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Ribnitz-Damgarten Endlich wieder nix los
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Endlich wieder nix los
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05:52 19.01.2019
Hartmut Kolschewski (65), Bürgermeister der Gemeinde Lindholz, Hans-Jürgen Cordt (68) aus Langsdorf und Günter Gregori (61) aus Böhlendorf auf der leeren Ortsdurchfahrt in Langsdorf. Quelle: Robert Niemeyer
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Langsdorf/Böhlendorf

 „Wir können das Foto ja auf der Straße machen“, sagt Günter Gregori. Ein Blick nach links, ein Blick nach rechts. Warum eigentlich nicht? Sekunden verstreichen. Gemächlichen Schrittes begeben sich Gregori, Hartmut Kolschewski, Bürgermeister der Gemeinde Lindholz, und Hans-Jürgen Cordt auf die Ortsdurchfahrt in Langsdorf. Ein Auto ist weit und breit nicht zu sehen. Fast eine Minute können die drei Herren auf der Fahrbahn verweilen, Zeit genug, um sogar gleich aus mehreren Perspektiven zu fotografieren. Noch vor etwas mehr als einem Monat war solch ein Motiv in dem kleinen Ort bei Tribsees undenkbar. Nur ein unbedachter Schritt auf die Straße wäre damals lebensgefährlich gewesen. Doch an diesem Nachmittag droht keine Gefahr. Das kleine Foto-Shooting ist längst vorbei, als sich in mehreren Hundert Metern Entfernung aus Richtung Osten ein Auto nähert. Endlich nichts mehr los in Langsdorf.

Ungewohnte Ruhe

„Es ist nichts zu hören. Das ist fast schon ungewohnt“, sagt Hartmut Kolschewski. Der 65-Jährige wohnt direkt an der Langsdorfer Ortsdurchfahrt und hat also aus erster Hand monatelang die Blechlawinen ertragen müssen, die wegen der abgesackten Autobahn durch seine Gemeinde tuckerten. 20000 Fahrzeuge am Tag. „Das war eine Belastung.“ Ein Satz, den wohl jeder Langsdorfer und auch jeder Böhlendorfer doppelt unterstreicht. Manchem schlug der Lärm gar auf die Gesundheit, meint der Bürgermeister.

Vorher: Eine Landesstraße wird zur Autobahn. Rund 20000 Fahrzeuge schlängelten sich mehr als ein Jahr lang durch Langsdorf. Quelle: Robert Niemeyer

Der 27. Oktober 2017 wird den Anwohnern wahrscheinlich lange in Erinnerungen bleiben. An diesem Tag wurde die A20 voll gesperrt. An diesem Tag rollten erstmals Massen an Fahrzeugen durch den Ort, der Beginn einer mehr als ein Jahr andauernden Leidenszeit. Raser, Lärm, Unfälle, Wildpinkler – sie mussten einiges ertragen. „Vor allem die Ignoranz der Autofahrer“, sagt Günter Gregori. In Böhlendorf beispielsweise hielt der Schulbus vor einer eigens eingerichteten Fußgängerampel. Manch ungeduldiger gab lieber Gas und überholte, anstatt die Ruhe zu bewahren. „Manchmal konnten sich die Kinder nur durch einen beherzten Sprung retten. Das war teilweise schon heftig“, sagt Gregori. Er hatte seinerzeit die „Bürgerinitiative Umleitung A20“ gegründet, die die Sorgen und Nöte der Einwohner sammelte und als Sprachrohr der Bürger gegenüber den Behörden fungierte.

Nachher: Die Umleitungsschilder sind weg, es ist wieder Ruhe eingekehrt in der Ortsmitte von Langsdorf. Quelle: Robert Niemeyer

Denen machen die Einwohner dabei keine Vorwürfe. „Die Zusammenarbeit war wirklich sehr gut.“ Ob Straßenbauamt, Kreisverwaltung oder Polizei: „Wir hatten direkte Ansprechpartner, die immer erreichbar waren und auch gleich schnell reagiert haben“, sagt Hartmut Kolschewski. Ob eine weitere Fußgängerampel, neue Schilder oder Blitzer, die Sicherheit der Anwohner habe stets im Vordergrund gestanden.

