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Ribnitz-Damgarten Mahnmal für den Frieden: Bunker Eichenthal
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Mahnmal für den Frieden: Bunker Eichenthal
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17:30 07.11.2019
Die Kaltwassersätze kühlten das Wasser, das in der Bunkeranlage im Umlauf war. Quelle: Robert Niemeyer
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Lindholz/Eichenthal

Das Gefühl in dem Moment, in dem Götz Thomas Wenzel die schwere Eingangstür schließt, kann durchaus als mulmig bezeichnet werden. Dunkelheit, ein schmaler, langer Gang hinab unter die Erde. Als das etwas fahle Licht aufflackert, wird es nicht unbedingt besser, eher noch beklemmender. Wohin der Gang führt, ist nicht zu erkennen. „Folgen Sie mir“, befiehlt Wenzel, der sich in diesem Moment in einen Führungsoffizier verwandelt und völlig aufgeht in der Rolle. Für etwa 45 Minuten reisen seine Begleiter in der Zeit zurück, als die Bedrohung eines Atomkriegs allgegenwärtig war.

Die Einfahrt zum Bunker Eichenthal. Quelle: Reinhard Amler

Die Troposphärenfunkstation 302 ist ein beeindruckendes Zeugnis des Kalten Krieges. Götz Thomas Wenzel hat den Bunker Eichenthal, an der A20 bei Tribsees gelegen, als „Museum der dramatischen Art“ erhalten, als Mahnmal für eine Zeit, die nicht wiederkehren soll. „Zeit macht vergesslich. Das birgt die Gefahr der Wiederholung“, sagt der 62-Jährige.

Der Eingang zum unterirdischen Teil der Bunkeranlage Eichenthal. Quelle: Robert Niemeyer

Von Karfreitag bis zum Reformationstag führt Wenzel von 10 bis 18 Uhr mehrmals am Tag Besuchergruppen durch die dunklen Räume des Bunkers. 2005 erwarb er die etwa 17 Hektar große Anlage. 2004 hatte er dafür den Antrag gestellt.

Sieben Monate unter Tage

Zuvor hatte er das Gelände heimlich erkundet. Die Anlage befand sich in einem desolaten Zustand, war dem Vandalismus anheimgefallen, als Müllhalde missbraucht. Viel Arbeit, Schweiß und Herzblut steckte der Berliner in die Wiederbelebung. Die ersten sieben Monate verbrachte er nach eigener Aussage so gut wie ausnahmslos unter der Erde. Eine kleine Herdplatte, etwas Licht, eine Hängematte: „Ich hatte alles, was ich brauchte“, sagt Wenzel. Der Grund für sein Abtauchen: „Ich wollte die Pumpen nicht ausschalten.“

Götz Thomas Wenzel mit einer Besuchergruppe im Raum des Bunkerdispatchers. Hier zeigt Wenzel, in welchem Zustand der Bunker war, als das Wasser abgepumpt war. Heidi und Sven Dietrich aus Berlin waren begeistert. Quelle: Robert Niemeyer

Denn die Bunkerräume standen unter Wasser, waren geflutet worden. Die Technik, das hatten zuvor Tauchgänge ergeben, war jedoch nahezu vollständig erhalten geblieben. Götz Thomas Wenzel entschied, das Gelände nicht nur zu restaurieren, sondern als Museum der besonderen Art der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

„Es ist wohl ein Geburtsfehler“, sagt Götz Thomas Wenzel. „Die Ruhe, die Kühle, die Einsamkeit. Ich fühle mich an solchen Orten sauwohl.“ Schon in Berlin hatte der gelernte Gießer und Schmelzer unterirdische Geisterbahnhöfe erkundet, darüber sogar ein Buch geschrieben. Sämtliche überirdischen Projekte waren wohl nie sein Ding, ob als Ferienwohnungsvermieter in Wittow auf Rügen oder als Möbelrestaurator in Stierow (Landkreis Rostock). „Unter Tage macht suchtkrank“, hat Wenzel einmal in einem Interview gesagt.

