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Ribnitz-Damgarten Menschen ließen sich Phrasendrescherei nicht mehr gefallen
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Menschen ließen sich Phrasendrescherei nicht mehr gefallen
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14:32 27.10.2019
Am 23. Oktober 1989 versammelten sich mehr als 2000 Ribnitz-Damgartener vor dem Stadtkulturhaus. Auf dem Balkon der damalige Bürgermeister von Ribnitz-Damgarten, Peter Warnke. Quelle: Ernst F. Fischer
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Ribnitz-Damgarten

Am 10. Oktober 1989 berichtete die OZ darüber, wie der 40. Jahrestag der DDR in Ribnitz-Damgarten, damals noch Kreisstadt, gefeiert wurde. Rein äußerlich verliefen die Feierlichkeiten am 7. Oktober wie immer: Fackelumzüge, Friedensfeuer, Festveranstaltung im Stadtkulturhaus mit Auszeichnung von Bürgerinnen und Bürgern durch die Nationale Front, Eintragungen in das Ehrenbuch der Stadt und Ansprachen. Der damalige Bürgermeister, Peter Warnke, schrieb viele Jahre später über diese Festveranstaltung im Stadtkulturhaus: „An diesem Abend dachte wohl kaum einer der Beteiligten an das Ende der DDR.“

Während die Vertreter von Partei und Staat in Ribnitz-Damgarten wie überall in der DDR am Republikgeburtstag nach außen hin noch um „Normalität“ bemüht waren, spitzte sich die Lage in den Tagen und Wochen danach weiter zu. Immer mehr Menschen verließen die DDR Richtung Westen. Die, die im Lande blieben, artikulierten immer nachdrücklicher ihre Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen.

Herbst 1989: Brennende Kerzen am Ribnitzer Rathaus als Symbol der Gewaltfreiheit. Quelle: Ernst F. Fischer

In seiner Sitzung am 11. Oktober analysierte der Rat der Stadt die politische Lage in Ribnitz-Damgarten. Aus dem Protokoll, das sich im Stadtarchiv befindet, wird deutlich: Statt eigenes Versagen zu benennen, wurden die Ursachen außerhalb des Landes gesucht. Wörtlich heißt es im Protokoll: „Die Ereignisse der letzten Wochen haben ...große Besorgnis ausgelöst und viele Fragen aufgeworfen bzw. zugespitzt. Nicht wenige Bürger sind irritiert und fühlen sich zwischen ihren Erfahrungen (guten und weniger guten) im real existierenden Sozialismus einerseits und der Medienkampagne der BRD hin- und hergerissen. Es gibt ein ernstzunehmendes Potenzial, das den Einflüssen des Westens gegenüber aufgeschlossen ist.“ Obwohl auch in Ribnitz-Damgarten jeder deutlich spürte, dass sich die Lage mehr und mehr zuspitzte, war der Rat der Stadt zu diesem Zeitpunkt immer noch der Ansicht, „dass die übergroße Mehrheit der Bevölkerung ...nach wie vor die Bereitschaft zeigt, die entwickelte sozialistische Gesellschaft zu gestalten.“

Wie sich nur wenige Tage später zeigen sollte, war das eine handfeste Fehleinschätzung. Auch in Ribnitz-Damgarten wuchs die Zahl derer, die Veränderungen wollten. Am Abend des 9. Oktober versammelten sich etwa 90 von ihnen in der Marien-Kirche, wo Hans-Christian Roettig, damals Pastor der evangelisch-lutherischen Kirche Ribnitz, über die Vorgänge in Berlin informierte. Hier gehörte sein Schwager Sebastian Pflugbeil zu den führenden Vertretern des Neuen Forums. Dass sich politisch interessierte Bürgerinnen und Bürger in der Kirche zu Diskussionen trafen, blieb im Rathaus und beim Rat des Kreises nicht unbemerkt. Deshalb wurde Hans-Christian Roettig nach diesem Abend in der Marien-Kirche durch einen Vertreter des Rates des Kreises aufgefordert, zu einem Gespräch zu kommen. Das fand dann am 13. Oktober statt.

Gespräch in frostiger Atmosphäre beim Rat des Kreises

Pastor Roettig hatte den Damgartener Arzt Günter Klopp und den Ahrenshooper Kunsthandwerker Friedemann Löber gebeten, ihn zum Rat des Kreises zu begleiten. Die Atmosphäre beschreibt Roettig in einem Beitrag der 2008 erschienenen Festschrift „775 Jahre Ribnitz- 750 Jahre Damgarten“ als sehr frostig. Die Vertreter von Partei und Staat warfen den Organisatoren des Gesprächsabends vor, dass man sich „vor den Karren des Westens“ habe spannen lassen und stellte klar, dass es nicht Aufgabe der Kirche sei, solche Gespräche zu führen.

Demonstranten heften im Herbst 1989 ein Transparent an die Eingangstür des Ribnitzer Rathauses. Quelle: Ernst F. Fischer

Nur wenige Stunden nach dem Gespräch beim Rat des Kreises suchte Bürgermeister Peter Warnke Pastor Roettig auf und schlug vor, am 23. Oktober ein Treffen für die interessierte Bevölkerung im Stadtkulturhaus anzusetzen. Die Resonanz war überwältigend, über 2000 Ribnitz-Damgartener fanden sich ein und harrten bei Nieselregen stundenlang unter ihren Regenschirmen aus. Da so viele Menschen gekommen waren, wurde die Veranstaltung ins Freie verlegt. Die Vertreter von Partei und Staat nahmen auf dem Balkon Aufstellung. Doch die Funktionäre, die sich zu Wort meldeten, konnten nur mit Phrasen aufwarten und wurden ausgebuht.

Während sie alle den Balkon verließen, harrte einzig und allein Bürgermeister Peter Warnke aus, stellte sich den Fragen und beschönigte nichts. Für die Vertreter vom Neuen Forum bot diese Veranstaltung die Gelegenheit, erstmals ihre Vorstellungen einer so großen Öffentlichkeit vorzustellen. Hans-Christian Roettig schreibt in seinen Erinnerungen an den 23. Oktober 1989: „Auf derartige Massen nicht eingestellt, war es ein Geschenk, dass alles friedlich blieb.“

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