Die beiden Blitzer in Langsdorf und Böhlendorf entpuppten sich übrigens als wahre Goldgrube. Fast 44000 Verwarngeld- und fast 15000 Bußgeldverfahren brachten etwa 1,3 Millionen Euro ein. „Der Geschwindigkeitsrekord lag bei 110 Stundenkilometern“, sagt der Langsdorfer Hans-Jürgen Cordt. Bei erlaubten 30 km/h.

Weniger Katzen

Doch was bleibt, nachdem die Behelfsbrücke über das A20-Loch am 12. Dezember vergangenen Jahres freigegeben wurde? Mit welchen Folgen haben die Langsdorfer und Böhlendorfer zu kämpfen?

„Es gibt weniger Katzen“, sagt Hartmut Kolschewski. Seine eigene Katze hatte bereits vor der Umleitung die eine oder andere Begegnung mit einem Auto. War sie bis dahin stets mit einem ihrer sieben Leben davongekommen, hatte sie es im vergangenen Herbst letztlich doch erwischt. Was im ersten Moment traurig klingt, scheint die Langsdorfer auf den zweiten Blick weniger mitzunehmen. „Katzen haben in unserem Ort ohnehin eine kurze Lebensdauer“, sagt Hartmut Kolschewski.

Das A-20-Loch bei Tribsees und auch die Behelfsbrücke haben zwei Jahre lang für Negativschlagzeilen gesorgt. Nun beginnt der Wiederaufbau.

Glimpflicher kamen die Hauseigentümer davon. Im Vorfeld waren vor allem Schäden an Gebäuden befürchtet worden. Die halten sich laut Bürgermeister Kolschewski in Grenzen. Zwei Eigentümer hätten sich innerhalb der einmonatigen Frist gemeldet. „Es ist überraschend, dass es so wenige sind“, sagt Kolschewski. Mit Beginn der Umleitung hatten Gutachter die Hauseigentümer an der Strecke besucht und bereits vorhandene Schäden festgehalten. Die gemeldeten Risse werden nun erneut begutachtet. Sind sie auf den Straßenverkehr zurückzuführen, wird der Schaden ersetzt.

Auch wirtschaftlich hätte die Umleitung Folgen gehabt. Die Gaststätte in Langsdorf beispielsweise hätte einige Stammgäste verloren, die sich nicht über die Straße getraut hätten. „Im Guten kam man halt nicht über die Straße“, sagt Hans-Jürgen Cordt. Auch der Bunker Eichenthal, ein zu einer Tourismusattraktion umgebauter ehemaliger DDR-Atomschutzbunker südlich von Langsdorf, verzeichnete einen enormen Besucherschwund, der sogar existenzbedrohend sei. „Ich habe kein Geld, um über den Winter zu kommen“, hatte unlängst Bunker-Betreiber Götz-Thomas Wenzel gesagt. „Im Falle des Untergangs des Museums geht eine wichtige Touristenattraktion verloren. Das muss verhindert werden“, sagt Hartmut Kolschewski. Derzeit werde eine Lösung gesucht.

Vollsperrungen drohen

Schwerwiegend sind auch die Schäden an den Straßen. Vor allem die Landesstraße 19 von der Autobahnabfahrt Tribsees durch Langsdorf hindurch hat die Fahrzeug-Kolonnen weniger gut verkraftet. Spurrillen, abgebrochene Bordsteinkanten: „Hätten sich alle an Tempo 30 gehalten wären die Schäden geringer und wir hätten ruhiger schlafen können“, sagt Hans-Jürgen Cordt.

