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Ribnitz-Damgarten In Pommern waren im 18. Jahrhundert Beichtstühle populär
Vorpommern Ribnitz-Damgarten In Pommern waren im 18. Jahrhundert Beichtstühle populär
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14:48 20.10.2019
Der Altar der Gingster Kirche und die beiden Beichtstühle. Quelle: Rainer Neumann/PEK
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Pommern

Als der Gingster Pfarrer Joachim Gerber vor fünf Jahren einen bisher als Abstellkammer genutzten Raum seiner Kirche in einen Beichtstuhl zurückverwandelte, sorgte das für gehöriges Aufsehen.

Denn heutige Zeitgenossen verbinden die Beichte mit der katholischen Kirche. Aber der Gingster Beichtstuhl stammt aus dem Jahre 1730, als die Einführung der Reformation in Pommern bereits fast zwei Jahrhunderte zurücklag. Martin Luther hat gern und viel gebeichtet. Sein Beichtvater war der Dr. Pomeranus Johannes Bugenhagen. Luthers Beichte bei ihm hat kein Geringerer als Lukas Cranach dargestellt.

„Das Angebot, zu beichten, wird selten und dann in der Regel von Fremden angenommen“, informiert Joachim Gerber. Dass es gerade in Schwedisch-Pommern und ganz besonders auf Rügen noch so viele Beichtstühle aus dem 18. Jahrhundert gibt, führt er nicht zuletzt auf den schwedischen König zurück. Der habe Beichtstühle in seinen Kirchen gewollt. „In der Kenzer Kirche, für die ich früher verantwortlich war, gab es bis 1888 auch einen“, erzählt der Pastor. Er vermutet, dass viele Beichtstühle bei den zahlreichen neugotischen Umgestaltungen des 19. Jahrhunderts beseitigt wurden.

Weil Beichtstühle in Dorfkirchen nicht mehr als solche erkannt werden, gelten sie Zeitgenossen häufig nur noch als Gestühl der Patrone, zum Beispiel der Gutsherren. Joachim Gerber geht davon aus, dass eine Doppelnutzung zumindest in Gingst nicht unüblich war. Bei der Neuausstattung nach dem Großbrand 1726 hätten laut Inschrift die Familie von der Lancken aus Boldevitz und dem damaligen Generalsuperintendent von Krakevitz gestiftet. Sonnabends wurde gebeichtet, beim Gottesdienst am Sonntag saß hier der Stifter. Es gibt auch andere Varianten. In Glewitz bei Grimmen wird der Beichtstuhl Ende des 19. Jahrhunderts als Pastorengestühl bezeichnet.

In Preußisch-Pommern waren Beichtstühle weniger verbreitet. Gerber führt das darauf zurück, dass die Kurfürsten von Brandenburg 1614 zur reformierten Kirche wechselten, die anders als die lutherische keine Beichte kennt. Die Untertanen blieben Lutheraner. Und Ostpreußen galt sogar als Region mit den prächtigsten Beichtstühlen.

An der erhaltenen Innenausstattung evangelischer Beichtstühle ist erkennbar, dass früher ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht mit dem Pastor stattfand. Gemeindemitglieder bekannten ihre Sünden und erhielten Vergebung.

In einer Zeit, in der so gut wie jeder Kirchenmitglied war und die Gottesdienste besuchte, war das Beichten eine sehr aufwendige Angelegenheit, die viel Zeit beanspruchte. Es wurden auch Glaubensinhalte wie die zehn Gebote abgefragt, aber auch getröstet. In Erinnerungen heißt es, dass in solchen Beichtgesprächen mit ganzen Familien auch über ganz alltägliche Angelegenheiten geredet wurde.

