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Grimmen Warum steht Vorpommern nicht besser da?
Vorpommern Grimmen Warum steht Vorpommern nicht besser da?
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10:33 30.07.2019
Der Hafen Mukran auf Rügen ist ein wirtschaftliches Aushängeschild für die Region. Quelle: Stefan Sauer/dpa
Stralsund

„Herr Dahlemann, warum steht Vorpommern in den Statistiken nicht besser da?“ „Das liegt... ben wir de... ohn... a.... ....“ „Herr Dahlemann, sind Sie noch da?“

Treffender hätte es wohl kaum auf den Punkt gebracht werden können: Da will man mit dem parlamentarischen Staatssekretär für Vorpommern, Patrick Dahlemann (SPD), darüber sprechen, warum unsere Region in einem deutschlandweiten Wirtschaftsvergleich noch immer am Ende zu finden ist, und dann zwingt eines der vielen Funklöcher das Telefonat in die Knie.

Dennoch sind Antworten nötig. Denn bei den beiden Landkreisen Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald steht einerseits viel auf der Haben-Seite: Rügen, Usedom und Fischland-Darß-Zingst sind boomende Tourismus-Regionen, an zwei Hochschulen werden mehr als 12 000 Studierende ausgebildet, in Greifswald wird mit Wendelstein 7-X Spitzenforschung betrieben, das Welterbe in Stralsund hat immense Strahlkraft, zahlreiche Förderprogramme kümmern sich um internationale Investoren oder auch kleinere Dorfprojekte, die Wirtschaftsförderung setzt auf mehreren Ebenen an, es gibt Welcome Center für Zugezogene und Zurückgezogene und eben auch den Einsatz eines parlamentarischen Staatssekretärs. Viel hat sich also getan in Vorpommern.

Der Tourismus wie hier auf der Insel Usedom ist seit Jahren eine der wichtigsten Stützen der Wirtschaft in Vorpommern. Quelle: Tilo Wallrodt

Wo bleibt die Aufholjagd?

Doch andererseits ist ein wirklicher Aufholprozess gegenüber anderen Regionen in Deutschland nicht zu erkennen. Zumindest nicht, wenn man sich den Zukunftsatlas des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos AG aus Basel ansieht. Alles drei Jahre werden darin die „Zukunftschancen“ aller Landkreise und kreisfreier Städte Deutschlands (zurzeit sind es 401) in Vergleich gesetzt. Ergebnis: Vorpommern-Rügen (VR) landet auf Platz 388, Vorpommern-Greifswald (VG) auf Platz 394. Zum Vergleich: 2016 war VR auf Platz 401 und VG auf Platz 397, 2013 war VR auf Platz 400 und VG auf Platz 395.

Stichwort Zukunftsatlas

Deutschlands Städte und Kreisebefinden sich in einem starken Standortwettbewerb um Einwohner, Fachkräfte, Investitionen, Erweiterungen und Ansiedlungen sowie den Infrastrukturausbau. Der Zukunftsatlas gibt Orientierung im Standortwettbewerb“, schreiben die Autoren der Prognos AG über ihren Zukunftsatlas. „Im Vergleich mit anderen Städten und Kreisen werden individuelle Stärken und Schwächen gespiegelt.“ Für den Zukunftsatlas werden Daten über einen längeren Zeitraum betrachtet. Seit 2004 veröffentlichte das Wirtschaftsforschungsunternehmen den ersten Zukunftsatlas. Seither gibt es alle drei Jahre einen neuen.

Warum stehen die Vorpommern-Landkreise so weit unten? Prognos bewertet Kriterien wie Demografie, Arbeitsmarkt, Wettbewerb und Innovation, Wohlstand und soziale Lage. Dafür greift das Unternehmen auf objektive statistische Daten zu. Insgesamt fließen 29 makro- und sozialökonomische Indikatoren in die Bewertung ein, darunter etwa Geburtenraten, Arbeitslosenquote und Arbeitsplatzdichte, Schulabbrecherquote und der Anteil Hochqualifizierter, die Kaufkraft, kommunale Schuldenlast und das Bruttoinlandsprodukt pro Beschäftigtem.

In fast all diesen Punkten sieht es hier im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland schlecht aus. „Befragungen von und Diskussionen mit Politik und Wirtschaft zur Ermittlung der subjektiven Einschätzungen (u. a. Standortattraktivität, Zufriedenheit, Lebensqualität) sind für die Bewertung der Regionen bewusst nicht vorgenommen worden“, schreiben die Atlas-Autoren.

Freizeit und Natur als Standortfaktor

Gerade das kritisieren aber zum Beispiel die hiesigen Landräte. „Eine andere Prognos-Studie, in der der Frage nachgegangen wurde, wo es sich am besten lebt, sieht uns auf einem viel besseren Rang, sogar als beste Platzierung aller Landkreise der neuen Bundesländer“, sagt etwa Vorpommern-Rügens erster Mann Stefan Kerth (SPD). Gemeint ist die Deutschland-Studie im Auftrag des ZDF. In jenem nationalen Gesamtvergleich belegt Vorpommern-Rügen tatsächlich Platz 91. Ausschlaggebend dafür ist, dass dort „Freizeit & Natur“ als Indikator bewertet wird. Der Landkreis wird in der Kategorie auf Platz 3 gesehen (hinter Potsdam und Weimar). Bei den Themen „Arbeit & Wohnen“ springt aber auch in dieser Studie nur Platz 375 heraus.

