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Ribnitz-Damgarten Die Engels retten barocke Engelsfigur
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Die Engels retten barocke Engelsfigur
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15:59 24.06.2019
Bettina und Richard Engel haben sich für den Erhalt des Lesepultengels aus der Kirche in Lüdershagen eingesetzt. Durch Spenden konnten ein neuer Arm und Finger geschnitzt werden.
Bettina und Richard Engel haben sich für den Erhalt des Lesepultengels aus der Kirche in Lüdershagen eingesetzt. Durch Spenden konnten ein neuer Arm und Finger geschnitzt werden. Quelle: Anika Wenning
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Lüdershagen

Sie sind die Retter des Engels: Richard Engel und seine Mutter Bettina Engel haben die barocke Figur aus dem Jahr 1754 zurück in die Dorfkirche in Lüdershagen geholt und dem sogenannten Lesepultengel jetzt auch noch einen neuen Arm geschenkt. „Bei unserem Nachnamen hatten wir keine andere Wahl. Wir mussten etwas tun“, witzelt Richard Engel, der seit 2014 in Potsdam Restaurierung für Holzobjekte studiert.

Gefunden hatte man den sogenannten Lesepultengel bereits in den 90er Jahren auf dem Dachboden der Kirche. Ihm fehlten die Beine, der rechte Arm sowie einige Finger des linken Arms und auch sonst sah er mitgenommen aus, war zerfressen von Anobien, umgangssprachlich als Holzwürmer bekannt. „Ich dachte zuerst, was ist das denn für ein hässliches Ding“, gesteht Bettina Engel. Zunächst habe man sich in der Kirchengemeinde entschieden, den Engel zurück in die Kirche zu stellen, und habe den Pultengel dann aber vor 13 Jahren an den Restaurator Jörg Schröder in Rostock gegeben. Da dieser allerdings keinen Auftrag erhielt, wurde der Engel in der Werkstatt des Restaurators lediglich verwahrt und geriet scheinbar in Vergessenheit.

Ein Brett brachte Licht ins Dunkle

Bis Richard Engel 2015 in der Sakristei ein Brett fand, auf dem die Jahreszahl 1754 stand. „Es stand zwischen der Rückenlehne und der feuchten Wand und ich konnte zunächst nichts damit anfangen“, berichtet der 24-Jährige. Doch die Neugier des Studenten war geweckt und er recherchierte im Internet. Über Umwege fand er heraus, dass es sich bei dem Brett um ein Lesepult handelt, das zu der Engelsfigur gehört. Richard Engel erfuhr, dass die barocke Figur in der Werkstatt des Rostocker Restaurators verwahrt wurde und machte sich gemeinsam mit seiner Mutter auf dem Weg dorthin.

Bettina und Richard Engel haben die Figur zurück in die Dorfkirche in Lüdershagen geholt. Im Rahmen seiner Bachelorarbeit hat sich der Student zudem dem Thema gewidmet.

 

„Zunächst mussten einige Formalien geklärt werden, bis wir den Pultengel Ostern vergangenen Jahres nach Lüdershagen zurückholen konnten“, berichtet der 24-Jährige. Bettina Engel entschied sich, ihren Teil zur Rettung beizutragen und wünschte sich von ihren Gästen zum 60. Geburtstag Spenden statt Geschenke. Von dem Geld ließ sie vom Greifswalder Bildhauer Edvardas Racevicius den fehlenden rechten Arm und die fehlenden Finger des linken Armes schnitzen. „Andere Leute machen mehrmals in Jahr Urlaub, ich habe dafür meiner Kirchengemeinde ein schönes Geschenk gemacht“, sagt Bettina Engel. „Wenn der Engel jetzt auch noch seine Beine zurückbekommt, wäre das für mich wie ein Sechser im Lotto.“

Und auch Richard Engel hatte Feuer gefangen und schrieb in seiner Bachelorarbeit über den Pultengel aus der Dorfkirche in Lüdershagen, machte kunsthistorische und technologische Untersuchungen. Der Student erfuhr, dass es die Pultengel nur in den Kirchen Nordvorpommerns gab und dass sie im 18. Jahrhundert in den Bildhauerwerkstätten der Hansestadt Stralsund entstanden sind. Da die Menschen früher nicht lesen konnten und ihnen somit in den Gottesdiensten auch die Liedtexte vorgelesen werden mussten, stand an dem Pult ein Vorleser, der diese Aufgabe übernahm. Nach dem erfolgreichen Abschluss seiner Bachelorarbeit widmet sich Richard Engel nun auch in seinem Masterstudium diesem Thema und kümmert sich um die Festigung der stark geschädigten Holzsubstanz. Erst danach könne über weitere Restaurierungsmaßnahmen nachgedacht werden. Doch ohne Spenden wird auch das nicht möglich sein.

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Anika Wenning