Pastor Rolf Kneißl mit dem restaurierten Glewitzer Beichtstuhl von 1683 Quelle: Peter Franke

Zu den gut erhaltenen frühen vorpommerschen Beichtstühlen gehört der Glewitzer von 1683. Wie Pastor Rolf Kneißl im Kirchenführer schreibt, weisen die Inschriften „Komt ihr Sunder zu mir wird Gott euch Gnade sein“ und „Gib mit min Sohn dein Hertz“ auf die Zweckbestimmung hin. In der Gestühlordnung von 1725 wird der Beicht- als Nachbar des Küsterstuhls nahe dem Altar erwähnt. In Glewitz saß der Beichtvater als eine Art Richter auf einem erhöhten Sitz, beschreibt Kneißl. „Ihm gegenüber kniete das ‚Beichtkind‘ auf der ‚Büßerbank‘, einer hölzernen Kniebank.“ Das entspricht der Form, die sich im 17. Jahrhundert herausgebildet hatte.

Kneißl erinnert in seinem Beitrag an den Berliner Beichtstuhlstreit Ende des 18. Jahrhunderts. In der Folge war die private Beichte in Preußen nicht mehr unbedingt nötig, um am Abendmahl teilzunehmen. Gruppenbeichte und ein allgemeines Bekenntnis wie das gemeinsame Sprechen des Glaubensbekenntnisses ersetzten diese in einem längeren Prozess. Im bis 1815 schwedisch-pommerschen Glewitz wurde 1869 zwar noch gebeichtet, aber die Anforderungen waren schon geringer. Beichten wurde allmählich unüblich. Die letzten evangelischen Beichtstühle wurden im 19. Jahrhundert gebaut. In Lübeck soll sie auch um 1900 noch genutzt worden sein.

Auch in den ebenfalls zu Rolf Kneißls Gemeinde gehörenden Kirchen von Nehringen und Deyelsdorf blieben Beichtstühle erhalten. In Nehringen ist dieses barocke Kunstwerk von 1722 unmittelbar mit der Kanzel verbunden. Die Inschriften illustrieren den Weg: Zunächst bereut das Beichtkind, bittet dann um Vergebung und bekennt schließlich seinen Glauben, um Gottes Vergebung zu erhalten.

Die Deyelsdorfer Kapelle ist etwas Besonderes. Denn hier wurde in einem Gutsdorf 1601 bis 1606 ein Kirchenbau errichtet, der sich an nach der Reformation entstandenen Schlosskapellen wie Torgau oder Franzburg orientiert. Die Malereien des Deyelsdorfer Beichtstuhls stammen aus dem 18. Jahrhundert.

Details des Beichtstuhls in Deyelsdorf Quelle: Rolf Kneißl

Die vier Bildnisse dokumentieren die reformatorische Heilslehre. Sie bringen das Vertrauen der Lutheraner auf Gottes Barmherzigkeit zum Ausdruck. Durch eigenes Handeln kann demnach niemand die Vergebung der Sünden erreichen. In Deyelsdorf steht auf einem Bild eine Frau neben Christus, dessen rechte Hand auf eine dunkle Wolke weist. Darunter sagt der Prophet Jesaja: „Ich vertilge deine missethat wie eine wolcke, und deine sunde wie den nebel. Kere dich um zu mir denn ich erlose dich.“

Details des Beichtstuhls in Deyelsdorf Quelle: Rolf Kneißl

Viele andere Beichtstühle wurden nur mit Bibelsprüchen bemalt.

Für Prof. Anselm Steiger ist der 1722 entstandene Beichtstuhl von Schaprode etwas ganz Besonderes, weil hier sowohl innen als auch außen nahezu alle Gemälde und Inschriften erhalten sind. Das Bildprogramm ist faszinierend: Der Mensch wird von Gott angenommen. Auf einem Bild ist Christus als Tröster dargestellt, auf einem anderen empfängt er Menschen, die ein Engel zu ihm bringt, mit offenen Armen. Lügen geht nicht. Auf einem Bild ist eine Waage mit Herz und Masken, neben denen einen Mensch steht, dargestellt. Das Auge Gottes schaut darauf. Der Prophet Samuel erklärt es: Der Mensch sieht auf den äüsern schein / Gott aber sieht auffs hertz allein.“

In Zirkow gibt es wie in Gingst zwei Beichtstühle aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, links und rechts des Kanzelaltars und damit einen weiteren Beleg für die Bedeutung der Beichte.

Der sehr gut erhaltene Beichtstuhl in Schaprode Quelle: Martin Holz

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