgen Albrecht geht davon aus, dass es sich bei Marie Dreyer um die Tochter handelt, die einst zusammen mit ihrer Mutter den brandenburgischen Soldaten aus der mündlichen Überlieferung in Poggendorf beerdigt hat. Demnach ist der Soldat aus der Sage der Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater von Jürgen Albrecht. Einen schriftlichen und hundertprozentigen Beweis habe er dafür zwar leider nicht, aber „weitere Familien, die Dreyer hießen und aus Brandenburg stammten, sind in Poggendorf nicht nachweisbar. Es müsste sich also um einen großen Zufall handeln.“ Viel wahrscheinlicher ist, dass die Sage gar keine richtige Sage, sondern auf einer wahren Begebenheit beruht. „Die Gestalt des Soldaten wurde durch Zufall dem nebulösen Umfeld einer Sage entrissen und in den Status einer realen historischen Person zurückgebracht“, vermutet Jürgen Albrecht.

Blitzeinschlag zerstörte Dokumente

Es sei anzunehmen und nachvollziehbar, dass Mutter und Tochter des getöteten Soldaten in der Nähe des Verstorbenen bleiben wollten und in Poggendorf sesshaft wurden. Marie Albrecht heiratete einen Mann aus Poggendorf und bekam hier Kinder. Jürgen Albrecht recherchierte weiter. Einen eindeutigen Beweis, dass es sich um Albrechts Vorfahren mütterlicherseits handelt, hätte ein Eintrag im Kopulationsregister der Kirchgemeinde Gülzow bringen können. Hier fand die Eheschließung von Christian Timmermann aus Poggendorf und Marie Dreyer aus Brandenburg statt. Doch das Pfarrhaus und die Unterlagen wurden bei einem Feuer, ausgelöst durch einen Blitzeinschlag, zerstört.

Geschichte spielte nicht im Dreißigjährigen Krieg

Es gibt nur einen Fakt, der Jürgen Albrecht stutzig werden lässt: Die Überlieferung spricht vom Tod des Soldaten während des Dreißigjährigen Krieges, der von 1618 bis 1648 ausgetragen wurde. Albrecht hält das für unwahrscheinlich, denn Marie Dreyer brachte 1705 einen Sohn in Poggendorf zur Welt. „Das lässt vermuten, dass ihre Geburt nicht vor 1670 datiert werden kann. Die Zeitangabe scheint unrealistisch.“ Jürgen Albrecht vermutet, dass der Soldat im Schwedisch-Brandenburgischen Krieg (1674 bis 1679) ums Leben kam. In diesem Krieg habe es mindestens vier Feldzüge durch Vorpommern gegeben.

Von Carolin Riemer

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