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Ribnitz-Damgarten „Ans Jubiläum denkt hier niemand“
Vorpommern Ribnitz-Damgarten „Ans Jubiläum denkt hier niemand“
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07:00 03.07.2018
Matthias Haase (58) betrachtet eine der Schautafeln, die an der zerstörten Artenschutzvoliere an die Schneekatastrophe erinnern. Quelle: Robert Niemeyer
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Marlow

„Daran habe ich noch gar nicht gedacht“, sagt Matthias Haase, „nach der Geschichte an Ostern hat das hier eigentlich niemand so richtig im Kopf.“ Nein, an das Jubiläumsjahr denkt im Vogelpark Marlow derzeit wirklich niemand. Zu frisch sind noch die Erinnerungen an das diesjährige Osterwochenende, als sämtliche großen Flugvolieren unter Schneemassen zusammenbrachen und ein Schaden von rund 700000 Euro entstand. Im seinem 24. Jahr wurde das beliebte Ausflugsziel im Südwesten des Landkreises Vorpommern-Rügen von der schlimmsten Naturkatastrophe seit der Eröffnung getroffen. Und es ist fast schon ein kleines Wunder, dass es auch ein 25. Jahr geben wird.

Vor 24 Jahren wurde der Vogelpark in Marlow eröffnet. Weil eine Region in der Not zusammenhält, wird es auch ein 25. Jahr geben.

Attraktion wird zum Mahnmal

Nachdenklich betrachtet Matthias Haase an diesem sonnigen Tag die Schautafeln an der Artenschutz-Voliere. Eigentlich sollte dieses Gehege in dieser Saison die neueste Attraktion des Marlower Vogelparks werden. Derzeit erinnert sie jedoch wie ein Mahnmal an die wohl schlimmste Nacht in der Geschichte des Parks. Am Boden liegende, gerissene Seile und zerstörte Netze zeugen noch immer von den verheerenden Auswirkungen der Schneefälle in der Nacht von Ostersonntag zum Ostermontag. Auf den Tafeln im Eingangsbereich der Voliere erinnern Bilder und Texte daran.

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„Es kommt einem so vor, als wäre das Ganze schon unheimlich lange her“, sagt Gundula Schmidt. Die 30-Jährige arbeitet seit sieben Jahren als Tierpflegerin im Vogelpark. Sie erinnert sich noch ganz genau an den Ostersonntag, als die Katastrophe bekannt wurde: „Ich wollte zur Arbeit fahren, kam aber selbst wegen der Schneemassen nicht mit dem Auto vom Hof.“ Neben der Fassungslosigkeit hatte sie im ersten Moment vor allem Angst um die Tiere, um die sich Schmidt täglich liebevoll kümmert. Mehr als 70 Vögel flogen damals davon, einige starben. „Ich war ziemlich traurig. Und ich konnte nichts machen“, sagt sie. Ein paar Tage später folgten Zukunftsängste, bei ihr und vielen anderen der etwa 70 Mitarbeiter. Was wird aus dem Park? Können alle Jobs gerettet werden?

Hoffen auf die Hochsaison

Denn neben dem angerichteten Schaden gingen auch die Gästezahlen deutlich zurück. Im ersten Halbjahr besuchten 60600 Menschen den Vogelpark, 25000 weniger als im Vorjahr. Doch die Hochsaison steht noch an. Allein im Juli und August des vergangenen Jahres kamen rund 100000 Besucher und damit 45 Prozent der Gäste des gesamten Jahres. „Wir liegen wirtschaftlich im grünen Bereich. Wenn der Sommer wie gewohnt gut läuft, kommen wir mit einem blauen Auge davon“, sagt Matthias Haase.

In den vergangenen Monaten ist viel passiert, viel wieder aufgebaut worden. Bis auf zwei Schreiadler, einen Seeadler und einige wenige Waldrapps sind auch die entkommenen Vögel wieder zurück. „Man merkt gar nicht mehr, wie zerstört der Park war“, sagt die Rostockerin Katrin Levien, die an diesem Nachmittag mit ihrem Sohn Tiago einen Ausflug nach Marlow unternommen hat und die Pinguine beim sommerlichen Bad beobachtet. „Ich habe aus den Medien von der Katastrophe erfahren und bin erstaunt, dass der Park schon wieder geöffnet hat.“

Dass auf dem Gelände fast schon wieder Normalbetrieb herrscht, ist vor allem der schnellen Hilfe aus allen Richtungen zu verdanken. Mehr als 100 Menschen kamen allein am Freitag nach Ostern, um selbst mit anzupacken, aufzuräumen, ihren Vogelpark, den touristischen Leuchtturm des ohnehin im Schatten der Küstenregion liegenden Hinterlandes, zu retten. „Es war überwältigend, wie viele Menschen geholfen haben. An diesem Tag herrschte eine tolle Stimmung“, erinnert sich Tierpflegerin Gundula Schmidt.

Bürokratische Hürden

160 000 Euro kamen zudem allein aus Einzelspenden von Firmen und Privatleuten zusammen. Ein finanzielles Polster, das über die Runden hilft. „Wir hatten wirklich großes Glück und sind unendlich dankbar“, sagt Matthias Haase. Stück für Stück wurden und werden die Volieren des Parks wieder aufgebaut. „Einfache Sachen machen wir selbst“, sagt Haase. 45 000 Euro sind bereits investiert worden. Lediglich drei große Volieren sind derzeit nicht besuchbar.

Der große Sprung lässt allerdings noch ein wenig auf sich warten. So hatten Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) und Vorpommerns Staatssekretär Patrick Dahlemann (SPD) bereits am Ostermontag vor Ort schnelle Hilfe in Höhe von insgesamt 500000 Euro zugesichert. Geld, das noch nicht da ist. Denn auch in der Not lässt sich die Bürokratie nicht umgehen. Aktuell werden laut Haase die Planungsleistungen für die Arbeiten ausgeschrieben. Notwendig ist dafür auch eine Analyse, wie hoch am Ende die Kosten sind. Und das alles in Abstimmung mit dem Wirtschaftsministerium und den gesetzlichen Förderbedingungen. „Aber wir sind sehr dankbar, dass wir diese Hilfe erhalten“, so Haase, der optimistisch ist, dass bald schon alles wieder seinen normalen Gang nimmt.

Und wenn auch diese Hürden überwunden sind, ist 2019 vielleicht auch eine kleine Jubiläumsfeier drin.

24 Jahre Vogelpark Marlow: Erste große Krise 2006

Am 2. Juli 1994 eröffnete der Vogelpark in Marlow seine Tore. „Der Eingangsbereich bestand aus einem ehemaligen Carport“, erinnert sich Matthias Haase. Wenn in Marlow Anfang der 1990er-Jahre etwas abgerissen wurde, landete das Material in der Regel im Vogelpark. 35 000 Gäste kamen im ersten halben Jahr des Bestehens. Mittlerweile sind es jährlich rund 250 000.

In den Anfangsjahren wurde jedes Jahr eine neue Attraktion eröffnet, so Haase. Dennoch: „Es hat ein paar Jahre gedauert, bis wir wussten, was die Gäste wollen.“

Bis 2006 ging es aufwärts, dann kam die Vogelgrippe. „Da haben wir richtig viele Besucher verloren“, so der gebürtige Kamenzer (Sachsen), der vor dem Projekt Vogelpark sechs Jahre im Rostocker Zoo gearbeitet hat. Dank der Unterstützung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die laut Haase auf Landes- und Bundesebene Türen zu Fördertöpfen geöffnet habe, wurde diese Krise überwunden.

Niemeyer Robert

03.07.2018
03.07.2018
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