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Ribnitz-Damgarten „Die Kogge war vermutlich ein Geschenk an Hindenburg“
Vorpommern Ribnitz-Damgarten „Die Kogge war vermutlich ein Geschenk an Hindenburg“
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17:33 27.03.2018
Jörg Zilius führt die Kramkiste seit 17 Jahren. Die Kogge war vermutlich ein Geburtstagsgeschenk an Hindenburg und befindet sich erst seit wenigen Tagen in dem Barther Geschäft.
Jörg Zilius führt die Kramkiste seit 17 Jahren. Die Kogge war vermutlich ein Geburtstagsgeschenk an Hindenburg und befindet sich erst seit wenigen Tagen in dem Barther Geschäft. Quelle: Carolin Riemer
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Barth

In der vergangenen Woche war wieder so ein Tag, an dem Jörg Zilius seinen Beruf besonders liebt. Als sich die Tür zu seinem Antiquitäten-Laden „Kramkiste“ in der Barther Langen Straße öffnete, stand plötzlich Achim Krocker vor ihm. In den Händen hielt der Barther eine Kiste, die seine Kinder auf dem Dachboden eines Hauses in der Nähe von Bad Doberan entdeckten.

In der Barther „Kramkiste“ verkauft Jörg Zilius Raritäten aus vergangener Zeit.

In Heu und Stroh verpackt

Dort wollen Krockers Kinder nämlich ein Haus umbauen und beziehen. „In der Kiste fand ich, in Heu und Stroh verpackt, eine alte versilberte Kogge“, sagt Jörg Zilius. Doch erst, als der Antiquitätenhändler die Kogge reinigt, sich mit Achim Krocker unterhält und das eingravierte Datum 2. 10. 1911 entdeckt, wird ihm klar, dass die Kogge vermutlich eine Rarität ist: „Die Vorbesitzer, auf deren Dachboden die Kogge gefunden wurde, erzählten, dass sie einst Reichspräsident Paul von Hindenburg gehört haben soll.“ Doch so leicht glaubt Jörg Zilius nicht, was ihm erzählt wird. Dafür ist der 58-Jährige zu lange im Geschäft, hat zu viel erlebt und seinen Blick für Menschen und Dinge geschärft. Doch die Gravur 2. 10. 1911 ist der Geburtstag Hindenburgs, die Geschichte klingt glaubwürdig. Nun steht die Kogge in seiner „Kramkiste“, wird poliert und repariert, bevor sie einen neuen Besitzer finden wird.

Jörg Zilius kann etliche solcher Geschichten erzählen. Er weiß aber auch, dass solche Dachboden-Funde eher die Ausnahme sind. Die meisten Waren finden über weite Wege in sein Geschäft. Nämlich indem Zilius seinen Transporter in aller Herrgottsfrühe startet und zu Flohmärkten reist. Die regionalen Märkte zwischen Rostock und Greifswald seien eher unergibig. Lieber sind ihm die Märkte in Kopenhagen und Berlin. Mehrmals im Jahr besucht er sie. Mit Porzellan und Standuhren könne er heutzutage kein Geld mehr verdienen, sagt er. „Menschen, die nicht so genau auf den Geldbeutel achten müssen, kaufen lieber Gemälde, Radierungen, Büsten oder auch Schmuck aus den vorigen Jahrhunderten.“ Jörg Zilius kann mit allem dienen. In seiner „Kramkiste“ befindet sich im vorderen Teil des Ladens eine Art An- und Verkauf. Waschmaschinen, Staubsauger und Fernseher für schmales Geld. Dazwischen ein Radio aus den 60er Jahren, ein bisschen altes Spielzeug und Bücher. Erst im hinteren Teil des Geschäfts schlagen Sammlerherzen schneller, wenn sie die Antiquitäten aus der Biedermeierzeit oder dem Jugendstil erblicken. Möbel, Lampen, Gemälde, Uhren – alle aufgearbeitet von Jörg Zilius.

Erst der Bestatter, dann der Antiquitätenhändler

Selten fährt er auch zu Haushaltsauflösungen. Das sei eine traurige Angelegenheit: „Schließlich kommen wir immer gleich nach dem Bestatter.“ Viel zu holen sei dann eher selten.Doch es gibt auch Ausnahmen: Zum Beispiel als er auf der Schrankwand in einer chaotischen, unaufgeräumten Wohnung zusammen mit dem Nachlassverwalter 30 000Euro fand. „Der Verstorbene war hoch verschuldet und das Geld ging natürlich an den Nachlassverwalter und nicht an mich“, sagt Zilius lachend.

Ähnlich kurios war der Fund zwischen Bettwäsche und Handtüchern einer verstorbenen Dame: „Dort entdeckte ich ein Weißgold-Collier, das deutlich vor dem 19. Jahrhundert angefertigt wurde. Die Erben hat es gefreut, als ich ihnen den Schmuck abkaufte. Das Collier wurde zu einem meiner wertvollsten Verkaufsartikel.“

Und dann war es die Exfrau

Ein wenig schmunzeln muss der Geschäftsmann, als er daran denkt, dass ein Mann ihm vor einigen Jahren etliche Liebhaber-Stücke seiner angeblichen Ehefrau verkaufte und erst eine Woche später eine entrüstete Dame im Geschäft auftauchte und ihre Sachen zurück haben wollte: „Dass die beiden geschieden waren und er ihr eins auswischen wollte, konnte ich schließlich nicht ahnen.“ Seit 17 Jahren führt Jörg Zilius die „Kramkiste“. Vorher besaß er eine der ersten Videotheken des Landkreises und bis zur Wende arbeitete er als Maschinen- und Anlagenmonteur. Seine Antiquitäten verkauft er fast ausschließlich im Sommer an Touristen mit großem Sammlerherz. Die Barther seien hingegen eher an den nützlichen, praktischen Schnäppchen wie Waschmaschinen und Kühlschränken interessiert. Vieles verkauft und kauft er auch über das Internet. Doch am liebsten sei ihm das Stöbern auf Flohmärkten – und die seltenen Dochboden-Funde.

Carolin Riemer

27.03.2018
27.03.2018