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Grimmen Die Vermessung der Vorpommern
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10:51 28.06.2019
Ursula Eichenauer-Rettig untersucht die Schilddrüse von Edelgard Körber. Quelle: HGW
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Greifswald

Kräftig pulsiert das Blut durch Edelgard Körbers Adern. Zumindest lässt der vom Ultraschallgerät erzeugte Ton diese Schlussfolgerung zu. Rote und blaue Farben auf dem Monitor zeigen der Medizinisch-technischen Assistentin Ursula Eichenauer-Rettig an, ob der Blutfluss in der Halsschlagader der 78-Jährigen in Ordnung ist. Die liegt derweil ganz entspannt auf der Pritsche und erträgt geduldig das Prozedere der Messung. „Warum auch nicht, ich bin doch Rentnerin und habe Zeit“, sagt sie. Fünf Stunden, um genau zu sein, opfert die Stralsunderin für diese und viele weitere Untersuchungen an der Universitätsmedizin Greifswald. Denn sie ist eine von tausenden Probanden, ohne die die weltweit umfangreichste bevölkerungsbezogene Gesundheitsstudie nicht denkbar wäre.

Nach mittlerweile 22 Jahren geht die Studie „Leben und Gesundheit in Vorpommern“, auch als Ship-Studie (Study of Health in Pomerania) bekannt, in die fünfte Runde. Edelgard Körber war die erste Teilnehmerin in dieser Woche, die sich jetzt zum fünften Mal dem umfangreichen Untersuchungsprogramm stellte. „Sie ist eine unserer treuesten Probanden“, wertschätzt Dr. Clemens Jürgens, Leiter des Ship-Untersuchungszentrums am Institut für Community Medicine, ihre Bereitschaft zur Teilnahme. Für die gebürtige Hinterpommerin ist das kein Ding. Im Gegenteil: „Ich wurde 1998 zufällig ausgewählt und fand das damals gut. Ach, was sage ich: Ich finde das noch immer ganz hervorragend. Schließlich wird hier sehr viel untersucht und die Auswertung erhält mein Hausarzt.“

Funktion der Schilddrüse wird oft unterschätzt

Ursula Eichenauer-Rettig bestätigt das, während sie den Schallkopf des Gerätes sachte über den Hals der Probandin gleiten lässt. Neben der Halsschlagader steht bei ihr auch die Untersuchung der Schilddrüse auf dem Programm. „Ich messe sie aus, berechne dann ihre Größe und schaue nach geweblichen Veränderungen beziehungsweise Knoten“, erklärt die Mitarbeiterin, die seit Beginn zum Ship-Team gehört. „Schilddrüsenknoten“, erfährt die Probandin nebenbei, „sind gar nicht so selten. Doch die meisten sind gutartig, wir untersuchen sie, um Bösartigkeit auszuschließen“, informiert Eichenauer-Rettig. Die Funktion der Schilddrüse werde oft unterschätzt. Dabei habe sie viele Auswirkungen auf den Stoffwechsel, beeinflusse das Gewicht, den Schlaf, Haut und Haar oder auch die Konzentrationsfähigkeit. Entdecke sie bei Messungen etwas Auffälliges, so die 60-Jährige, „handelt es sich immer um Zufallsbefunde. Denn die Probanden kommen ja nicht zu uns, weil ihnen etwas weh tut.“ Da sie auch andere Untersuchungen vornehme, „wird es nie langweilig“, versichert Ursula Eichenauer-Rettig.

