Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Grimmen Vereinsmitglieder bauen Betten für weißrussische Kinder
Vorpommern Grimmen Vereinsmitglieder bauen Betten für weißrussische Kinder
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:41 05.05.2019
André Fiedler fräst das Holz in der einstigen Tischlerei Stark in Horst. Quelle: Anja Krüger
Anzeige
Grimmen/Horst

Wie man sich bettet, so ruht man. Und das sollen die Mädchen und Jungen aus dem ukrainischen Dobrusch ab Mitte Juli möglichst gut. Denn zwei Wochen lang können sich dann 36 Kinder aus dem von der Nuklearkatastrophe im Jahr 1986 am stärksten betroffenen Gebiet in Grimmen erholen. Möglich macht das der Verein Tschernobyl-Hilfe Vorpommern. Dessen Mitglieder bauten nun eigens für die jährlich stattfindenden Besuche Betten.

Sägen, Fräsen, Schleifen, Schrauben – am Ende sollen es 36 Betten sein, die sich zunächst in der Garage von Annette und André Fiedler stapeln. Es ist bereits der zweite Sonnabend, an dem sich die Mitglieder um den Vereinsvorsitzenden Martin Scheitor auf dem Hof der Fiedlers in Horst treffen. Warum dort, liegt auf der Hand. „Einst hat mein Schwiegervater Herbert Stark hier eine Tischlerei betrieben“, erzählt André Fiedler. Er steht an der alten Fräsmaschine und rundet die Kanten der langen Bretter ab, die später für das Bettgestell verwendet werden. Sieben der insgesamt 17 Vereinsmitglieder bauen an diesem Sonnabend die Betten aus den Einzelteilen zusammen.

Anzeige
Seit 1990 engagieren sich die Mitglieder des Vereins Tschernobyl-Hilfe Vorpommern für weißrussische Familien. Ihre Schwerpunkte unter anderem: die Organisation eines jährlichen Ferienaufenthaltes für rund 30 Kinder aus Dobrusch. Eigens dafür bauten sie jetzt Betten.

Seit 1990 aktive Hilfe für Opfer der Nuklearkatastrophe

Seit 1990 engagieren sich die Mitglieder des Vereins, unterstützen Familien – hauptsächlich die Kinder – im Katastrophengebiet. „Dobrusch liegt zwar nicht in der Sperrzone, aber direkt dahinter“, weiß Unternehmer Scheitor. Die Auswirkungen des Reaktorunglücks in Tschernobyl vor 33 Jahren spüren die Menschen dort auch heute noch. Krankheiten, wie Schilddrüsenkrebs, Leukämie, Sehschwächen und Konzentrationsstörungen kommen dort noch immer überdurchschnittlich oft vor – auch bei Kindern. Zudem leben viele Kinder in sozial schwachen Familien, sind Halb- oder gar Vollwaisen. Auf diese Kinder konzentriert sich die Arbeit des Vereins Tschernobyl-Hilfe Vorpommern.

Weil den Mitgliedern die Schicksale nahe gehen, haben sie in diesem Jahr auch mehr Kindern als in den Jahren zuvor einen Kurzurlaub ermöglicht. „Sonst waren es um die 26 Kinder mit Betreuern“, berichtet Gundula Neumann aus Mesekenhagen, die gemeinsam mit ihrem Mann Siegfried tatkräftig beim Bettenbau mithilft. Zu sehen, wie die Kinder ausgelassen spielen, lachen, singen und unbeschwert ihren Urlaub genießen, sei für sie der größte Dank für die Mühe, die in der Vorbereitung und Durchführung dieser zwei Wochen steckt, sagt sie. „Bei ihrem Aufenthalt hier blühen die Kinder immer regelrecht auf“, fügt André Fiedler hinzu.

