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Ribnitz-Damgarten „Dudendorf stirbt“
Vorpommern Ribnitz-Damgarten „Dudendorf stirbt“
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15:38 16.02.2018
Dudendorf: das Dorf der leeren Häuser.
Dudendorf: das Dorf der leeren Häuser. Quelle: Antje Schumacher-Adoms Schumacher-Adoms
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Dettmannsdorf-Kölzow/ Dudendorf

Abrissreife Gebäude. Problemlos kommt man in einige durch zerschlagene Fenster hinein. Nicht ratsam angesichts manch baufälliger Dachkonstruktion. Die Straßen? Wem seine Stoßdämpfer egal sind, der kann hier fahren. Graue, baufällige Tristesse. „Ich stehe mit meinem Namen gerade. Aber fotografiert werden möchte ich nicht“, sagt Manfred Streck, als der Rundgang vor dem alten Verwalterhaus in Dudendorf endet. „Mich kennen hier eh alle“, sagt der 54-Jährige, der vor 30 Jahren in das kleine Örtchen südwestlich von Bad Sülze, unweit der schönen Recknitz gelegen, zog. Kein Wunder, möchte man antworten. Viele sind ja nicht mehr da. Wenn’s nicht so traurig wäre.

DDR-Idylle

Als Streck nach Dudendorf kam, eine Doppelhaushälfte kaufte, war die Welt hier noch in Ordnung. Ein Konsum, eine Kita, etwas mehr als 100 Einwohner, ein reges Dorfleben, ein Volkseigener Betrieb (VEB) Landwirtschaft. DDR-Idylle pur, einfach, aber schön. Wenige Jahre später änderte sich alles. Klar, mit der politischen Wende in Deutschland verloren viele Dörfer in den dann neuen Bundesländern einen Großteil ihrer Lebendigkeit. Doch der Aderlass Dudendorfs dürfte in Mecklenburg-Vorpommern beispiellos sein. „Das Dorf stirbt“, sagt Manfred Streck. Heute leben vielleicht noch 20 Menschen in Dudendorf. Viele sind weggezogen oder gestorben. Kinder gibt es in dem Dorf keine. Nach Dudendorf ziehen will schon lange niemand mehr.

Nur im Gesamtpaket

Anfang der 1990er-Jahre brachte die Treuhand DDR-Immobilien und -Ländereien an den Privatmann. Tja, und in Dudendorf war es nahezu das gesamte Dorf, das an einen Mann verkauft wurde. Ställe, Gutsanlage, Wohnblöcke, Straßen, Bauernhäuser, Eigenheime, etwa 1000 Hektar Ackerland. „Mir gehört hier fast alles“, sagt Robert Mayer. Sein Name fällt immer wieder, wenn es um das verfallende Dorf geht. Da sind zum Beispiel die vier Wohnblöcke. „Die Leute sagen hier immer noch Neubaublock dazu“, sagt Manfred Streck mit einem gequälten Lächeln. Kaputte Scheiben, bröckelnder Putz, schiefe Balkone ohne Gländer, nur Mutige stellen sich freiwillig unter das Vordach der Eingangstür. „Neue Dorfstraße“ steht auf einem Schild. Hausnummer 1. Natürlich wohnt hier niemand. Auch die Wohnungen im Nachbarblock sind leer, verfallen. In einem weiteren Block ist eine Wohnung belegt. Nur ein Block ist komplett vermietet. Der Zugang zum Haupteingang ist frisch gepflastert. Die Wohnungen seien laut Manfred Streck von innen vor kurzem saniert worden. Hier wohnen einige Mitarbeiter Robert Mayers.

Ein Dorf – ein Betrieb

1994 kam Mayer aus der Nähe von Ulm noch Dudendorf. „Es gab keine Alternative. Die Treuhand hat nur mit Bausch und Bogen verkauft“, sagt der 68-Jährige. Dudendorf gab es nur im Gesamtpaket. Den Preis will Mayer nicht verraten. Die symbolische D-Mark sei es jedenfalls nicht gewesen. „Alles wurde von mehreren Gutachtern bis zur letzten Forke geschätzt.“ Es habe etliche Bewerber aus ganz Europa gegeben. Mayer habe das „sozial ausgewogendste Angebot“ gemacht. Heißt: Er sollte vor allem den Landwirtschaftsbetrieb erhalten. Und das ist für ihn zum Credo geworden. „Die Entscheidung ist gefallen. Dudendorf ist ein Landwirtschaftsbetrieb. Das können wir, und das machen wir seit Jahren erfolgreich“, sagt Robert Mayer. Eine klare Ansage. In den Anfangsjahren sei er noch offener gewesen.

