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Ribnitz-Damgarten „Bauern sind alle Spekulanten“
Vorpommern Ribnitz-Damgarten „Bauern sind alle Spekulanten“
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10:24 23.05.2017
Frank Hartmann baut auf 75 Hektar Raps an.
Frank Hartmann baut auf 75 Hektar Raps an. Quelle: Robert Niemeyer
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Wustrow

Die leuchtend gelben Rapsfelder in der Region sind derzeit ein echter Hingucker. Erst im August aber zeigt sich für die Landwirte die ganze Wahrheit, wenn die Ernte beginnt. Doch ein guter Ertrag vom Feld ist nur die halbe Miete. Wie sehr die Bauern in Vorpommern-Rügen vom Weltmarkt abhängig sind, dass es auch um den richtigen Zeitpunkt des Verkaufs geht und man dabei auch auf die Nase fallen kann, erklärt Frank Hartmann, Landwirt aus Wustrow und Vorsitzender des Bauernverbandes Nordvorpommern im OZ-Interview.

Herr Hartmann, der Raps blüht, eines der beliebtesten Fotomotive in unserer Region zu dieser Jahreszeit. Wie viel Aufmerksamkeit schenken Sie als Landwirt derzeit Ihren Rapsfeldern?

Frank Hartmann: Der Raps wächst, ich gucke momentan zu und stehe als Pflanzendoktor parat, falls ich den Raps noch behandeln muss. Im Augenblick habe ich damit nichts zu tun. In etwa 14 Tagen sind die Blüten weg. Mitte August beginnt dann die Ernte. Auf 75 Hektar habe ich dieses Jahr Raps angebaut.

Wenn die Ernte eingefahren ist, an wen verkaufen Sie den Raps dann?

Frank Hartmann:Der Raps geht von hier aus an regionale Landhändler. Ich habe vier Möglichkeiten, das sind die Ceravis AG und ATR, jeweils mit Lagern in Semlow, die Nordland HaGe in Damgarten und die Getreide AG in Rostock.

Und von dort geht der Raps wohin?

Hartmann: Das kann man vorher gar nicht genau sagen. Der Raps wird zur Ölgewinnung genutzt, aber ob er in die Kraftstoffproduktion oder die Nahrungsmittelproduktion geht, steht nicht fest. Vor Jahren musste man noch festschreiben, welcher Raps für welche Verwendung vorgesehen ist. Das ist heute nicht mehr so.

Das heißt, Sie wissen gar nicht genau, was mit Ihrer Ernte passiert?

Hartmann: Zum Teil schon. Der Raps, den die Getreide AG kauft, geht in die Ölmühle im Hafen nach Rostock, da diese zur Getreide AG gehört. Ich weiß auch, dass die Ölmühle Raps aus anderen Bundesländern und Ländern zukauft. Die Kapazität der Ölmühle ist höher als die Rapsproduktion Mecklenburg-Vorpommerns. Wohin die anderen Händler den Raps verkaufen, weiß ich nicht so genau. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie an die Ölmühle liefern, ist relativ hoch. Aber für mich schließt sich ehrlich gesagt der Kreis beim Händler. Für meine Vermarktung ist eigentlich nur interessant, welcher dieser regionalen Händler mir für meinen Raps den besten Preis zahlt.

Was ist ein guter Preis für Raps?

Hartmann: Ich bin der Meinung, Raps wird interessant, wenn sich der Preis bei über 400 Euro pro Tonne bewegt. Aber da sind wir seit zwei Jahren nicht mehr gewesen. Das letzte Angebot lag bei etwa 360 Euro. Das sind gerade einmal etwa 20 Euro mehr als vergangenes Jahr zur gleichen Zeit.

Wie groß ist der Anteil von Raps am Gesamtumsatz?

Hartmann: Bei mir etwa ein Drittel.

Verdienen Sie bei den aktuellen Preisen überhaupt noch was am Raps?

