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Ribnitz-Damgarten DDR-Heimkind aus Greifswald erinnert sich: „Da gab es gar nichts groß zu heulen“
Vorpommern Ribnitz-Damgarten DDR-Heimkind aus Greifswald erinnert sich: „Da gab es gar nichts groß zu heulen“
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19:00 04.12.2019
Patrick Bartschies war Heimkind in Zinnowitz. Heute lebt der 47-Jährige in Groß Kiesow. In seinem Rollstuhl sitzt er vor seiner CD- und DVD-Sammlung. Quelle: Christine Senkbeil
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Groß Kiesow

Er sei sehr jung geboren worden, sagt Patrick Bartschies und kichert auf eine sehr gewinnende Art über seinen Witz. Gut gelaunt sitzt er in der Wohnstube in dem Haus in Groß Kiesow. Die Abdrücke der Räder seines Rollstuhls führen wie Rallyspuren rund um Sofa und Couchtisch herum. Umgeben von 1379 Metal- und Rock-CDs und exakt 1203 Film-DVDs, wie er versichert. Und der Sammlung überdimensional großer Spirituosen-Flaschen von Likören bis Rum. Alle voll. Alkoholiker ist er nicht, „sonst wären sie leer“, sagt er und lacht. Nur Sammler.

Aber was er wohl am allermeisten gesammelt hat – das wird deutlich nach zwei Stunden Gespräch mit dem 47-Jährigen – ist die Erfahrung im Leben, dass es immer irgendwie weitergeht, und dass es gut wird am Ende. „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit“, lautet heute sein Fazit.

 Der Vater spielt keine Rolle

Er lebte mit der Mutter in der Innenstadt Greifswalds, war das älteste von vier Geschwistern. Der Vater der vier spielt keine Rolle in seinen Erinnerungen. „Er lebte wohl in Thüringen und hatte später eine andere Familie“, sagt Patrick. Seine Mutter leitete den Diät-Laden bei der HO, der größten Handelskette der DDR, ging morgens mit den Kindern aus dem Haus, kam abends erst nach sieben Uhr zurück. Ein Onkel kümmerte sich tagsüber um die Kinder.

 D

Fonds für ehemalige Heimkinder

Im heutigen BundeslandMecklenburg-Vorpommern lebten laut Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der SED-Diktatur von 1949 bis 1990 etwa 60 000 Kinder und Jugendliche in Heimen. Davon etwa 16 000 in Spezialheimen wie Jugendwerkhöfen, wo sie zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ umerzogen werden sollten.

Zwischen 2012 und 2014 richtete die Bundesregierung einen Fonds für ehemalige Heimkinder ein, die Leid und Unrecht erfuhren. In MV meldeten sich fast 4000 Männer und Frauen, 3200 Betroffene bezogen entsprechende Leistungen.

In ihrem Abschlussberichtbilanziert die Behörde, dass trotz einer recht hohen Dunkelziffer von berechtigten Betroffenen davon auszugehen sei, dass die Kriterien für widerfahrenes Unrecht für die weitaus meisten ehemaligen DDR-Heimkinder nicht zutreffen.

ie Hausaufgaben schmierte Patrick notdürftig ins Heft, und raus gings zum Fußball. Wild und rau und lustig beschreibt er die Kinderjahre in Greifswald. Oft kam er erst vom Fußball, wenn die Mutter schon schlief. Mit neun rauchte er seine erste Zigarette, um zu den Großen zu gehören. Mit elf, sagt er, legte er dieses Laster wieder ab, für die Jugend-Fußballmannschaft der Betriebssportgemeinschaft Kernkraftwerk (BSG KKW) brauchte er Puste. 

Diagnose: Brustkrebs

Nicht nur dafür, wie sich später herausstellen sollte. Am 30. August 1985, dieses Datum vergisst er nie, kam die Mutter ins Krankenhaus. Diagnose: Brustkrebs. „Wenn die Kinder ins Heim kommen, nehme ich mir das Leben!“, hatte sie noch gesagt. „Aber es gab keine Möglichkeit, uns anderswo unterzubringen“, sagt Patrick. Er war 13. Die Schwester drei Jahre jünger. Die Zwillinge neun Jahre alt. Die Kinder wurden nach Zinnowitz ins KinderheimElli Voigt“ in der Dr. Wachsmannstraße gebracht. „Das war Scheiße“, sagt Patrick. „Klar, wir waren alle sehr traurig und am Boden. Man musste eben gucken, was auf uns zukommt, wie es weitergeht.“

 Die Geschwister wurden je nach Alter auf unterschiedliche Gruppen verteilt. 60 Kinder lebten im Kinderheim: Kindergarten bis 3. Klasse; 4. bis 7. Klasse; 8. Klasse bis Lehrlinge, so die Gruppen. „Die meisten waren da, weil die Alten ihre Kinder vernachlässigt  hatten. Wir kamen ja aus geordneten Verhältnissen“, sagt er. „Meine eine Schwester hat später den Schulabschluss mit eins gemacht, sowas hatte es in diesem Heim noch gar nicht gegeben.“

 Guter Start im Heim

Patricks Start im Heim war gut. Vierer- und Zweierzimmer gab es in der Einrichtung. Morgens 6.30 Uhr wecken, waschen, Stubendienst, frühstücken – immer der gleiche Tagesablauf – leicht, sich daran zu gewöhnen. Als er eine Kakerlake in der Marmelade fand, entschied sich Patrick, es nur mit Butter zu essen. „Mein Kumpel, schon länger da, pulte das Tier einfach raus und aß weiter“, erinnert er sich.

