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Grimmen In Grimmen wurden enorm viele Hexen verfolgt
Vorpommern Grimmen In Grimmen wurden enorm viele Hexen verfolgt
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16:22 18.06.2019
Stadtführer und Heimatforscher Sven Thurow auf der Trebelbrücke, an der früher die Hexenproben durchgeführt wurden. Quelle: Carolin Riemer
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Grimmen

In Grimmen soll es nicht stimmen, glaubt man einem alten Spruch, der weit über die Grenzen der Trebelstadt bekannt ist. Sven Thurow, Hobby-Historiker und ehrenamtlicher Stadtführer, lehnt sich ans Gelände der Trebelbrücke vor dem Tribseeser Tor und versucht zu erklären: „Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber er bezieht sich vermutlich darauf, dass es im kleinen Grimmen unglaublich viele Hexenverfolgungen gab.“ Der 50-Jährige hat sich intensiv mit der Stadtgeschichte befasst und Kirchenbücher studiert. Auf eine Zahl möchte er sich nicht festlegen, aber: „Unsere kleine Stadt konnte gut mit der wesentlich größeren Stadt Bamberg mithalten und die ist ja bekannt für ihre Hexenverbrennungen.“

„Nach dem Tod endete wenigstens die Folter

Ein missgünstiger Nachbar, ein enttäuschter Verehrer, Wissen über heilende Kräuter – danach konnte nach dem 30 ig-jährigen Krieg schnell eine Spirale aus Verhören und Folter beginnen, die auf dem Scheiterhaufen auf dem Grimmener Marktplatz endete. „An dieser Stelle führte man die Hexenproben durch“, sagt Thurow und zeigt auf die Trebel zu seinen Füßen. Damals war der Fluss viel breiter, tiefer und sie konnte noch von Schiffen befahren werden. „Man band die Hände der Frauen an ihre Füße und warf sie ins Wasser.“ Wenn sie oben schwamm, war für die Beobachter erwiesen: Es handelt sich um eine Hexe, denn so ein reines Element wie Wasser, nimmt keine unreine Seele, wie die einer Hexe auf. Ging die Frau unter, ließ man sie trotzdem ertrinken. „Dann hörte aber wenigstens die Folter auf und sie bekam ein christliches Begräbnis auf dem Friedhof.“

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Mysteriös: Die Verwünschung wurde Wahrheit

Die harten Sitten herrschten lange in Grimmen. Mysteriös ist vor allem die Überlieferung der letzten Hexenverbrennung, die Sven Thurow anhand der Kirchenbücher prüfte. Nachweislich im Jahr 1697 wurde die letzte angebliche Hexe auf dem Markt verbrannt. Anna Maria Kröger hieß die Frau, die kurz vor ihrem Tod zu den sieben Gerichtsherren sagte: „Ihr denkt, ihr sprecht Recht. Doch wir sehen uns innerhalb eines Jahres vor dem höchsten Richter wieder.“ Anna Maria Kröger meinte damit Gott. „Ob Zufall oder nicht, aus den Kirchenbüchern geht hervor, dass wirklich alle sieben Gerichtsherren innerhalb eines Jahres starben.“ Die Geschichten von Sven Thurow erzeugen oft Gänsehaut, denn sie sind erwiesen. So brach sich einer der Männer, der die „Hexe“ zum Tode verurteilte, noch am gleichen Tag beim Ritt nach Hause in seine Heimatstadt Greifswald das Genick. Der Diakon erhängte sich und der Folterknecht kam bei einem Brand in seinem Wohnhaus ums Leben. Auch die anderen vier überlebten die nächsten zwölf Monate nicht.

Die Geschichte über die Verwünschung wirft noch heute Schatten. Damals regierte Bürgermeister Johannes Flitner die Stadt. „Noch heute treffen sich seine Nachfahren regelmäßig in Grimmen und die weigern sich noch heute, durch den Laubengang des Rathauses zu gehen, um Bürgermeister Benno Rüster zu besuchen. Sie benutzen stets den Hintereingang, denn im Laubengang tagte das weltliche Gericht und beschloss auch die Hinrichtungen.“ Die Glimmender hielten lange am Aberglauben fest. So wurde die letzte Anzeige wegen Hexerei noch im Jahr 1923 beim damaligen Bürgermeister eingereicht. Der ließ diese jedoch fallen.

Schandkette fesselte zuletzt 1909 eine Frau

Auch die Schandkette, von der noch heute ein nachgebautes Modell vor dem Rathaus hängt, wurde länger benutzt als in vielen anderen Städten. „Im Jahr 1909 wurde eine Frau hier einen Tag lang angekettet, die zwei Äpfel und eine Mohrrübe gestohlen hatte“, sagt Sven Thurow. Jeder, der an ihr vorbei kam, durfte sie mit faulem Obst bewerfen, oder bespucken. Der Grimmener investierte viel Zeit in seine Recherchen und nimmt im Sommer 14-tägig gern Einheimische und Touristen mit auf seine thematischen Stadtrundgänge. Dann gibt er sein Wissen weiter: „Damit das alte Grimmen nicht vergessen wird.“

Individuelle Stadtführungen

Sven Thurow stellt sich bei seinen 14-tägigen Stadtführungen auf seine Gäste ein. Sie können wählen, ob sie lieber etwas zu den Hexenverfolgungen in Grimmen, den Märchen und Sagen der Stadt, das einstige Kneipenleben oder über die Geschäfte in der Altstadt der 70er Jahre hören möchten. Er gibt sein Wissen auf Plattdeutsch und wahlweise auch Hochdeutsch preis.

Anmeldungen bei Interesse, Klassentreffen oder auch Geburtstagsfeiern laufen über die Volkshochschule in Grimmen: Telefon: 03 83 26/ 800 20

Carolin Riemer