Hartmann: Das kommt auf den Ertrag an, den wir vom Feld holen. Der ist im Augenblick noch nicht bekannt. Aber der Raps gibt momentan ein gutes Bild ab. Wenn er das bringt, was er ausstrahlt, könnte das ertragreich werden.

Wovon hängt der Rapspreis ab?

Hartmann: Von der Ölkörnerproduktion des Weltmarkts. Dazu gehört nicht nur Raps, sondern es gehören auch Palmöl und Sojaöl dazu. Das korreliert alles miteinander. Wenn Soja beispielsweise billig ist, fällt auch der Rapspreis.

Wie kann man sich die Preisentwicklung vorstellen?

Hartmann: In der Regel orientiert man sich am Preis an der Börse. Die täglichen Schwankungen bewegen sich im Cent-Bereich. Ein Sprung von mehreren Euro wäre schon gewaltig. Man kann halt nur schauen, ob es eine stetige Steigerung gibt oder der Preis im Sinkflug ist. Vielleicht erwischt man den Moment, in dem der Preis gerade auf dem Hügel steht. Es gibt aber eine Zwischenvariante, bei der der Preis mal kurzfristig hochgehen könnte, wenn in Rostock ein Schiff liegt und Raps exportiert werden soll. Dann kann es eine Preisspitze geben, wenn dieses Schiff kurzfristig gefüllt werden muss.

Und wie funktioniert im Normalfall der Verkauf, wenn Sie sagen, Sie entscheiden, das ist jetzt ein guter Preis?

Hartmann: Ein großer Landmaschinenhersteller hat mal die Behauptung aufgestellt, dass Bauern alle Spekulanten seien. Und das ist nicht von der Hand zu weisen. Man schaut sich regelmäßig die Preise an und muss dann aus dem Bauch heraus entscheiden, das ist jetzt der Preis, mit dem ich leben kann. Es gibt drei klassische Vermarktungswege. Einmal kann man direkt nach der Ernte zu dem dann aktuellen Preis verkaufen, das mache ich auch, kommt aber nicht mehr so oft vor. Viele Landwirte lagern den Raps ein und verkaufen ihn später. Damit haben die Landwirte selbst in der Hand, wann sie bei welchem Preis verkaufen. Und man kann vorkontraktieren. Wenn ich beispielsweise mit dem Preis von gestern zufrieden bin, dann würde ich den Händler benachrichtigen, dass ich ihm eine gewisse Menge an Ware zu diesem Preis in der Ernte verkaufe. Dieser Preis wird dann auf dem Papier festgehalten.

Das heißt, Sie verkaufen jetzt schon den Raps, den Sie noch gar nicht geerntet haben?

Hartmann: Richtig. Aber auf dem Papier existiert die Ernte bereits und wird als Ware, die im August zur Verfügung steht, jetzt schon an der Börse gehandelt. Das Geld gibt es für mich aber auch erst, wenn ich die Ware geliefert habe. Damit kann man aber auch böse auf die Nase fallen. Ich habe auch schonmal Raps Anfang Dezember verkauft, weil der Preis gut war. Und dann ist er mir ausgewintert, da hatte ich nicht genügend Raps. Aber ich hatte einen Vertrag und musste diesen erfüllen, bin aber mit einem blauen Auge davongekommen. Im schlimmsten Fall muss man selbst Raps ankaufen, um den Vertrag zu erfüllen.

Ist länger einlagern eine Möglichkeit, auf den besten Preis zu warten?Hartmann: Ich gehe diesen Weg nicht. Ich verkaufe spätestens vier bis fünf Monate nach dem Drusch. Eigentlich aber bereits im Vorfeld, weil mir das Erstellen von Lagerkapazitäten für meine Betriebsgröße zu kostenintensiv ist. Man kann nicht ewig auf den besten Preis warten. Man kann, wenn man geeignete Lagerkapazitäten hat, den Verkauf vielleicht um zwölf Monate verschieben. Aber irgendwann müssen die Lager geräumt sein für die neue Ernte. Irgendwann kommt der Punkt, an dem ich verkaufen muss. Lagern kostet schließlich auch Geld.

Robert Niemeyer

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