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Grimmen Schüler in Vorpommern lernen weniger Plattdeutsch
Vorpommern Grimmen Schüler in Vorpommern lernen weniger Plattdeutsch
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09:03 25.11.2018
Für die beiden Schüler Talea Heise und Fin Grimm (beide 18) vom Stralsunder Hansa-Gymnasium fühlt sich die Sprach- und Schreibweise des Niederdeutschen noch etwas ungewohnt an, aber vielleicht wird es ja in Vorpommern demnächst auch die Möglichkeit geben, Plattdeutsch als Fach bis zum Abitur zu belegen. Quelle: Christian Rödel
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Stralsund/Greifswald

Plattdeutsch bis zum Abitur lernen und damit helfen, dass auch zukünftige Generationen das regionale Erbe Mecklenburg-Vorpommerns bewahren. Dies war einer der offiziellen Gründe, warum die Landesregierung im Jahr 2016 ein Landesheimatprogramm aufgelegt hat. Inoffiziell geht die Geschichte allerdings anders: Die Landesregierung zaubert ein Landesheimatprogramm aus dem Hut, um den Begriff Heimat vor einer Vereinnahmung durch die AfD zu schützen. Die rechtspopulistische Partei hatte zu dieser Zeit längst Erfolge bei kommunalen Wahlen im Land eingefahren. Ihren Einzug in den Landtag vermochte dann selbst ein staatliches Heimatprogramm nicht zu verhindern.

Dort, wo der AfD regelmäßig die höchsten Wahlergebnisse gelingen, wirkt der zentrale Schwerpunkt des Programms, die Bewahrung des Niederdeutschen, bisher ohnehin kaum – in Vorpommern. Von den sechs Profilschulen, an denen Schüler Plattdeutsch bis zum Abitur lernen können, gibt es in den beiden Landkreisen Vorpommern-Greifswald und Vorpommern-Rügen keine einzige, während in Mecklenburg das sogenannte Plattinum, wenn auch ohne Prüfung, in Dömitz, Stavenhagen, Wismar, Crivitz und Laage angeboten wird. Die östlichste Profilschule ist das Musikgymnasium in Demmin, an dem von der 7. bis zur 12. Klasse Niederdeutsch gelehrt wird. Auch wenn die Hansestadt gern ihre Zugehörigkeit zu Vorpommern betont, zählt sie seit der Kreisgebietsreform im Jahr 2011 zum Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. 550 Schüler lernen demzufolge in Mecklenburg aktuell Platt bis zum Abi, in Vorpommern: null. Immerhin: Die dazugehörige Fachdidaktik ist am Institut für Deutsche Philologie der Universität Greifswald angesiedelt worden. Dort verzeichne man sogar ein „wachsendes Interesse am Niederdeutsch-Studium“, stellte Birte Arendt, die Leiterin des Kompetenzzentrums für Niederdeutschdidaktik, erst kürzlich anlässlich eines Festaktes zum 25. jährigen Bestehen des Niederdeutschstudiums in Greifswald fest.

Fragt man im Bildungsministerium nach den Gründen für die ungleiche Verteilung der Möglichkeiten im Land, schon in der Schule Plattdeutsch zu lernen, zeigt Sprecher Henning Lispki auf die Schulen selbst. Es hätte sich keine Schulen aus Vorpommern beworben, daher habe man die Einrichtungen berücksichtigt, die sich darum bemüht hätten, ihr Heimatprofil zu schärfen. Ursprünglich sollten nur vier weiterführende Schulen zu Platt-Pennen werden. Aber wegen des regen Interesses aus der Landesmitte und dem Westen sind daraus nun sechs geworden.

Die Landesregierung hatte, damals noch mit Mathias Brodkorb (SPD) als Bildungsminister, ihr Landesheimatprogramm mit insgesamt 7,5 Millionen Euro ausgestattet, die bis 2020 in den Erhalt der Deutungshoheit über die Regionalkultur des Landes fließen sollen. Heute müsste man sagen: in einen Teil des Landes. Ein Schwerpunkt des Programms ist der Niederdeutschunterricht bis zum Ende der Oberstufe an den vorgesehenen Profilschulen, wofür die Landesregierung allein zwei Millionen Euro eingeplant hat. Jede Schule, die den Zuschlag bekam, erhielt zur Umsetzung eine zusätzliche Lehrerstelle. Eine Auswahl fand in dem Verfahren erst gar nicht statt. „Alle Schulen, die Interesse bekundet haben, den Profilschwerpunkt Niederdeutsch zu entwickeln, haben einen Zuschlag erhalten und machen heute als Profilschule ein entsprechendes Bildungsangebot“, heißt es auf Anfrage aus dem Bildungsministerium.