Stattdessen müssen sich die Langsdorfer in diesem Jahr auf weitere Einschränkungen einstellen. Mitte des Jahres soll die Instandsetzung der Landesstraße 19 vom Kreisverkehr an der Abfahrt Tribsees bis zum östlichen Ortsausgang Langsdorfs beginnen. „Zurzeit werden Untersuchungen am Oberbau vorgenommen, um zu prüfen, welche Maßnahmen zur Instandsetzung nötig sind“, teilte Ulrike Sennewald, Sprecherin des Infrastrukturministeriums Mecklenburg-Vorpommerns auf Anfrage mit. Die Deckschicht müsse auf jeden Fall erneuert werden, in Teilbereichen müsse wohl auch das Profil ausgeglichen werden. Sechs bis acht Wochen könnten die Arbeiten dauern. Die Instandsetzung erfolge in Teilabschnitten, und zwar unter Vollsperrung. „Das ist ein Problem, vor allem für den Schülerbusverkehr“, sagt Hartmut Kolschewski. Die Busse müssten Umwege fahren, was morgens zu früheren Abfahrtzeiten führt. In Abstimmung mit dem Straßenbauamt und dem Amt Recknitz-Trebeltal soll eine Lösung gefunden werden. Möglich sei, die Vollsperrung nur für die Schülerbusse temporär aufzuheben. Die Kosten für die Instandsetzung der Landesstraße teilen sich Bund und Land.

Gleiches gilt für die Kreisstraße von Breesen nach Langsdorf. Die Schäden, die aufgrund des Umleitungsverkehrs entstanden sind, seien laut Ulrike Sennewald aufgenommen worden. Auch hier müssten die Instandsetzungsarbeiten aufgrund der schmalen Straße unter Vollsperrung erfolgen. Wann die Arbeiten beginnen, müsse noch abgestimmt werden. Die Kosten für die Reparatur der Kreisstraße 9 übernimmt der Bund.

Und so wird es wohl auch in diesem Jahr noch nichts mit der so ruhigen, beschaulichen Normalität an der Umleitungsstrecke am A20-Loch. Aber das Schlimmste ist überstanden. Hans-Jürgen Cordt: „Wir atmen auf.“

Chronologie des A20-Desasters

Die A 20 zwischen der A 1 im Westen und der A 11 im Osten wurde 2005 fertiggestellt. Die ersten Schäden am Damm bei Tribsees sollen schon 2014 festgestellt worden sein. Sie wurden dann regelmäßig überwacht.

Im September 2017 musste die Spur in Richtung Westen gesperrt werden. Seit März war die Fahrbahn über dem Moor um etwa einen halben Meter abgesackt.

Am 9. Oktober 2017 wurde ein sogenannter Grundbruch festgestellt. Die A 20 brach auf 40 Metern Länge, später etwa 100 Metern, ein. Zunächst war die Spur in Richtung Osten noch befahrbar. Nachdem auch hier Sackungen auftraten, wurde die A 20 zwischen den Anschlussstellen Tribsees und Bad Sülze am 27. Oktober 2017 voll gesperrt. Eine elf Kilometer lange Umleitung über Langsdorf, Böhlendorf und zunächst auch Breesen wird eingerichtet.

Am 22. November 2017 wurde südlich von Langsdorf eine Behelfsausfahrt freigegeben. Zumindest aus dem Ort Breesen verschwindet der Autobahnverkehr.

Nach Ostern 2018 begann der Rückbau des zusammengebrochenen Straßendammes der A20. Der Plan: Eine Behelfsbrücke soll die Autobahn wieder durchgängig befahrbar werden lassen.

Am 12. Dezember 2018 wurde die Behelfsbrücke schließlich freigegeben. Sie ist 773 Meter lang hat etwa 50 Millionen Euro gekostet.

Frühestens 2021 soll die neue A20-Betonbrücke stehen, die an die noch vorhandene anschließt. Die Baukostenschätzung liegt bei 100 Millionen Euro für den Bund. Das Land muss die Planungskosten (18 Millionen Euro) tragen.

Robert Niemeyer

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