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Ribnitz-Damgarten Nach Koma: Vater aus Ribnitz-Damgarten verliert Sorgerecht
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Nach Koma: Vater aus Ribnitz-Damgarten verliert Sorgerecht
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05:33 06.04.2019
André Liesigk, 52, aus Ribnitz-Damgarten, wurde durch das Jugendamt Rostock die Vormundschaft für seinen zehnjährigen Sohn entzogen. Quelle: Flemming Goldbecher
Ribnitz-Damgarten/Rostock

André Liesigk wirkt nervös. Immer wieder blickt er resigniert nach unten auf den Tisch, wo sein Kaffee steht, an dem er während der gesamten Stunde des Gesprächs nicht einmal nippt. Mit bebender Stimme erzählt er von seinen Schicksalsschlägen: Von seiner Frau, die 2012 an Krebs verstarb. Von der Nacht, in der er fast gestorben wäre. Und von seinem zehnjährigen Sohn, den das Jugendamt ihm kurz darauf wegnahm.

Am Sterbebett versprach er seiner Frau, mit der er 16 Jahre zusammen war, ihren Sohn Leon groß zu ziehen. Der leibliche Vater wollte „nichts mit dem Gör zu tun haben“, wie er laut Liesigk bei einer Gerichtsverhandlung vor einigen Jahren sagte. Testamentarisch ließ die Mutter das Sorgerecht für ihren Jungen an ihren Mann überschreiben. Dann starb sie. Vater und Sohn trugen sich schwer mit dem Verlust. „Leon hatte große Probleme, seine Trauer zu bewältigen“, erzählt Liesigk. Er selbst lebt seit damals von der Erwerbsminderungsrente. Seit dem Tod der Mutter steht seine Vormundschaft auf dem Prüfstand.

Nach dem Koma ins Amtsgericht

Vor einem halben Jahr erlitt Liesigk einen diabetischen Schock und fiel in ein Koma, aus dem er erst zwei Tage später im Krankenhaus wieder erwachte. Am Tag seiner Entlassung bestellte man ihn ins Amtsgericht Rostock, wo man ihm mitteilte, die Vormundschaft für Leon vorübergehend an das Jugendamt zu übertragen. „Sie warfen mir Inkompetenz vor und sagten, ich könne Leon nicht begrenzen“, so Liesigk. Hinzu kamen „unhygienische und unhaltbare Zustände in der Wohnung“, was auch Liesigk nicht ganz von der Hand weisen konnte: „Es stimmt, ich habe öfter mal den Abwasch ein paar Tage stehen lassen oder die Wäsche nicht sofort gewaschen“, erklärt er. „Aber es war nie die Rede davon, dass sie mir Leon deshalb wegnehmen.“

Von den Sozialarbeitern, die regelmäßig in seine Wohnung kamen, um Leons Erziehung zu beobachten, habe er kaum Hilfe erhalten. „Ich habe sie oft um Tipps gebeten, weil ich Schwierigkeiten mit Leon hatte.“ Sie seien für seinen Sohn zuständig, nicht für ihn, hätten sie meist geantwortet. Dass Leon an ADHS leidet, stellte sich erst vor etwas mehr als einem Jahr heraus. Seine Verhaltensauffälligkeiten führten sie laut Liesigk dennoch auf seine Erziehung zurück. Leon kam in eine Wohngruppe in Dändorf. Sein Vater darf ihn alle zwei Wochen zu Hause sehen, einmal pro Woche besucht er ihn in der Wohngruppe. „Dort geht es Leon nicht gut“, ist Liesigk sicher. „Er hat kaum soziale Kontakte und flippt regelmäßig aus. So kenne ich ihn von zu Hause nicht.“

Emotionale Gerichtsverhandlung

Der 3. April war der Tag, an dem Liesigk alle Hoffnung verlor, wieder mit Leon zusammenleben zu können. Das Oberlandesgericht (OLG) in Rostock entschied nach vorläufiger Betrachtung des Falls, die Klage des 52-Jährigen abzuweisen. Nachdem schon Amts- und Landgericht gegen ihn entschieden hatten, war die Verhandlung am vergangenen Donnerstag der letzte Zweig, an den er sich klammerte.

Zweieinhalb Stunden dauerte das Verfahren. Spätestens als Leon seinem Vater kurz nach Betreten des Gerichtssaals weinend um den Hals fiel, wusste jeder im Raum um die innige Beziehung zwischen den beiden. Von der Emotionalität ließ sich das Gericht jedoch nicht beeinflussen. „Sie meinten, ich kann Leon nicht geben was er braucht“, so Liesigk nach dem Prozess.

Keine konkreten Verfehlungen

„Leider wurden in der Verhandlung nur wenige Beispiele vorgebracht“, moniert sein Anwalt, Thorsten Herschke aus Rostock. „Das war größtenteils Beamtendeutsch. Verweise auf konkrete Verfehlungen fehlten fast völlig.“ Den diabetischen Schock, den Liesigk vor einem halben Jahr erlitt, betrachtet er als entscheidenden Vorfall: „Da kam der ganze Frust des Jugendamtes der letzten Jahre zusammen.“ Dass die Klage letztlich zum dritten Mal abgewiesen wurde, begründete das Gericht damit, dass Liesigk nicht der leibliche Vater sei. „Das ist das Dilemma“, meint Herschke. „Bei einem leiblichen Vater wäre es nur soweit gekommen, wenn das Kindeswohl gefährdet gewesen wäre. Das war aber nie der Fall.“

Mit der Verhandlung am OLG sei die letzte Chance auf eine eine Wiedervereinigung von Vater und Sohn vom Tisch, betont Herschke. „Solche Ermessensentscheidungen sind kaum angreifbar.“ Er selbst hätte anders entschieden: „Für mich schießt das Jugendamt hier klar über das Ziel hinaus.“ Das zuständige Jugendamt in Rostock wollte sich auf eine Anfrage der OZ nicht zu dem Fall äußern. Liesigk will den Kontakt zu seinem Sohn so gut wie möglich halten. „Er ist mein Kind und ich liebe ihn.“

Flemming Goldbecher

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