Ab und zu gab es Anfragen, etwa für touristische Projekte. „Mal ist es am Geld gescheitert, mal an anderen Entscheidungen“, sagt Mayer nur. Seinen Auftrag habe er erfüllt. „Es gibt in Dudendorf keine Arbeitslosen.“ Wenn Vollbeschäftigung eine Frage der Perspektive ist: Neben zwei, drei Ausnahmen (Rentner) arbeiten alle Dudendorfer für Robert Mayer. Dafür gibt es nicht nur Lohn vom Unternehmen, sondern auch einen Wasser- und Abwasseranschluss. Die leerstehenden Gebäude scheint er aufgegeben zu haben. „Der Wohnraum ist zum Abbruch vorgesehen“, sagt Mayer. Und die Menschen seien nicht seinetwegen weggezogen. „Die Leute haben hier einfach keine Perspektive gesehen. Das war auch schon so, bevor ich herkam.“Gegen den Vorwurf, er würde das Dorf dem Verfall preisgeben, wehrt sich Mayer vehement. „Ich habe Millionen investiert.“ Hauptsächlich in den Betrieb, neue Ställe, neue Maschinen. „Ich habe den Viehbestand ausgebaut, den Personalbestand ausgebaut, trotz schlechter Milchpreise.“ Eine Biogas-Anlage, die mit Gülle betrieben wird, gehört ebenso dazu. Und jüngst hat er an der zentralen Holperpflaster-Straße ein paar neue Bäume pflanzen und den Dorfteichausbaggern lassen.

Und die Gemeinde?

Der Ärger Manfred Strecks und der anderen Dorfbewohner richtet sich aber nicht nur gegen Großgrundbesitzer Mayer. „Es kann nicht sein, dass eine Gemeinde mit 1000 Einwohnern nicht gegen einen Mann ankommt.“ Im Süden, am Ende des Dorfes, steht ein alter Flachbau. Das Grundstück gehört Mayer, das Gebäude der Gemeinde Dettmannsdorf. Die Kita war hier einst zu finden. Spieleabende wurden hier organisiert. Der Treffpunkt des Dorfes. Vor etwa fünf Jahren fiel die Tür das letzte Mal ins Schloss. Alles im Inneren blieb wie es war. Hinein kommt man heute durch ein kaputtes Fenster trotzdem. Manch Waschbecken fand so einen neuen Besitzer. Manchmal brennt die ganze Nacht das Licht. Manfred Streck knippst es dann wieder aus. Wer bezahlt eigentlich die Stromrechnung?

Gemeindehochzeit

Das Verhältnis Mayers zur Gemeinde, vor allem zu Bürgermeister Stefan Schmidt, scheint mehr als frostig zu sein. „Ich habe seit Jahren nicht mit Herrn Schmidt über die Entwicklung des Dorfes gesprochen“, sagt Robert Mayer. Auch er fühle sich missachtet. „Dabei bin ich einer der größten Steuerzahler in der Gemeinde.“ Die Gemeinde habe in seinen Augen versagt.

Seit 2001 gehört Dudendorf zur Gemeinde Dettmannsdorf. Immer wieder wurde seitdem der Vorwurf laut, die Gemeinde, allen voran Bürgermeister Stefan Schmidt, kümmere sich nicht um Dudendorf. Hauptknackpunkt ist die Zufahrt zum Dorf von der Landesstraße 19 aus, für Autofahrer mittlerweile eine Zumutung. Ein beträchtlicher Teil der Straße liegt jedoch auf Grund und Boden Mayers. 2004 hieß es, dass unter anderem die Prämie des Landes für die Gemeindehochzeit für die Sanierung eingesetzt werde. 125 000 Euro. „Was ist mit dem Geld geschehen“, fragt Mayer.

Hoffnungsloser Fall?

„Dudendorf ist ein Problem, das uns schwer belastet“, sagt Bürgermeister Stefan Schmidt, „aber ich weiß keine Lösung.“In so gut wie jedem seiner Sätze liegt eine große Portion Ratlosigkeit. „Es war die größte Idiotie, ein ganzes Dorf an einen Mann zu verkaufen.“ Alle Versuche, etwas zu bewegen, seien „abgebügelt“ worden.

Und irgendwie scheint Dudendorf aus dem Blickfeld geraten zu sein. Dass einen Meter neben neuen Straßenlampen, die die Gemeinde aufstellen ließ, immer noch die alten stehen, sei wohl versäumt worden. Das Dorfgemeinschaftshaus? „Es war immer der Wunsch der Dudendorfer, das zu erhalten“, sagt der Bürgermeister. Ein paar Jahre erfüllte die Gemeinde diesen Wunsch, irgendwann war die Luft raus. „Das leistet sich keine andere Gemeinde“, sagt Schmidt. Die Stromrechnung? Landet wohl im Amt. Und die so heiß diskutierte Zufahrtsstraße dürfte auch weiterhin ein löchriges Dasein fristen. Es habe immer wieder Anläufe gegeben, sie zu sanieren. Da eine Gemeinde rechtlich gesehen aber nicht auf privatem Grund investieren darf, hätte der Abschnitt, der Mayer gehört auf die Gemeinde übertragen werden müssen. Da führte laut Schmidt kein Weg hin.

Viel Hoffnung hat Schmidt nicht mehr. „Ich habe im Moment keine Vision. Ich gebe ehrlich zu, dass ich ziemlich ernüchtert bin.“

Riemer Carolin