Eine Inszenierung, keine Führung

In der Nähe von Langsdorf schuf er sein Lebenswerk. Stück für Stück räumte er tonnenweise Giftmüll fort, legte Zugänge und Lüftungsschächte frei. Zunächst skeptisch beäugt, fand er dank seiner Beharrlichkeit Mitstreiter, die ihn unterstützten. 2007 konnte Wenzel, der zu DDR-Zeiten Großkonzerte mit Größen wie Udo Lindenberg oder Bruce Springsteen mitorganisiert hatte, schließlich den Museumsbunker Eichenthal eröffnen.

Götz Thomas Wenzel im Troposphärenfunk-Raum. Quelle: Robert Niemeyer

Stimmen aus dem Off, zischende Kühlanlagen, blinkende Lichter im Dispatcher-Raum, die Tour durch die Katakomben ist mehr als nur eine Führung, es ist eine Inszenierung, kein normales Museum eben. „Eine wahnsinnig beeindruckende Leistung“, sagt an diesem Nachmittag Heidi Dietrich aus Berlin. Sie, ihr Mann Sven und Tochter Karoline sind eine der letzten Besuchergruppen für dieses Jahr, die Ende Oktober Götz Thomas Wenzel ins Dunkel folgen. „Vor allem, dass er das alles alleine aufgebaut hat“, ergänzt Sven Dietrich.

Der Bunker 302 Langsdorf/Eichenthal ist einer von drei typgleichen Bauwerken in der ehemaligen DDR. 1983 begann die Nationale Volksarmee (NVA) mit dem Bau der Anlage. 45 Millionen DDR-Mark sollen in das Vorhaben geflossen sein. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung gibt es unterschiedliche Angaben. Mancher behauptet, 1987 sei die Anlage ans Netz gegangen, manche Quellen geben 1988 als Fertigstellungszeitpunkt an. Im Gegensatz zu den Anlagen in Wollenberg (Brandenburg) und Röhrsdorf (Sachsen) sei der Bunker in Vorpommern damit erst nach Inbetriebnahme des sogenannten Troposphären-Nachrichtensystems „BARS“ in Betrieb genommen worden.

Für den schlimmsten Fall

Fest steht, die Anlage war für den schlimmsten Fall konstruiert worden: Ein Atomschlag. 1700 Grad Celsius sollte der Bunker aushalten. Während an der Oberfläche sämtliches Leben ausradiert worden wäre, hätten unter der Erde 30 Offiziere und Unteroffiziere die militärische Kommunikation in den Warschauer Vertragsstaaten für etwa vier Wochen aufrecht erhalten sollen. Insgesamt 25 derartige Stationen hatte das Bündnis. Bunker 302 war dabei mit dem Bunker in Wollenberg verbunden.

Götz Thomas Wenzel und seine Mitarbeiterin Ingeborg Boehnke. Quelle: Robert Niemeyer

Doch es kam glücklicherweise anders, es kam die Wende. Am 2. Oktober 1990 wurde der Bunker außer Betrieb gesetzt. Die Bundeswehr übernahm das Gelände. Am 7. Januar 1992 um 15.30 Uhr wurde die Anlage stromlos geschaltet, Zugänge wurden zugemauert, Nachrichtenstränge gekappt.

Wie es hätte sein können, erleben die Besucher im letzten Raum der Tour. „Ist jemand schwanger, leidet unter Epilepsie oder ist herzkrank?“, fragt Götz Thomas Wenzel kurz vor dem Finale. Und das nicht ohne Grund. Der Einschlag, bebender Boden, Dunkelheit, Stille, ein Finale, das Eindruck hinterlässt. Wenzels Abschiedsworte an die Gruppe: „Hiermit entlasse ich Sie in den Frieden.“

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Von Robert Niemeyer

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