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Grimmen Wie Klaus Harm in Kirch Baggendorf aus Versehen fast eine ganze Kirche strich
Vorpommern Grimmen Wie Klaus Harm in Kirch Baggendorf aus Versehen fast eine ganze Kirche strich
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17:30 24.11.2019
Klaus Harm ist Gemeindemitglied in Kirch-Baggendorf. Er hat in den vergangen zwei Jahren in der Kirche ehrenamtlich die Bänke, die Seitenempore und Türen gestrichen sowie viele Flächen gereinigt. Quelle: Juliane Schultz
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Kirch Baggendorf

Mucksmäuschenstill ist es in der Kirche von Kirch Baggendorf. Jemand muss da sein, denn die Tür war offen, aber der überraschend hohe, helle Raum ist leer. Draußen pustet der Herbst um die Feldsteinmauern. Hier drinnen ist es warm. Der Blick streift die geschnitzte Kanzel und gleitet über Wandmalereien hinauf zur Gewölbedecke. Alles ist in hervorragendem Zustand – zumal für eine vorpommersche Dorfkirche.

„Ich bin hier.“ Aus dem Nichts steht er plötzlich da mit seinem Jungenlachen: Klaus Harm ist 64 Jahre alt, Vater von vier Söhnen und Großvater von vier Enkelkindern, doch wenn er sich freut und seine Augen sich dabei zu Schlitzen verengen, wirkt er wie ein Lausbube.

„Menschenskinder, wie sieht das hier aus?“

Sein Projekt liegt in den letzten Zügen, es ist Zeit, über die Arbeit zu sprechen. In den vergangenen zwei Jahren hat Harm fast alle Holzoberflächen der Kirche gestrichen. Niemand hat ihn dafür bezahlt – im Grunde nicht einmal darum gebeten. Doch im Gespräch wird klar, dass er gar nicht anders konnte: „Ich saß im Gottesdienst und dachte: Menschenskinder, wie sieht das hier aus? Pitsch, pitsch, pitsch“, sein Zeigefinger tippt auf unsichtbare Punkte. „Die Farbe war verätzt – als wenn Tropfen auf die Liedbuchablage gefallen wären.“

Er habe mit Tischlermeister Weiß verhandelt und von ihm Farbe bekommen. Die dritte Probe sah aus wie der graue Originalton. „Aber wie ich dann so am Streichen war, dachte ich: Sag mal, Klaus, wie sieht denn diese rote Leiste aus? Die war genauso schlimm.“ Der Restaurator glaubte, dass die Fledermäuse schuld seien. Doch wer weiß das schon – der letzte Anstrich erfolgte im Jahr 1864.

„Aber es kam noch besser ...“

„Jedenfalls hab ich dann ein zweites Mal versunken vor mich hingestrichen. Da kam unsere Gemeindemitarbeiterin und fragte, was denn mit den Rückenlehnen passiert ist?“ Ihr seien Verfärbungen an den Lehnen der acht Meter langen Bänke aufgefallen – 14 sind es insgesamt. „Ich habe ich mir ein dann ein Herz gefasst und alles durchgeschliffen. Aber es kam noch besser ...“

Klaus Harm und „seine“ Kirche – seit 1979 ist er Mitglied der Gemeinde in Kirch Baggendorf. Quelle: Juliane Schultz

Und so erklärt der gelernte Schlosser in aller Seelenruhe, was ein „Aktivistenpinsel“ („mindestens sieben Zentimeter breit“) ist, wie man eine picobello Oberfläche hinbekomme („sanft mit dem Pinsel streicheln“), dass Abkleben mit Malerkrepp oft Quatsch und Fitwasser zu aggressiv sei und warum er aus Versehen auch noch die Seitenempore, die Treppe, die Logenplätze, das Gestühl im Altarraum und verschiedene Türen gestrichen hat. Immer wieder seien ihm und anderen unschöne oder farblose Stellen aufgefallen, da habe er einfach immer weiter gemacht.

Bloß keine Rotznasen produzieren – Klaus Harm streicht die Tür zur Sakristei der Kirche in Kirch Baggendorf. Quelle: Juliane Schultz

Seit 1979 ist Harm Gemeindemitglied. Immer wieder habe er sich eingebracht, spielt im Posaunenchor und ist Kirchenältester. Nun, als Rentner wollte er sich mal einer größeren Aufgabe widmen. „Aber natürlich war mir anfangs nicht bewusst, wo die Reise hingeht.“ Versonnen blickt er sich im Raum um: „Das war schon eine Eigenmächtigkeit von mir, aber jetzt bin ich doch sehr zufrieden.“

Als Kraftsportler Spitzname „Bulle Harm

Überhaupt scheint Harm völlig im Reinen mit sich und dem Leben zu sein. Trotz Note Eins im Mathe-Abitur sei er für ein Studium politisch nicht tragbar gewesen. So absolvierte der gebürtige Sassnitzer eben eine Ausbildung zum Maschinisten und heuerte auf einem Fischkutter an. Nebenbei machte er Kraftsport, war einmal sogar stärkster Lehrling im Bezirk Rostock. Klimmzüge, Dreierhopp, Beugestütze, Bankdrücken – seine Kraft habe ihm damals den Spitznamen „Bulle Harm“ eingebracht.

Später habe er eine theologische Ausbildung absolviert und 35 Jahre lang die Wasserburg in Turow geleitet. Nebenbei war er Gemeindevertreter. Vor einigen Jahren habe er einen Arbeitsunfall erlitten, die Knie seien seitdem kaputt. Kurz darauf folgte die Diagnose Multiple Sklerose. Er engagiert sich in der MS-Selbsthilfegruppe.

„Die Bibel hilft einem, sein Leben zu organisieren.“

Ob er beim Streichen manchmal mit den Heiligen ringsum spreche? Harm winkt ab. Er sehe den Glauben viel pragmatischer: „Die Bibel hilft einem, sein Leben zu organisieren.“ Das O in dem Wort ‚organisieren‘ spricht er so gedehnt, als wären es fünf Buchstaben hintereinander. Immer wieder macht er solche Pausen im Redefluss, als würde er kurz hängenbleiben. „Wissen, Sie, ich bin ein verkopfter Mensch. Bevor ich rede, denke ich“, erklärt er und lacht wieder ganz jungenhaft.

Harm tritt vor die Tür. Die Sonne ist rausgekommen. Er winkt zum Abschied und steckt sich eine Zigarette an. Irgendwo wartet noch Arbeit, die gleich erledigt werden muss.

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Von Juliane Schultz

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