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Grimmen „Der Tod kommt immer zu früh“: So sprechen Stralsunder Ärzte mit Patienten über das Sterben
Vorpommern Grimmen „Der Tod kommt immer zu früh“: So sprechen Stralsunder Ärzte mit Patienten über das Sterben
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20:24 21.08.2019
Überbringen von schlechten Nachrichten: Karel Frank (41), Oberarzt auf der Stralsunder Intensivstation, hat damit täglich zu tun. In der Klinik gibt es dafür sogar einen extra Raum mit roter Couch. In den Händen hält er eine Broschüre mit Informationen für Trauernde. Quelle: Kai Lachmann
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Stralsund

Ärzte sind die Berufsgruppe, die wohl am häufigsten schlechte Nachrichten zu überbringen hat. Denn in einem Krankenhaus ist – so drastisch das vielleicht klingen mag – das Sterben Teil des Alltags. Wie sagt ein Arzt einem Menschen, dass er nicht mehr lange leben wird? Ist es vielleicht heute schon sein drittes Gespräch dieser Art? Und dann sind da noch die Angehörigen, die wissen wollen, was los ist...

„Wir nutzen dafür einen Raum, in dem man für sich ist“, sagt Dr. Holger Kappes, Facharzt für Innere Medizin am Sana-Krankenhaus in Bergen auf Rügen. Weder Telefon noch Schwestern sollen stören. Im Arztzimmer versucht er dann, eine vertrauensvolle Atmosphäre herzustellen. Er hinterm Schreibtisch, der Patient davor – für das, was dann kommt, wäre diese Konstellation ungeeignet. „Wir sitzen einander direkt zugerichtet ohne Schreibtisch dazwischen“, berichtet er. Sollten Angehörige mit dabei sein, dann setze man sich in einen Kreis.

Blickkontakt halten, auch wenn es schwerfällt

Das Gespräch, über das sich Kappes vorher viele Gedanken macht, beginnt oft damit, dass er erfragt, was der Patient oder die Angehörigen schon wissen, um alle auf denselben Stand zu bringen. Dann redet er darüber, in welchem Stadium die Krankheit nun ist und welche Optionen es gibt. „Man muss ehrlich sein und die Tatsachen wahrhaftig rüberbringen. Man muss Klarheit schaffen und, wenn es so ist, auch sagen: ,Daran werden Sie sterben.' Es ist wichtig, wie man das sagt – Tonfall, Stimmlage.“ Außerdem müsse man Blickkontakt halten, auch wenn es schwerfällt.

Überbringen von schlechten Nachrichten: Für Holger Kappes gehört das zum Arbeitsalltag. Quelle: Kai Lachmann

Routine entwickle sich zwar im Laufe der Zeit, berichtet der 45-Jährige, aber auch einen erfahrenen Arzt bewegen solche Gespräche. „Jeder bringt seine eigenen Gefühle mit. Und wenn es einen selbst packt, dann ist das auch in Ordnung. Wenn der Patient merkt, dass es auch dem Arzt nahe geht, dann befördert das eine ganz andere Ebene. Es darf einen berühren, aber nicht belasten.“

Junge Ärzte begleiten erfahrene

Im weiteren Verlauf entwickle das Gespräch dann eine eigene Dynamik, die er erfühlen und auf die er eingehen müsse. Auch wenn der Klinikalltag stressig ist, eine halbe Stunde plane er dafür ein – oder mehr. „Es ist nicht gut, so etwas unter Zeitdruck zu machen.“ Zudem biete er die Möglichkeit für einen weiteren Termin an.

„Die Führung solcher Gespräche muss man erlernen und sie gehört zur täglichen Arbeit dazu“, sagt Dr. Karel Frank (41), Oberarzt auf der Intensivstation des Stralsunder Hanseklinikums. Junge Assistenzärzte würden ältere dabei begleiten und zuhören. In der Ausbildung zum Facharzt seien „Kommunikationsregeln im Umgang mit Angehörigen“ neben zum Beispiel Hygiene, Reanimation oder dem Patiententransport ein Punkt im Ausbildungsplan.

„Der Tod kommt immer zu früh, es gibt keinen richtigen Zeitpunkt“

Die Ausstrahlung sei wichtig, hat Frank festgestellt. Deshalb ziehe er sich dafür einen weißen Kittel an, sonst trage er blau. Außerdem werden in Stralsund die Gespräche in einem extra Raum mit roter Couch geführt. „Dort stört uns niemand.“ Technische Begriffe versucht er zu vermeiden und eine verständliche Sprache zu benutzen. „Der Tod gehört zum Leben. Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt und er kommt immer zu früh.“

Es sei sehr viel Fingerspitzengefühl gefragt. „Verständnis und Mitgefühl ja, aber ich muss nicht traurig sein. Das kann ich mir nicht leisten, sonst werde ich verrückt.“ Dennoch gab es so manches Gespräch, das ihm naheging. Mit jungen Menschen etwa oder als er mit einem verbliebenen Elternteil zusammen saß. Wenn ein zweiter Arzt dabei ist, tauscht er sich gerne mit ihm im Anschluss aus. Wenn er das Gespräch alleine geführt hat, dann dreht er danach eine Runde durch die Station – um sich danach wieder auf den nächsten Patienten konzentrieren zu können.

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Von Kai Lachmann

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