Dobruscher Schule Nr. 1 ist Partner

Seit vielen Jahren arbeitet der Verein mit der Schule Nr. 1 in Dobrusch zusammen. „Wir brauchen einen Partner in der Ukraine, um diese Aufenthalte für die Kinder zu ermöglichen“, erklärt der Vereinsvorsitzende. Erst im Januar war er vor Ort, um die Verträge zu erneuern. Bei der Gelegenheit habe er auch die neue Direktorin der Schule, Marina Pescherskaja, kennengelernt und ein paar neue Regelungen getroffen. „Beispielsweise, dass dieses Mal Betreuer die Kinder begleiten, die noch nie im Ausland waren“, erzählt Scheitor. Auch bei den Kindern werde darauf geachtet, dass Mädchen und Jungen, die noch nie eine solche Auszeit hatten, in den Genuss dieser Ferien kommen.

Die Vereinsphilosophie: Naturalien wichtiger als große Geldspenden

Angefangen beim Weißrussischen Kinderfonds aus Gomel, der für kostenlose Visa für die Kinder sorgt, bis hin zur Stadt Grimmen, Unternehmen, Vereinen und Privatpersonen aus der Grimmener Region: Die Vereinsmitglieder sind dankbar für die große Unterstützung, die sie erfahren. Ein Grund, warum sie zum Jahresbeginn ihren Vereinssitz von Greifswald nach Grimmen in die Greifswalder Straße 42 verlegt haben. „Wir fühlen uns in Grimmen viel besser aufgehoben“, sagt Gundula Neumann. „Wenn ich nur an die Damen in der Begegnungsstätte ’Gemeinsam statt einsam’ denke, die für die Kinder stricken. Oder an den Kleingartenverein ’Am Wasserwerk’, der im vergangenen Jahr ein Gartenfest für die Kinder veranstaltet hat. Überall werden die Kinder hier mit ganz viel Herzlichkeit empfangen“, begründet sie.

„Unsere Philosophie ist es, nicht die großen Geldspenden zu sammeln, sondern viele Naturalien“, sagt Scheitor. Die Kinder in der Grimmener Grundschule „Friedrich Wilhelm Wander“ kostenlos unterbringen zu können beispielsweise, sei viel mehr Wert. Ebenso wie die Zusammenarbeit mit der Itzehoer Versicherung, die in den vergangenen Jahren die Kranken- und Unfallversicherung der Kinder übernommen hat, oder zum Tankstellen-Betreiber Roland Becker aus Bartmannshagen, der in diesem Jahr das Mittag für die weißrussischen Gäste liefert. Und lieber packen die Vereinsmitglieder auch gemeinsam mal kräftig an. Wie beim Bettenbau, für den die Firma Fries aus Appelshof das Holz und der EGN-Baumarkt die Schrauben gesponsert hat. „Die Betten zu kaufen, die robust und stapelbar sein sollten, wäre teurer gewesen“, meint André Fiedler. Denn mit ihrem Vereinsvorsitzenden hätten sie zudem einen gelernten Tischler, der weiß, wie sie diese Möbelstücke nach ihren Vorstellungen zu bauen hätten.

Gut erhaltene Kleidung, Spielzeug und Schulmaterialien werden immer gebraucht

Der Verein organisiert aber nicht nur Ferien für die Dobruscher Kinder, sondern sammelt auch gut erhaltene Kleidung, Spielzeug und Schulmaterialien für die Acht- bis Zwölfjährigen. „Manche Kinder kommen nur mit einer ganz kleinen Tasche mit Kleidung und einem Paar Schuhe hier an“, berichtet Annette Fiedler. Sie hätten einfach nicht mehr. Gerade auch an warmer Kleidung für die Wintermonate würde es vielen Kindern in Dobrusch fehlen. Buntstifte, Fasermaler und auch Malbücher, Kreide sowie Spielzeug jeglicher Art seien Dinge, über die sich die Dobruscher Kinder immer freuen würden.

Die größte Überraschung aber dürften in diesem Jahr die Betten sein, in denen sie in Grimmen schlafen werden. Denn in den Jahren zuvor schliefen die Kinder stets lediglich auf Matratzen beziehungsweise Sportmatten.

So verbringen die Kinder unter anderem die Zeit in Grimmen:

Zwei Wochen ohne ständige Gemüsekontrollen

Urlaub auf der Schulbank

Anja Krüger