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Grimmen Im Brigadebuch: „Als die Züge steckenblieben“
Vorpommern Grimmen Im Brigadebuch: „Als die Züge steckenblieben“
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11:30 17.01.2019
Der Winter 1978/79 traf die Bahnstrecke Rakow - Grimmen hart. Quelle: Sammlung Harald Zühlke
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Rakow

„Als der Schneesturm begann und die Züge steckenblieben“ - Harald Zühlke war im Katastrophenwinter 1978/79 Fahrdienstleiter am Bahnhof Rakow. Die damaligen Geschehnisse hat er in Bild und Schrift im Brigadetagebuch festgehalten.

In großer roter Schrift steht das Datum 29.12.1978 oben drüber. Es war der Tag, als der Jahrhundertwinter begann. „Gegen 20 Uhr fuhr sich der D 814 hinter PO 132 (zwischen Rakow und Grimmen; Anm. d. Red.) im Schnee fest. Schneehöhe: circa zwei Meter. Auch unter größten Anstrengungen war es nicht mehr möglich, den Zug freizubekommen. Er schneite völlig ein. Sofort eilten Eisenbahner und freiwillige Helfer zum Zug und begannen mit dem Freischaufeln“, heißt es in Zühlkes erster Aufzeichnung. 320 Reisenden waren mit dem Zug in Richtung Stralsund unterwegs.

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Der Winter 1978/79 traf die Bahnstrecke Rakow - Grimmen hart. Quelle: Anja Krueger

Bis 5 Uhr am Morgen des Folgetages verharrten die Frauen, Männer und Kinder in dem Zug. Erst dann hätten fünf Wagen mit allen Reisenden zum Bahnhof in Rakow zurückgezogen werden können. Zwei Loks seien dazu nötig gewesen. „Die Reisenden wurden unter beispielhaften Anstrengungen aller Beschäftigen unserer Dienststelle, der Schullüche Rakow, der HO-Gaststätte von Hans Schramm und der Verkaufsstellen verpflegt , versorgt und bei Familien in der Gemeinde Rakow untergebracht“, schreibt der Rakower in seinen Aufzeichnungen. 12 Stunden später dann hätten schließlich die Reisenden ihre Fahrt in Richtung Stralsund fortsetzen können. Damit nicht genug.

Zum Silvestertag 1978 schreibt Zühlke: „Gegen 3 Uhr war der Streckenabschnitt Rakow – Grimmen wieder verweht und es gelang nicht, mit drei Loks den Streckenabschnitt befahrbar zu machen. Alle drei Loks blieben im Schnee stecken und schneiten völlig ein. Auch 50 freiwillige Helfer aus Grimmen konnten nicht mehr helfen und gaben auf.“ An diesem Tag habe der orkanartige Sturm mit anhaltend starkem Schneefall noch zugenommen und sie Lage sei immer bedrohlicher geworden. „Fremde Hilfe war nicht mehr zu erwarten – alles kam nun auf uns an. Der Arbeitsstab in Stralsund war nicht mehr zu erreichen. Die Telefonleitungen hingen auf der ganzen Strecke in Fetzen herunter“, beschreibt der einstige Fahrdienstleiter. Am Nachmittag hätten sich Zühlke und sein Kollege Reinhard Timm sowie die Helfer Harry Lonkowski und

Der Winter 1978/79 traf die Bahnstrecke Rakow - Grimmen hart. Quelle: Anja Krueger

Arthur Brezank auf den mühevollen Weg zu den eingeschneiten Loks gemacht. Denn dort saßen seit vielen Stunden Lokführer fest. „Es wurden Schnitten, heißer Tee und Decken mitgenommen. Mühevoll war der Weg, die Sicht sehr schlecht“, beschreibt Zühlke. Gegen 19 Uhr seinen sie mit den Kollegen aus den Zügen in Rakow wieder eingetroffen. Dort seien inzwischen von den Beschäftigten der Rakower Dienststelle Getränke, Abendbrot und der Kulturraum zur Unterbringung hergerichtet worden.

Die Schneemassen sorgten damals für spektakuläre Motive in ganz MV. Klicken Sie sich hier durch die Bildergalerie:

Erst am Abend des 2. Januar 1979 konnten die eingeschneiten Loks wieder erreicht werden – mit der Schneeschleuder aus Meiningen – und herausgezogen werden. Die Strecke zwischen Rakow und Grimmen war somit wieder frei. „Einen großen Anteil hieran hatten 140 Soldaten der NVA, viele Helfer der Zivilverteidigung und viele Kollegen der Bahnhöfe Grimmen und Rakow“, heißt es im Brigadebuch. Einen Tag später fuhr sich erneut ein Zug fest, konnte aber unter großen Anstrengungen freigemacht werden und nach Toitz-Rustow zurückgezogen werden.

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Danach wurde es ruhiger, der Alltag kehrt ein. Bis zum 13. Februar, als erneut ein Schneesturm über die Region hereinbrach. „Bis 23 Uhr fuhren noch die Züge. Dann war die Strecke wieder zugeweht“, ist in den Aufzeichnungen festgehalten. Am frühen Morgen des 14. Februar hätten sich zwischen Rakow und Grimmen die Schneeschleuder, ein Mannschaftswagen und eine Lok festgefahren und seien eingeschneit. „Dieser Schneesturm war wesentlich länger und stärker, als der Sturm zuvor. Es war ein aufopferungsvoller Kampf aller Beschäftigten unserer Dienststelle gegen diese gewaltigen Schneemassen. Erst am 16. 2. 1979 gegen 12 Uhr war der Streckenabschnitt frei.“

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