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Ribnitz-Damgarten Goalball-Highlights in Marlow und Rostock
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Goalball-Highlights in Marlow und Rostock
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05:24 20.02.2019
John Turloff (l.) für den RGC Hansa in Aktion, gemeinsam mit Nationalspieler Reno Tiede. Quelle: fußballfotografie
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Marlow

Inklusion bedeutet die gleichwertige Teilhabe benachteiligter, zumeist behinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben. In der Regel bedeutet dies, dass behinderten Menschen der Zugang zum „normalen“ Leben erleichtert wird. Da werden Rollstuhlrampen oder Aufzüge gebaut. An den Regelschulen werden Sonderpädagogen eingesetzt, um Kinder mit besonderem Förderbedarf in der Klasse zu inkludieren. Andernorts arbeiten Behinderte mit Nicht-Behinderten in der freien Wirtschaft zusammen. Der Sport zeigt einmal mehr, dass auch die andere Richtung möglich ist, dass auch nicht behinderte Menschen in die Welt behinderter Menschen einbezogen werden können. Bestes Beispiel dafür ist die Sportart Goalball, die derzeit in der Region auf dem Vormarsch ist.

Vom 8. bis 13. Oktober findet in Rostock die Goalball-Europameisterschaft statt. 20 Nationen nehmen daran teil. Einen Vorgeschmack auf diesen Höhepunkt gibt es am 15. Juni in Marlow. An diesem Tag steigt in der Sporthalle die Deutsche Junioren-Meisterschaft. Zehn U19-Mannschaften aus der Bundesrepublik suchen dann Deutschlands bestes Goalball-Team. „Im Vorfeld der Europameisterschaft wollen wir auch das Umfeld von Rostock von unserem Sport begeistern“, sagt Mario Turloff.

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Das ist Goalball

Goalball eine weltweit beliebte Sportart für Menschen mit Sehbehinderung. Das Ziel des Spiels ist, einen 1250 Gramm schweren Ball, in dem sich ein Glöckchen befindet, in das gegnerische Tor zu werfen. Pro Mannschaft stehen sich jeweils drei Spieler auf einem volleyballfeldgroßen Spielfeld gegenüber. Die Tore sind jeweils neun Meter breit und 1,30 Meter hoch. Ein Spiel dauert netto zweimal zwölf Minuten, d. h. bei jeder Unterbrechung wird die Zeit gestoppt. Während das Spiel läuft, ist in der Halle absolute Ruhe gefordert.

Alle Spieler auf dem Feld tragen zur Chancengleichheit lichtundurchlässige Brillen. In einem Spiel können bis zu vier Auswechslungen und Auszeiten genommen werden. Der Hartgummiball muss flach über den Boden geworfen werden. Führt eine Mannschaft im Verlauf des Spiels mit zehn Toren Vorsprung, wird das Spiel sofort beendet. Ein Team besteht aus maximal sechs Spielern.

Jede Mannschaft hat für einen Angriff zehn Sekunden Zeit. Im Spielverlauf kann es zu Strafwürfen kommen, sogenannten „Penalties“, beispielsweise wenn eine Mannschaft nicht innerhalb von zehn Sekunden einen Angriffswurf durchführt. Penalties sind vergleichbar mit einem Elfmeter im Fußball. Für einen Wurf muss ein Spieler der verursachenden Mannschaft das neun Meter breite Tor alleine verteidigen.

Der RGC Hansa wurde 2014 gegründet, vor allem um Talenten, die vorher an der Landesschule für Blinde und Sehbehinderte in Neukloster Goalball spielten, nach ihrer Schullaufbahn eine Möglichkeit zu geben, weiter in Mecklenburg-Vorpommern ihrem Lieblingssport nachzugehen. Seit 2017 befindet sich in Rostock der deutschlandweit zweite paralympische Trainingsstützpunkt für Goalball. Die erste Mannschaft des RGC Hansa wurde in der vergangenen Saison Vierter in der Bundesliga, nur einen Punkt hinter Platz drei. Am Sonnabend, 23. Februar beginnt die neue Bundesligasaison mit dem ersten Spieltag in Chemnitz. Mehr unter www.rgc-hansa.de.

