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Grimmen Sie weiß, wovon Nord Stream spricht
Vorpommern Grimmen Sie weiß, wovon Nord Stream spricht
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00:00 13.06.2017
Wenn die Herde Ulrike Böttcher erblickt, sammelt sie sich flugs am Elektrozaun. Man könnte hier einen Werbefilm für die Bio-Branche drehen. Davon hält Frau Böttcher aber in Wahrheit nicht viel – zumindest nicht ausschließlich. Quelle: Fotos: Benjamin Fischer
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Putbus

Die Bauern auf der Insel Rügen wehren sich weiter konsequent dagegen, landwirtschaftliche Flächen für die Ausgleichsmaßnahmen im Zuge des Baus der zweiten Ostsee-Pipeline herzugeben. Ab Juli soll die Röhre von der Gazprom-Tochter Nord Stream 2 von Russland bis nach Lubmin verlegt werden, um in Zukunft noch deutlich mehr russisches Gas nach Europa zu transportieren. Die erste Pipeline ist bereits im Jahr 2011 in Betrieb genommen worden.

„Nord Stream hat offenbar nicht damit gerechnet, dass wir hier so zusammenstehen“, sagt Ulrike Böttcher. Sie führt den Landwirtschaftlichen Betrieb Lauterbach mit 200 Mutterkühen und einer Vielzahl an Kälbern. Alle draußen auf saftig grünen Wiesen. Wenn die Herde den großen Pickup von Ulrike Böttcher erblickt, sammelt sie sich flugs am Elektrozaun. Lautes Muhen. Schwerer Kuhatem vernebelt die Luft. Idylle pur. Man könnte hier einen Werbefilm für die Bio-Branche drehen. Damit hat Frau Böttcher aber nichts am Hut.

Dennoch hat die drahtig wirkende 38-Jährige schon vor Zeiten das mitgemacht, was Nord Stream den Rügener Bauern seit einigen Monaten als das Allheilmittel anpreist, um die Umweltschäden, die bei der Verlegung der zweiten Pipeline durch den ökologisch sensiblen Greifswalder Bodden entstehen, wieder gutzumachen: eine extensive Bewirtschaftung der Weiden und Grünflächen für den Futteranbau. „Damals hatten wir 140 Kühe, die ausschließlich extensiv gehalten wurden. Die ersten Jahre ging das auch sehr gut, da der Boden noch Nährstoffreserven aus der intensiven Bewirtschaftung zur Verfügung hatte.

Nach etwa zehn Jahren wurde es bereits deutlich schwieriger.“ Die ertragreichen Gräser seien nach und nach verschwunden „und weniger anspruchsvolle und für Rinder weniger schmackhafte Pflanzen setzten sich durch. Nach 20 Jahren haben wir uns entschlossen einen Großteil der Flächen wieder intensiv zu bewirtschaften, um die Futtergrundlage unserer Rinder das ganze Jahr über gewährleisten zu können.“ Ergebnis: Experiment gescheitert.

Von ihren insgesamt 230 Hektar werden heute wieder rund 100 intensiv bewirtschaftet – also mit Hilfe von Unkrautvernichtungsmitteln und Dünger. In den Jahren unter extensiver Bewirtschaftung sei aber nicht die Futterknappheit ausschlaggebend gewesen, sondern der schlechter werdende Gesundheitszustand der Tiere. „Die Auszehrung des Bodens durch unterlassene Düngung führte zu Mangelerscheinungen“, erklärt Ulrike Böttcher das über Jahre anwachsende Problem. Die Folgen seien beträchtlich gewesen: geringere Fruchtbarkeit der Kühe; Euter- und Klauenprobleme; neugeborene Kälber, die nach der Geburt zu schwach zum Saugen waren oder wegen zu kurzer Sehnen mit so genannten Stelzfüßen auf die Welt gekommen sind. Jedes Tier, das starb, sei für sie eine große psychische Belastung gewesen. Blutproben hätten gezeigt, dass die Werte für Kupfer und Selen wegen des schlechten Grases nur bei einem Zehntel des für die Kühe absolut notwendigen Minimums gelegen hatten. Die Kühe hätten deshalb einer aufwändigen Therapie zur Nahrungsergänzung unterzogen werden müssen.

Ulrike Böttcher: „Ein weiteres unterschätztes Problem ist die Verbreitung des gefährlichen Jakobskreuzkrautes auf Extensivflächen. Dieses ist schon in kleinsten Mengen hochgradig giftig, tödlich für Pferde, Rinder, Schafe und nicht zuletzt für den Menschen, durch den Verzehr von Milch und Fleisch der aufnehmenden Tiere. Das Gift dieser Pflanze kann vom Körper nicht abgebaut werden, sondern lagert sich in der Leber ab, bis die mortale Dosis erreicht ist.“

Die Futterwiesen von Ulrike Böttcher liegen rund um den Wreecher See im Südosten Rügens. Der See hat einen direkten Zugang zum Bodden und ist damit ein Hotspot unter den von Nord Stream vorgeschlagenen Ausgleichsmaßnahmen. Die Idee des Pipeline-Unternehmens geht so: Wenn auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen keine Pestizide mehr verwendet werden, würde auch der Eintrag der Pflanzenschutzmittel in den Greifswalder Bodden zurückgehen. Experten bestätigen diesen Effekt, was Nord Stream zurzeit die Angst nimmt, Klagen von Umweltschutzverbänden ausgesetzt zu sein, weil die die vorschlagenen Ausgleichsmaßnahmen als nicht wirkungsvoll genug betrachten könnten.

Ulrike Böttcher missfällt an dieser Lesart, dass damit allein die Landwirte zum Öko-Buhmann gemacht werden. An dem über verschiedene Gräben weit verzweigten Abfluss in den Bodden seien nach wie vor auch Gebiete angeschlossen, die zu Putbus gehören.

170 von ihren 230 Hektar soll sie zur Umsetzung der Renaturierungspläne an Nord Stream abtreten – um ein Projekt zu beginnen, mit dem sie schon gescheitert ist.

Nord Stream-Verträge

Die Gazprom-Tochter Nord Stream 2 bietet den Eigentümern der Flächen einen Preis von zehn Prozent über dem Bodenrichtwert an. Um Verluste durch die Umstellung von einer intensiven auf eine extensive Bewirtschaftung zu minimieren, will Nord Stream den Bauern 25 Jahre lang einen Ausgleich zahlen. Anschließend können die Flächen vertragsgemäß trotzdem nicht wieder für eine intensive Landwirtschaft genutzt werden. Ein Teil der Landwirte spricht von einer Enteignung durch die Hintertür.

Benjamin Fischer

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