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Grimmen „Guten Tag, Ihr Mann ist verstorben“: Wie Polizisten aus MV Todesnachrichten überbringen
Vorpommern Grimmen „Guten Tag, Ihr Mann ist verstorben“: Wie Polizisten aus MV Todesnachrichten überbringen
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20:24 21.08.2019
Müssen bisweilen schlechte Nachrichten überbringen: Polizeihauptkommissar Mathias Müller (l.) und Polizeikommissaranwärter Max Steinke von der Stralsunder Polizei haben manchmal einen ziemlich schweren Job. Quelle: Christian Rödel
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Stralsund

Ein sonniger Sonntag im Frühling. Auf einer Bundesstraße in der Nähe von Greifswald krachen zwei Autos ineinander. Polizei und Rettungskräfte werden alarmiert. Eines der Unfallopfer überlebt nicht. Nun ist es an der Polizei, die Hinterbliebenen zu informieren – die Nachricht wird sie völlig unvorbereitet treffen. Von einem auf den anderen Moment ist ihr Leben ein anderes.

Bei Meldungen über Unfalltote ist man gedanklich schnell bei den Opfern und der Schuldfrage, bei den Angehörigen und ihrer Trauer, nicht aber bei den Überbringern dieser schlimmen Nachrichten. Selbst fachlich sehr guten Polizisten fällt es nicht leicht, so etwas Schreckliches zu übermitteln. Wie geht es ihnen dabei? Wie lernen sie das? Was sollten sie beachten und was tunlichst vermeiden?

Nach der Todesnachricht beginnen die Ermittlungen

„Es gibt drei Todesarten“, erzählt Peggy Jaekel. „Natürliche, nicht natürliche und unklare.“ Zu den Aufgaben der Stralsunder Hauptkommissarin und ihrer Kollegen zählt es, bei einem unklaren Tod die Ursache herauszufinden. Dafür muss sie ermitteln – als erstes bei den Angehörigen, denen sie die Nachricht vom Tod überbringt. Die Anforderungen an so ein Gespräch sind also ziemlich hoch. Wie läuft das ab?

„Wenn wir davon ausgehen, dass die Nachricht für die Hinterbliebenen sehr schockierend sein wird, nehmen wir einen Notfallseelsorger mit“, sagt Jaekel. Dies sei etwa der Fall, wenn Kinder gestorben sind. „Auf dem Hinweg bereiten wir uns mental auf das Gespräch vor. Bei der Adresse angekommen, versichern wir uns, dass wir auch bei den Richtigen klingeln.“ So banal das klingt, aber wenn beispielsweise in einem Wohnblock zwei Familien denselben Nachnamen haben, wird klar, wie immens wichtig das ist. Einer falschen Familie die Nachricht zu überbringen, das ist der 37-Jährigen zum Glück noch nicht passiert.

Gespräch besser im Sitzen

„Wir stellen uns vor und bitten darum, reingelassen zu werden. Wir sagen auch, dass es besser wäre, sich hinzusetzen“, erzählt sie weiter. Nicht nur, dass es pietätlos wäre, vom Tod zwischen Tür und Angel zu reden, die Bitte um Einlass hat auch einen praktischen Grund. Denn es kann vorkommen, dass jemand die Nachricht nicht verkraftet und ohnmächtig wird. Die Gefahr, sich beim Hinfallen im Flur zu verletzen, soll ausgeschlossen werden. „Und wenn alle Platz genommen haben, dann sagen wir gleich, was passiert ist.“

Dazu rät auch Polizei- und Notfallseelsorger Hanns-Peter Neumann, der die Gespräche oft begleitet. „Auf gar keinen Fall um den heißen Brei herumreden!“ Wer nicht professionell geschult ist, könnte annehmen, es sei besser, die schlimme Nachricht „schonend“ in viele Worte verpackt auszudrücken. „Sie kennen bestimmt diese Landstraße dort zwischen Dorf X und Dorf Y. Die ist ja bekanntlich in keinem guten Zustand und da gibt es doch einen Wald, wo häufiger Rehe über die Straße laufen. Und gerade nachts sind die ja schwer zu sehen und...“

Aber gerade das sei mitnichten schonend. „Die Gedanken der Angehörigen rasen. Sie wollen nicht auf die Folter gespannt werden. Sie wollen endlich wissen, was los ist“, erläutert Neumann. Auch Jaekel sagt: Sobald die Polizei vor der Tür stehe, würden sich die Leute fragen, was passiert sein könnte und im Kopf durchgehen, wer von ihren Angehörigen gerade wo ist.

