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Ribnitz-Damgarten Bauer sucht Nachwuchs
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Bauer sucht Nachwuchs
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16:44 25.06.2018
Anne und Sten Meyer führen in Saal einen Landwirtschaftsbetrieb und weihten die Jugendlichen in die Geheimnisse ihres Berufs ein. Quelle: Carolin Riemer
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Saal

Wenn Diplom-Landwirt Sten Meyer sich an seine ersten Fahrten in einem Traktor erinnert, fällt ihm vor allem eins ein: „Drei Knüppel, alles lief schwer. Es ist kein Vergleich mit der Technik heutzutage.“ Aber eines hat sich für den 40-Jährigen seitdem nicht verändert: Die Liebe zu dem Beruf des Landwirts. „Das Gefühl, morgens mit einem Traktor oder Mähdrescher in den Sonnenaufgang zu fahren – ganz allein auf dem Feld, in der Natur.“

Auf dem Hof wird die Arbeit der Landwirte greifbar

Sieben Schüler aus dem Gymnasialen Schulzentrum in Barth schmunzeln ein bisschen, als sie die eher ungewöhnlich romantische Beschreibung des studierten Bauern hören. Alle haben sich freiwillig angemeldet als die Schulsozialarbeiterin Rita Damm Schüler suchte, die Interesse daran haben, eine Ausbildung im landwirtschaftlichen Bereich zu beginnen.

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Bernd Tscheuschner vom Jugendhaus Storchennest hatte die Idee, den jungen Menschen den Beruf schmackhaft zu machen: „Hier draußen auf einem Hof, da wird die Arbeit erst greifbar. Es gibt viele Jugendliche, die nicht wissen was sie lernen wollen und es gibt viele Landwirte, die keine Azubis finden. Solche Tage können ein Gewinn für beide Seiten sein.“ Er holte auch den Chef des Bauernverbandes, Christian Ehlers, mit ins Boot und so traf sich die ungewöhnliche Formation am Montag auf Sten und Anne Meyers Hof in Saal. Sie nennen ihre Aktion „Schlepperbande“.

Verantwortung für teure Maschinen und die Umwelt

Gemeinsam räumten sie mit Vorurteilen auf und beantworteten die Fragen der Jugendlichen. Lennart Tietze (13) fand die riesigen Maschinen interessant: „Wie teuer ist so ein Mähdrescher?“ Er erfuhr, dass für die moderne Generation fast eine halbe Million Euro investiert werden muss. Lennart liebt große Maschinen, Computer und die Natur. „Ideale Voraussetzungen für einen modernen Landwirt“, sagte Anne Meyer. Kaum ein anderer Beruf habe sich in den vergangenen Jahren so sehr gewandelt, sei so sehr vom Fortschritt der Technik begünstigt worden. Ohne Interesse an Computern und einem mathematischen Grundwissen, sei die Ausbildung kaum zu schaffen. Die Anforderungen sind gestiegen. „Dafür sind die Bedingungen auch besser geworden. Wir sind bei der Bezahlung mit etwa 12,50 Euro pro Stunde weit vom Mindestlohn entfernt und die meisten Betriebe beschäftigen ihre Mitarbeiter ganzjährig.“ Der Begriff des Bauerntrottels gehört genauso in ein Museum verbannt, wie die alten Maschinen.

Lennart staunt, dass der Mähdrescher GPS-gesteuert ist. „Fast wie ein Computerspiel“, sagt er lächelnd. Auch die Verantwortung, die ein Landwirt trägt, gefällt ihm. Sten Meyer erklärt: „Die Maschinen sind teuer, eine Tonne Raps ist 350 Euro wert und die Verantwortung im Hinblick auf die Umwelt sollte jedem bewusst sein.“

„Lasst bloß Mama und Papa zu Hause“

Er gab den Schülern auch Tipps für ihr Bewerbungsgespräch: „Lasst bloß Mama und Papa zu Hause. Antwortet auf alle Fragen, stellt Fragen und seid selbstbewusst.“ Viele Vorurteile konnten an diesem Vormittag abgebaut werden. Das Interesse, das die Jugendlichen zeigten war groß. Bei Anne und Sten Meyer, die Raps, Weizen und Gerste anbauen, sei schon seit einigen Jahren keine Bewerbung mehr eingetroffen. „Das Interesse ist gesunken. Das ist ein Problem“, sagt die Landwirtin. Das soll sich durch solche praktischen Tage auf den Höfen ändern. Acht Schulen konnte Bernd Tscheuschner bislang dafür gewinnen. Und er hofft, dass es noch mehr werden: „Weil unsere Jugend nicht in eine Großstadt ziehen muss, um einen großartigen Beruf zu erlernen. Unser Bundesland bietet viel.“

Viele Betriebe garantieren ganzjährige Beschäftigung

2016 ließen sich noch 27 Jugendliche in Vorpommern-Rügen zum Landwirt ausbilden. Ein Jahr später waren es nur noch 15. In MV entschieden sich 2017 insgesamt 195 Schulabgänger für den Beruf.

Mit 16 Jahren dürfen die Azubis auf den Feldern große Maschinen lenken, die Fahrschule wird oft von den Betrieben organisiert. 525 Euro verdienen die Azubis im ersten Lehrjahr. Im dritten sind es 630 Euro.

Carolin Riemer