Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Ribnitz-Damgarten Fischer aus Pruchten: „12 Tonnen Hering sind für Existenz zu wenig“
Vorpommern Ribnitz-Damgarten

Fischer aus Pruchten: „12 Tonnen Hering sind für Existenz zu wenig“

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:11 17.01.2020
Während David Graf die neu zugeteilte Fischereinummer PRU 19 an die Bordwand des günstig erworbenen Ersatzkutters klebt, schauen sein Chef André Grählert (li.) und der Stralsunder Fischmeister Torsten Lübke von der Pier aus zu. Quelle: Volker Stephan
Anzeige
Barth

Der Jahresauftakt 2020 ist für den Fischereibetrieb Grählert aus Pruchten bei Barth (Landkreis Vorpommern-Rügen) alles andere als erfreulich, gibt dagegen Anlass für Ärger und Sorgen. Trotz des eisfreien Winters und der frühen Anwesenheit großer Heringsschwärme in den Bodden darf André Grählert, Fischer in vierter Generation, nämlich nicht die Heringsmengen fangen, die ein Fischereibetrieb seiner Größe für eine sichere Existenz bräuchte.

„Binnen 25 Jahren ist die von der EU vorgegebene Quote um insgesamt 95 Prozent gekürzt worden“, berichtet der 45-Jährige. Allein im Vergleich zum vergangenen Jahr wurde die Heringsquote noch einmal um 65 Prozent gedrückt, gleichzeitig auch die für den Dorsch um 60 Prozent. Doch genau diese beiden Arten bilden schon seit Jahrhunderten die Basis für die einheimische Küstenfischerei.

Quoten kratzen an Existenzgrundlage

„Zum Ende der DDR-Zeit arbeiteten mein Vater Horst sowie die Brüder Gerhard, Werner und Rudi Suhr aus Pruchten als eine Brigade der FPG Barther Bodden“, erinnert André Grählert. „Allein sie durften damals eine Jahresquote von 100 Tonnen Hering abfischen, weitere Brigaden ähnliche Mengen. Jetzt hat man unserem Betrieb mit drei Fischern und zwei Verkäuferinnen nur noch zwölf Tonnen zugebilligt.“

Die Quotenkürzung bereitet Fischer André Grählert aus Pruchten bei Barth (Vorpommern- Rügen) enorme Probleme. Er hat sich einen kleineren Kutter angeschafft. Quelle: Volker Stephan

Warum die Bestände trotz der stetigen Quotenkürzung urplötzlich so stark zurückgegangen sein sollen, dass es nun an der Existenzgrundlage der letzten verbliebenen Fischereibetriebe kratzt, habe ihm bisher niemand einleuchtend vermitteln können. EU-Hilfen gibt es zwar, jedoch nur für jene Fischer, die keine Weiterverarbeitung/Veredelung betreiben, sondern ausschließlich an die großen Verarbeiter liefern.

Aus Netzschuppen soll Fischimbiss werden

Seinen traditionellen Abnehmer wird André Grählert in diesem Jahr so gut wie nicht beliefern, um ausreichend Ware für die Kunden seiner „Lütt Fischhall“ an der Barther Fischereipier bereitstellen zu können.

Im Sommer soll mit dem geförderten Umbau eines Netzschuppens zum Fischimbiss begonnen werden, um dann pünktlich zur Urlaubssaison 2021 mit dem Angebot starten zu können. Der Fischer rechnet damit, dann noch eine gastronomische Fachkraft für die Fischküche einzustellen.

Kleineren Kutter von Hiddensee erworben

Weil er die Beantragung einer Fahrtbereichsverringerung für seinen Kutter PRU 14 verpasst hatte, wären auf ihn teure Auflagen für die Erteilung eines neuen Schiffssicherheitszeugnisses für den bisherigen, eigentlich nicht benötigten Fahrtbereich zugekommen. Deshalb hat er zugegriffen und einen günstig zu habenden Kutter von der Insel Hiddensee gekauft. Für den sind alle nötigen Papiere für den nahen Fahrtbereich sowie eine Fangquote vorhanden, so dass er sofort eingesetzt werden kann.

Trotzdem ärgert sich der Fischer über sein Versäumnis: „Mal sehen, wie es mit den Fangquoten weitergeht und welcher Kutter sich im Laufe des Jahres für unsere Zwecke als der geeignetere erweist. Den würde ich dann behalten und den anderen verkaufen.“

Konkurrenz: Robben in den Bodden

Gegenwärtig fischen André Grählert und seine beiden Mitarbeiter in der Grabow sowie im Barther und im Bodstedter Bodden mit offenen Booten. Sogar schon im Barther Bodden schauen ihnen beim Einholen der Netze regelmäßig zwei bis drei Robben zu. „Die sind sauer, weil wir ihnen das Frühstück vor der Nase wegziehen. Noch vor Kurzem hätte ich nicht geglaubt, dass sie jemals so tief in die Bodden vordringen“, gibt er angesichts der stets hungrigen Konkurrenten etwas besorgt zu.

Mit einem Foto habe es bisher nicht geklappt, bedauerte Fischwirt David Graf. „Zum einen haben wir ja mit den Netzen zu tun, zum anderen tauchen die schlauen Tiere sofort ab, sobald ich mein Handy zücke.“ Er versprach jedoch, die erste gelungene Aufnahme der Ostsee-Zeitung zur Verfügung zu stellen.

Meisterlehrgang abgesagt: zu viele abgesprungen

Für David Graf (28), der einst über den Produktionsschulkutter zur Fischerlehre bei den Grählerts gelangte, war der Jahreswechsel ebenfalls mit einer Enttäuschung verbunden. Eigentlich hatte sich der ehrgeizige Barther zum Meisterlehrgang in Sassnitz angemeldet, doch der wurde kurzfristig abgesagt. „Ursprünglich waren wir 20 Interessenten auf 13 Plätze – doch dann sprangen immer mehr Bewerber ab, bis wir nur noch zu Dritt waren.“

Als Gründe für den rasanten Teilnehmerschwund sieht David Graf das zu bewältigende Lehrgangspensum, das einige seiner Mitbewerber wohl gehörig unterschätzt hatten und vor allem die Perspektivlosigkeit des Berufes, die manchen erst mit den erneuten Quotensenkungen ins Bewusstsein gerückt ist. Er selbst will sich den Mut jedoch nicht nehmen lassen und wieder dabei sein, wenn der Meisterlehrgang neu ausgeschrieben wird.

Lesen Sie auch:

Von Volker Stephan