Mehrere Minuten Stille aushalten

Was zu sagen ist, werde in einem ruhigen Tonfall ausgedrückt, so die Hauptkommissarin. „Wir haben leider eine traurige Nachricht für Sie. Ihr Angehöriger ist verstorben.“ Empathie zu zeigen, sei sehr wichtig. Und wenn die Angehörigen es dann wissen? „Zuerst muss man die Nachricht sacken lassen“, sagt Neumann. Dieser Moment der Stille sei unheimlich wichtig und könne mehrere Minuten dauern. Das müssten Polizisten aushalten.

Manch ein Hinterbliebener würde innerlich zusammenbrechen, andere würden eher gefasst reagieren, berichtet er. „Es kommt auch vor, dass die Hinterbliebenen es nicht wahrhaben wollen. Dann kann es sein, dass sie sich zum Beispiel ganz alltäglichen Sachen widmen, zum Beispiel dem Bügeln oder dem Kochen – so von wegen ,Nein, das kann nicht stimmen, was Sie da sagen. Mein Mann kommt sicher gleich nach Hause und bis dann muss ich das hier fertig haben.' Aber nach einigen Minuten merken sie dann doch, dass es wohl stimmt, und dann kann es sein, dass man einen bitteren Schrei aus dem Nebenzimmer hört.“

Emotionaler Abstand ist nötig

Trotz allem muss Jaekel in dem Gespräch auch Informationen über den Verstorbenen einholen, etwa ob die Person Medikamente genommen hat, ob es Unterlagen vom Krankenhaus gibt und ob sie die mitnehmen kann. „Man kann sich davon nicht ganz frei machen, aber wir haben doch emotionalen Abstand. Wir kennen die Personen ja nicht. Wir haben einen dienstlichen Auftrag, müssen professionell auftreten und unsere Aufgaben erfüllen. Für die seelsorgerische Seite ist Herr Neumann da.“

Je nach Bedarf bleibt er mehrere Stunden, begleitet die erste Trauer, lässt die schockierten Personen nicht alleine. Jaekels Aufgabe hingegen ist oft nach einer Viertelstunde erledigt. „Das ganze Gespräch ist unangenehm für die Angehörigen. Die wollen uns Polizisten dann auch nicht so lange um sich herum haben. Wir teilen aber mit, dass wir für weitere Fragen zur Verfügung stehen. Und falls wir keinen Seelsorger dabei haben und merken, dass es besser wäre, wenn die Person nicht alleine zurückbleibt, dann rufen wir einen hinzu und warten so lange, bis er da ist.“

Eiserne Faust, die das Herz festhält

Seit 13 Jahren macht Peggy Jaekel diesen Job. Unangenehm sei so ein Gespräch immer. Sie spricht von einem beklemmenden Gefühl und einer eisernen Faust, die das Herz festhalte. Erlernt wird das Führen solcher Gespräche in der Fachhochschule Güstrow. Hanns-Peter Neumann und eine Kollegin bieten angehenden Polizisten ein eintägiges Training sowie Weiterbildungen an. Wie häufig müssen solche Gespräche im Beruf geführt werden? Jaekel schätzt, dass es 20 bis 25 im Jahr sind. „Wenn die verstorbene Person ein Kind ist, dann nehmen wir darauf Rücksicht, dass nicht jemand zum Einsatz fährt, der selbst ein Kind hat.“ Die Arbeit werde gleichmäßig im Team verteilt.

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