Dr. Clemens Jürgens nimmt Edelgard Körber Blut ab. Quelle: Petra Hase

Körperscan in Sekundenschnelle

Das kann auch Schwester Regina Kühle guten Gewissens unterstreichen. Als Edelgard Körber bei der Mitarbeiterin zur Tür eintritt, scheint deren Name plötzlich Programm: Denn an diesem extrem heißen Tag mit Außentemperaturen von 34 Grad Celsius ist es in Kühles Raum überraschend angenehm: 24 Grad Celsius. Es ist der einzige Untersuchungsraum mit Klimaanlage, weil ein Gerät darin konstante Temperaturen benötigt. Doch das bleibt erst mal links liegen. Schwester Regina geleitet Edelgard Körber stattdessen zum Bodyscanner. Hightech hinter schwarzem Vorhang: Per Laser in allen vier Ecken wird hier berührungslos und in Sekundenschnelle ein dreidimensionales Ganzkörperprofil erzeugt. „Über 160 Parameter werden damit erfasst“, berichtet Dr. Jürgens. Dazu zählen Körpergröße, Gewicht, Bein- und Armlängen, die Umfänge von Taille, Hüfte, Bauch und Po sowie vieles andere mehr. Schummeln durch Baucheinziehen? Das können die etwas gewichtigeren Probanden hier vergessen: „Bringt ja nix. Die Laserstrahlen erfassen die korrekten Maße“, sagt der Arzt verschmitzt und eilt zum nächsten Probanden.

Schwester Regina neben Edelgard Körber, die schon mal probeweise auf dem Bodyscanner steht. Quelle: HGW

Daten werden akribisch dokumentiert

Derweil zieht sich Edelgard Körber bis auf die Unterwäsche aus, nimmt ihre Brille ab und bekommt eine rot-weiße Badekappe für den Kopf, damit auch dessen Umfang korrekt erfasst werden kann. Und ab geht’s zum Körperscan. „Jetzt auf die hellen Fußmarker stellen, schön gerade stehen und Hände an die Hosennaht“, instruiert Schwester Regina die 78-Jährige. Nach einem Knopfdruck und zwölf Sekunden ist die erste Messung erledigt. „Insgesamt nehmen wir drei Messungen vor“, informiert die Schwester und lobt die Seniorin wenig später nach einem Blick auf ihren Bildschirm für den sehr aufrechten Stand. Nix verwackelt. Exakte Daten! Während die Probandin wieder in ihre Kleidung schlüpft, arbeitet Kühle weiter am Computer. Denn auch hier gilt wie bei allen anderen Untersuchungen: Die erfassten Daten werden akribisch dokumentiert.

Mit der Plattsnackerin in der Klönstuw

Minuten danach nimmt die Stralsunderin in der „Klönstuw“, so steht es auf dem Türschild, bei Andrea Struck Platz. Klönstuw? Die 57-Jährige lacht. „Ja, ich bin die Interviewerin“, erzählt sie und verweist darauf, dass alle Räume im Ship-Untersuchungszentrum seit etwa zwei Jahren ein Türschild mit plattdeutschen Begriffen aufweisen. Struck selbst war die Ideengeberin. „Ich habe mal auf Mönchgut gelebt, mein Mann war Fischer, wir sprachen Platt“, erzählt die gelernte Kauffrau im Gesundheitswesen. Platt snacken – und zwar auch auf Arbeit – das liege ihr im Blut. „Schilddrüs unnersäuken, Blautdruck mäten..., dat hürt sik doch ganz fründlich an.“ Besonders bei älteren Probanden sei damit sofort das Eis gebrochen, verrät Andrea Struck. Doch nach ein wenig Plauderei gehe es sachlich und laut Fahrplan weiter. Im Interview, das auf der Basis standardisierter Fragen zwischen 30 und 45 Minuten dauere, gehe es um Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme, Nikotin- und Alkoholkonsum. „Aber auch um die Berufsausbildung und das Haushaltseinkommen“, nennt Dr. Clemens weitere Beispiele, „denn neben psychosozialen Faktoren haben auch sozioökonomische Aspekte Einfluss auf unsere Gesundheit.“ Wichtig: Hier gelte wie bei allen Untersuchungen das Prinzip der Freiwilligkeit. „Wir zwingen niemanden zur Beantwortung einer Frage“, stellt Struck klar.