Seit Anfang Oktober 2017 trainiert Turloff den Rostocker Goalball-Club Hansa (RGC Hansa). „Ich konnte mir am Anfang gar nicht vorstellen, Sehbehinderte zu trainieren“, sagt der ehemalige Fußball-Torwart-Trainer der Fußballschule des FC Hansa Rostock und beim FSV Bentwisch. Fußball, das war seine Sportart. Und eigentlich wollte er mit seinen Schützlingen nur mal etwas anderes ausprobieren. „Meine Torhüter machten ein Goalball-Training mit. Die Augen verbunden, andere Sinne schärfen“, sagt der Sportlehrer. Hier lernte er Reno Tiede kennen, Teilnehmer der Paralympischen Spiele in Rio und Goalball-Vizeweltmeister. Die Chemie zwischen beiden stimmte, Tiede eröffnete Turloff, dass der RGC Hansa Trainer braucht. „Fußball war meine Komfortzone. Die zu verlassen, benötigte einiges an Überzeugungsarbeit“, sagt der Sportlehrer, der im Marlower Ortsteil Völkshagen lebt. Doch Turloff schlug ein.

John Turloff und Vater Mario aus Völkshagen sind vom Fußball zum Goalball gewechselt. Quelle: Robert Niemeyer

Goalball wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Sportart für Blinde und Sehbehinderte erfunden. Seit 1976 ist Goalball paralympisch. In Mecklenburg-Vorpommern wurde die Sportart vor allem in Neukloster ausgeübt, an der Landesschule für Blinde und Sehbehinderte. Mittlerweile hat der Sport mit dem Rostocker Goalball-Club Hansa (RGC Hansa), in Kooperation mit dem FC Hansa, in der Hansestadt eine Heimat gefunden.

„Ich hatte gehofft, etwas von meinem Torwarttraining einbringen zu können. Einiges hat funktioniert, einiges nicht. Ich musste viel dazulernen“, sagt Mario Turloff. Mittlerweile ist er in der Sportart angekommen, mit der RGC-Bundesligamannschaft und auch als Leiter des paralympischen Trainingszentrums für Goalball in Rostock.

Allerdings ist Goalball längst nicht mehr nur etwas für Sehbehinderte. „Wir haben uns in den vergangenen Jahren geöffnet. 40 Prozent unserer Trainingsgruppe haben keine Behinderung“, sagt Mario Turloff. Inklusion umgekehrt also. „Das ist das Aufstrebende, der soziale Effekt.“

So hat beispielsweise Mario Turloffs Sohn John in der Sportart eine Leidenschaft für sich entdeckt. „Ich habe Fußball gespielt, Torwart, aber irgendwann nicht mehr aus Spaß“, sagt der 16-Jährige. Als er einmal beim Goalball-Training zuschaute, war er sich sicher: „Das wollte ich auch gern können. Goalball war das, was ich machen wollte.“ Und er habe es nicht bereut. „Es war vieles neu und erfrischend, eine riesige sportliche Herausforderung“, sagt John Turloff. Der Gymnasiast kann sehen. Deshalb werden ihm für die Spiele die Augen zugeklebt.

Das Teamgefüge beim RGC sei besonders. Goalball sei ein schnelles Spiel, taktisch anspruchsvoll. Und es habe auch seine Wahrnehmung verändert. „Manchmal fallen mir Geräusche auf, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Und ich kann gezielter hören, seitdem ich Goalball spiele“, sagt John Turloff.

Der 16-Jährige, sein Vater und all die anderen Goalballer hoffen nun darauf, dass die Noch-Randsportart diesen Rand ein wenig verlässt. Die beiden Höhepunkte in diesem Jahr könnten dazu beitragen. Mario Turloff: „Wir wünschen uns eine möglichst gut gefüllte Halle und möchten die beste DM und beste EM auf die Beine stellen.“

Robert Niemeyer

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