Zwischen den Zeilen scheint durch, dass das Ministerium nicht vorhat, weitere Schulen aktiv zu motivieren, eine Niederdeutsch-Profilschule zu werden, wenn Sprecher Lipski betont: „Die Bewerbung als Profilschule liegt in der Verantwortung der jeweiligen Schule und ist unter Prüfung aller Ressourcen der Schule und des Umfeldes sorgsam zu entscheiden. Hierbei ist wichtig, dass die Idee aus der Schule heraus entsteht, einen Profilschwerpunkt Niederdeutsch zu entwickeln, damit dieses Profil auch gelebt werden kann. Derzeit liegen keine weiteren Bewerbungen von Schulen vor, die die entsprechenden Voraussetzungen erfüllen.“ Für Gespräche mit weiteren Schulen sei man in Schwerin aber offen.

An den Schulen ist bisher nicht der Eindruck entstanden, dass das Land bei der Einrichtung weiterer Profilschulen besonders hinterher sei. Mathias Ruta, er ist Direktor am Lilienthal-Gymnasium in Anklam, sagt, dass er mit seinen Kollegen über eine Bewerbung als Profilschule für Plattdeutsch durchaus diskutiert hätte, wenn es eine Antwort auf die Frage gäbe, woher er eine Lehrkraft bekommt, die Plattdeutsch beherrscht und eine Befähigung für die Sekundarstufe zwei habe. Insofern sei eine Bewerbung nie ein ernsthaftes Thema gewesen.

In der Tat gilt die Besetzung von offenen Lehrerstellen im strukturschwächeren Vorpommern als ein ausgeprägteres Problem als in Mecklenburg. Dass in vielen Fällen schlichtweg niemand zu finden ist, der Platt unterrichten will, war offenbar zweitrangig, als Brodkorb seinerzeit in einer wohlformulierten Pressemitteilung den Start des Programms verkündete und betonte, dass die Landesregierung die Kosten für zusätzliche Kollegen übernehmen würde.

Ulrike Berger, Bildungsexperten und Landesvorsitzende der Grünen in MV, fordert nach dem verkorksten Start vor zwei Jahren deshalb eine zweite Runde: „Es ist schade, dass sich an der Ausschreibung zur Plattdeutsch-Profilschule nur sechs Schulen aus Mecklenburg beteiligten und gleichzeitig das sehr engagiert besetzte Kompetenzzentrum für Niederdeutschdidaktik seinen Sitz in Greifswald hat. Darum sollte es eine zweite Bewerbungsrunde geben, zuvor müsste jedoch der Bedarf an den Schulen abgefragt werden. Denn eins ist klar: Wir brauchen Schulen und Kitas, an denen das Plattdeutsche als Teil unserer norddeutschen Kultur systematisch vermittelt wird.“

Neben dem Unterricht an den Profilschulen wird das Niederdeutsche in geringerem zeitlichen Umfang an 69 Schulen im Land (50 in Mecklenburg, 19 in Vorpommern) angeboten. Für diesen Weg hat sich auch das Stralsunder Hansa-Gymnasium entschieden. „Wir haben uns nicht darum beworben, eine Profilschule für Begabtenförderung mit dem Schwerpunkt Niederdeutsch zu werden – und haben das auch perspektivisch nicht vor. Ganz einfach, weil wir nicht die Intention hatten, Niederdeutsch als durchgehende Sprache bis zum Abitur anzubieten“, sagt Thomas Jahnke, der Direktor des Hansa-Gymnasiums. „Wir befürworten es, Niederdeutsch als regionale Sprache zu pflegen und zu erhalten. Dazu sind Angebote für Schüler im Wahlpflicht- oder im Neigungsunterricht im Rahmen der Ganztagsschule, wie Lern-AGs oder Theaterveranstaltungen möglich. Derzeit können wir dies aber nur über außerschulische Partner in Form von Veranstaltungen anbieten.“

Benjamin Fischer

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