Eine große Chance wird darin gesehen, „Freizeit & Natur“ nicht nur im touristischen Sektor wirtschaftlich zu nutzen, sondern als Argument, sich hier anzusiedeln. „Die großen Städte können dem Zuzug kaum noch Herr werden. Ich bin in meinem Grundgefühl bestätigt, dass wir für Leute, deren Leben nicht mehr so sehr vom Partyleben bestimmt wird, sondern für die dann so im Alter zwischen 30 und 50 Jahren andere Faktoren wichtig werden, als Lebensraum ins Spiel kommen“, meint Kerth.

Digital-Job auf dem Dorf ausüben

Sein Kollege Michael Sack (CDU), Landrat in Vorpommern-Greifswald, fügt an: „Wo man sich in Ballungszentren die Zukunft regelrecht selbst verbaut, gibt es in unserer pommerschen Heimat reichlich Platz für Geschäftsideen, Gewerbeansiedlungen und alternative Lebensentwürfe. Unter der Voraussetzung, dass die Breitbandversorgung gewährleistet ist, kann man bei uns wie nirgendwo sonst seinen Beruf auf dem Dorf in naturnaher Umgebung ausüben und ist dennoch mit dem Rest der Welt verbunden.“

So stellt auch die Wirtschaftsfördergesellschaft Vorpommern (WFG) bei ihren Werbeaktivitäten die Natur in den Vordergrund. Vorpommern sei „Deutschlands Sonnendeck“. Aber: Hätten die großstadtmüden Digital-Nerds über 30 nicht schon längst hier sein müssen? Zwar haben wir hier nicht das schnellste Internet, aber online arbeiten ist auch nicht unmöglich. WFG-Chef Rolf Kammann: „50 Mbit reichen für den Alltag sicherlich aus.“ Doch eine schnelle(re) Leitung ins weltweite Netz werde immer mehr zur Bedingung. „Die Menschen werden unabhängiger vom Büro. Dafür müssen hier technische Voraussetzungen geschaffen werden.“

Juliane Reetz hat uns geholfen, das Thema „Funkloch“ bildlich umzusetzen. Davon gibt es in Vorpommern im Jahr 2019 noch immer eine ganzer Menge – von der Möglichkeit, mobil zu surfen, mal ganz abgesehen. Quelle: Ove Arscholl

Gesucht: Ingenieure und Abwäscher

Ein weiteres Wachstumhemmnis stellt der Arbeitsmarkt dar. „Der Mangel an Fachkräften ist branchenübergreifend“, sagt Kammann. „Arbeitskräfte aller Qualifikationsstufen fehlen.“ Das heißt: Nicht nur Ingenieure, sondern auch Abwäscher sind immer schwerer zu bekommen. Auch die verkehrliche Erreichbarkeit müsste verbessert werden. So sei zum Beispiel Lubmin als Industriestandort schlecht angebunden. Zudem müsste der Personenverkehr auf der Schiene verbessert werden. „Die Ansiedlungsdynamik stagniert“, erklärt Kammann.

Wer wie Vorpommern im Zukunftsatlas weit unten steht, kann möglicherweise sich von den besser Platzierten etwas abschauen. Dafür geht der Blick nicht nach München, was samt Umland seit Jahren die ersten Plätze besetzt, sondern ins Emsland. Staatssekretär Dahlemann sagt, die Region habe ähnliche Probleme wie Vorpommern – gehabt. Um herauszufinden, mit welchen Rezepten es dort bergauf ging, hat er den Teil im Westen Niedersachsen mehrfach schon besucht. „Ich will eine Delegation zusammen stellen mit Unternehmern, Bürgermeistern und Kulturschaffenden, um den Austausch zu fördern.“ Der Landkreis Emsland steht übrigens auf Platz 142.

Regionale Lebensmittelproduzenten haben sich 2018 im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald präsentiert. Wer in Vorpommern seine Waren anbietet, tut dies auf einem überschaubaren Markt: Rund 450 000 Menschen wohnen in den beiden Landkreisen. Quelle: Henry Dramsch

„Pommernland ist abgebrannt“

Ein weiterer weicher, aber wichtiger Standortfaktor ist der Ruf einer Region. Und da hat Vorpommern als Gesamtheit trotz vieler Urlauber an den Küsten offenbar noch immer viel Luft nach oben. „Das Problem sind die Vorurteile nach dem Motto ,Pommernland ist abgebrannt’“, meint Rolf Kammann. Die rechtsextreme NPD erzielte hier beachtliche Wahlergebnisse, was für bundesweit negative Schlagzeilen sorgte. Und wie sieht es mit den hohen Ergebnissen der AfD aus? Im Wahlbezirk Vorpommern-Greifswald II (Insel Usedom) wurde die Partei zum Beispiel bei der Landtagswahl 2016 mit 27,6 Prozent stärksten Kraft. Kammann: „Ich habe noch keinen möglichen Investoren getroffen, der das beklatscht hat.“

Abgesehen von den Wahlergebnissen seien diese aber durchaus angetan von Vorpommern – wenn sie sich denn besser informieren oder gar vor Ort umschauen würden. Ein überraschtes „Ach, das habt ihr alles hier?“ hat Kammann schon häufiger gehört. Und wer sich einmal niedergelassen habe, der sei gerne hier: „Die Unternehmen sind mit dem Standort sehr zufrieden.“ Auch das würden (andere) Studien zeigen.

Fragen an die Experten: Wo sind Ansatzpunkte? Was muss sich ändern? Welche Rezepte könnten funktionieren?

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