 Mit drei anderen Heimbewohnern ging er in die Schule des Ortes. „Da wurden wir eigentlich immer gut behandelt.“ Er war der Kleinste. „Wenn ich geschubst wurde, habe ich einen doofen Spruch gemacht und alle haben gelacht“, sagt er. 

Im Oktober rief der Heimleiter die Geschwister zu sich. Die Mutter war gestorben. Bis dahin musste immer eines zum Wochenendbesuch fahren, mit Freunden der Mutter ins Krankenhaus. Patrick war nie mit rein- gegangen. „Sie sah so dünn aus, wie sie aus dem Fenster winkte. Das konnte ich damals nicht sehen.“ Sie erfuhr nichts vom Heim, bis zum Schluss nicht.

 Jeder hatte seine Gruppe

Trost fanden die Halbwaisen im Heim. Patrick lächelt. Die Erzieherinnen seien gut zu ihnen gewesen, und auch die Lehrer. Man musste eben nur nach den Regeln spielen. „Und die Heim-Mädels waren auch nicht zimperlich“, fügt er augenzwinkernd hinzu. Den Geschwistern sei es auch gut gegangen. Viel „zusammengegluckt“ hätten sie aber nicht, jeder hatte seine Gruppe. 

Die Erinnerungen an das erste Weihnachtsfest im Heim sind verschwommen. Alle Kinder saßen im großen Saal, tranken Muckefuck. Die Kleinen hatten „irgendwas einstudiert“. Weder an Weihnachtsmann noch Geschenke erinnert er sich. Eine Erzieherin, sonst unscheinbar, hatte sich sehr schick gemacht. „So sollte eine Frau aussehen!“, habee er damals gedacht. „Das war das Highlight am Weihnachtsfest.“

 Noch heute Kontakt

Zu einigen Erziehern hatte Patrick noch heute Kontakt. Sogar hier in Groß Kiesow wurde er von einem Erzieher-Ehepaar aus Zinnowitz besucht.

Im Heim ging es ruhig zu. Fußball auf dem Hof. Vom Zeltplatz gegenüber spielten oft Urlauberkinder mit. „Ich hatte keinen Grund, unzufrieden zu sein“, sagt er. Beim Nachtdienst guckten sie manchmal bis spät Fernsehen, manche rauchten. Bei der Wirtschaftsleiterin klopfte er gelegentlich, bekam Bohnenkaffee und gute Kosmetik. „Koivo aus dem Exquisit“, erinnert er sich stolz. Aus der Reihe getanzt ist da keiner, sagt er. Einen Kumpel gab es, der habe oft zugeschlagen, auch geklaut. Eines Tages war er dann weg. Jugendwerkhof. Sowas wollte Patrick nie riskieren.

Patrick wurde Möbeltischler. Mit 18 bekam er eine Wohnung in Greifswald. „Bei mir war immer was los“, sagt er. Viele Freunde. Disco. Partys. In der Armee diente er schon zur Nachwendezeit. „Das war lasch.“ Danach arbeitete er in der Tischlerei seines früheren Meisters. Bis zum Unfall am 17. September 1992.

Querschnittslähmung mit 20

 Jemand nahm seinem Motorrad die Vorfahrt. Querschnittslähmung. Da war Patrick gerade 20, er kam in eine Hamburger Klinik, erfuhr die Diagnose aus Versehen von einer Schwester. „Das war Scheiße“, sagt er. Und fügt schnell hinzu: „Aber da gab es gar nichts groß zu heulen. Ich habe überlegt, wie es weitergeht. Ich hatte immer viel Besuch, es wurde viel gelacht und meine Freunde haben mich überall mit hingenommen und -getragen.“ Auch in die Disco. Sogar aufgelegt hat er einige Male. Heavy Metal natürlich.

Gearbeitet hat er noch drei Jahre lang, einige Stunden täglich, in der Tischlerei, die 2000 schloss. 2009 kaufte seine Schwester das Haus, in dem er heute wohnt. Er erzählt von Urlauben in Ungarn, auf Mallorca, von Festivals. Zehn Mal war Patrick in Wacken, auch auf vielen anderen Konzerten. „Ich habe viele Freunde, immer gehabt. Und alles, was ich machen will, das mache ich. Obwohl das Leben im Alltag schwer ist.“

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Von Christine Senkbeil

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