Die Ship-Studie geht in die fünfte Runde. Zum Start gibt es für die ersten beiden Probanden Blumen. Von links: Probandenmanagerin Lissy Kästel, Qualitätsmanagerin Janka Schössow, Edelgard Körber, Thomas Jahn, Projektkoordinator André Werner und Dr. Clemens Jürgens. Quelle: HGW

Großes Blutbild bringt wertvolle Informationen

Edelgard Körber ist als geübte Probandin bereits nach 29 Minuten in der Klönstuw fertig. Im Anschluss sucht sie den „Tähnpücker“, also den Zahnarzt, auf. Denn auch die zahnmedizinische Untersuchung gehört zum Standardprogramm der Ship-Studie, wie Herzecho, Speichel-, Urin- und natürlich Blutproben.

Für das große Blutbild sticht Clemens Jürgens in die rechte Armvene von Edelgard Körber und zapft 45,7 Milliliter ab, die in neun verschiedene Röhrchen fließen. „Der kleine Piks ist auch die invasivste Untersuchung des gesamten Programms“, sagt der Arzt. Die damit gewonnenen Daten gäben Auskunft über Cholesterin-, Zucker- und Leberwerte, Elektrolyte und anderes mehr. „Der Großteil der Blutproben wird in der Biobank tiefgefroren und kann noch Jahre später zur Erhebung von Daten genutzt werden“, verdeutlicht er.

Ein paar Stationen weiter – und Edelgard Körber ist fertig. Mit gutem Gefühl tritt sie nach knapp fünf Stunden ihre Heimfahrt an, um die sie sich mit ihren 78 Jahren übrigens keine Gedanken machen muss: Ein Fahrdienst chauffiert sie zurück nach Hause – genau, wie er sie am Morgen schon geholt hat. Ein spannender Tag für sie – ein guter Tag für die Wissenschaft.

Eine Studie – tausende Daten

Innerhalb der Studie „Leben und Gesundheit in Vorpommern“ (SHIP) werden Erwachsene unserer Region regelmäßig medizinisch und zahnmedizinisch untersucht. Die gewonnenen Daten sollen den Gesundheitszustand aufzeigen und dabei helfen, den künftigen medizinischen und zahnmedizinischen Versorgungsbedarf in der Bevölkerung abzuschätzen.

SHIP begann 1997 und wurde vor allem vom Bundesforschungsministerium und dem Land MV gefördert. Zwischen 2002 und 2006, das heißt für die Probanden fünf Jahre nach der Untersuchung, lief die erste Nachbeobachtung (SHIP-1). Elf Jahre nach dem Start wurden die Probanden ein drittes Mal untersucht. Im gleichen Zeitraum wurde eine zweite Kohorte (SHIP-Trend) mit einem ähnlichen Programm etabliert. SHIP-3 lief von 2014-2016.

In dieser Woche ging SHIP-4 an den Start. Die Untersuchungen nehmen einen Zeitraum von zwölf Monaten in Anspruch. Das Team im Untersuchungszentrum, zu dem ein Arzt, vier Zahnärzte, sieben untersuchende Mitarbeiter sowie bis zu zehn Hilfskräfte gehören, erwarten in dieser Zeit mindestens 1100 Probanden – etwa fünf pro Tag.

Zum Programm gehören eine Reihe von Basisuntersuchungen, wie die Messung von Körpermaßen oder die EKG-Aufnahme. Des weiteren finden auch Zusatzuntersuchungen statt, darunter ein Ganzkörper-MRT oder Check-ups der Herz-Kreislauf- und Lungenleistung.

Neu aufgenommen wurde die Elastographie. Hierbei handelt es sich um ein spezielles Ultraschallverfahren, das Informationen über die Steifigkeit von Organen wie der Leber ermöglicht.

Die Studienergebnisse haben viele grundlegende und komplexe medizinische Zusammenhänge aufgedeckt, so beispielsweise, dass Zahnfleischschwund das Herzinfarktrisiko erhöht, eine Leberverfettung das Diabetesrisiko fördert und eine Arterienverkalkung die Knotenbildung in der Schilddrüse anregt.

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Petra Hase

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