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Ribnitz-Damgarten Tagesmütter verklagen den Landkreis
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Tagesmütter verklagen den Landkreis
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00:01 20.01.2018
Die beiden Stralsunder Tagesmütter Jeanette Jarling (l.) und Yvonne Riedel gehören zu den 79 Klägerinnen, die gegen den Landkreis Vorpommern-Rügen vor Gericht ziehen. Sie fordern eine bessere Bezahlung ihrer Arbeit. Quelle: Foto: Alexander Müller
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Stralsund

Stralsund. Der Job einer Tagesmutter ist kein einfacher: Ihre Arbeit beginnt meist sehr früh am Morgen, bei der Betreuung der Kinder ist sie oft den ganzen Tag auf sich allein gestellt. Und übers Krankwerden denkt sie am besten gar nicht erst nach. Trotzdem reicht das Geld, das Tagesmütter und -väter verdienen, in vielen Fällen nicht zum Leben. Einige bekommen monatlich bis zu 300 Euro Wohngeld vom Staat, andere müssen gar mit Hartz-IV aufstocken.

Deshalb haben sich jetzt 79 Tagesmütter- und -väter im Landkreis Vorpommern-Rügen zusammengeschlossen, um vor dem Verwaltungsgericht Greifswald für mehr Geld zu streiten. „Es kommt einem vor, als werde unsere Arbeit in der Kinderbetreuung verramscht. Und das wollen wir nicht länger hinnehmen, deshalb haben wir den Landkreis verklagt“, sagt die Stralsunderin Jeanette Jarling. Vertreten werden die Betroffenen aus Barth, Bergen, Niepars, Gager, Grimmen oder Prohn von zwei Anwälten, darunter auch eine Juristin, die bereits für die Kindertagespflege in Rostock und Schwerin bessere Bedingungen erkämpft hat. Jetzt wollen auch die Kollegen in Vorpommern-Rügen rückwirkend ab 2014 mehr Geld haben.

Seit dem 1. Januar 2018 bekommt eine Tagesmutti hier genau 499,04 Euro pro Monat pro Kind, 100 Euro davon sind reine Sachkosten. Diese Summe wurde vom Jugendhilfeausschuss des Landkreises beschlossen und setzt sich aus den Anteilen von Land, Kreis, Gemeinden und Eltern zusammen. Zwar ist der Betrag damit zum neuen Jahr um rund 40 Euro erhöht worden – laut den Kinderbetreuern ist das aber immer noch nicht genug. „Wir sind mit der neuen Richtlinie nicht einverstanden“, sagt Yvonne Riedel. Die 36-Jährige betreibt seit 2012 eine Kindertagespflege in der Stralsunder Altstadt. „Wir hätten jetzt auf die 40 Euro verzichtet und dafür lieber langfristig und vernünftig eine neue Regelung vorbereitet“, sagt sie.

Kathrin Meyer, CDU-Politikerin und Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses, hält die seit Januar ausgezahlte Summe hingegen für einen vernünftigen Kompromiss. „Wir haben nach bestem Wissen und Gewissen entschieden. Der Betrag wurde ja erhöht, mehr geht nicht. Wir dürfen auch die Eltern und Gemeinden mit ihren Anteilen nicht überfordern“, sagt sie.

Doch die Eltern dürften die Auseinandersetzung nur am Rande mitbekommen. Ihr Anteil erhöht sich durch die Preissteigerung um vier Euro. Weil gleichzeitig die Elternentlastung des Landes steigt, zahlen sie letztendlich sogar deutlich weniger als bisher. Ein Ganztagsplatz für ein Kind unter drei Jahren kostet sie 108 Euro im Monat (vorher 124 Euro). „Das ist doch keine Wertschätzung“, schüttelt Yvonne Riedel den Kopf. Zum Vergleich: Für einen Krippenplatz in Vorpommern-Rügen müssen Eltern durchschnittlich 304 Euro berappen.

Kreissprecher Olaf Manzke weist darauf hin, dass sich Vorpommern-Rügen bei der Entlohnung von Tagesmüttern im landesweiten Vergleich im Mittelfeld bewegt. Die Hansestadt Rostock zahlt mit 608 Euro im Monat am meisten, der Landkreis Rostock mit rund 463 Euro am wenigsten. Zudem bleibt es nicht bei diesen Summen. Zwar sind die Tagesmütter selbstständige Unternehmerinnen. Die Kreise sind aber verpflichtet, anteilig Beiträge für Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Altersvorsorge sowie den kompletten Beitrag für die Unfallversicherung zu übernehmen. „Es ist legitim, die Bezahlung juristisch überprüfen zu lassen. Wir halten unsere Kalkulation aber für gerichtsfest“, sagt Olaf Manzke.

Politiker der Grünen sehen das anders. „Wir sind auf die Tagesmütter als gleichwertige Betreuungsvariante für Kinder unter drei Jahren angewiesen. Das haben wir in den letzten Monaten doch immer wieder zu spüren bekommen“, sagt Anett Kindler, sachkundige Einwohnerin für die bündnisgrüne Kreistagfraktion, und meint: „Deshalb gehören eine angemessene Bezahlung und ein gewisser Freiraum an Ausgestaltung der konzeptionellen Arbeit unbedingt dazu.“

Dass nach fünf Jahren die alte Richtlinie überarbeitet wurde, sei gut. Doch der Beschluss zeuge eher von einem Schnellschuss mit Alibicharakter. „Wir haben viele Schwachstellen. Die nicht gelöste Vertretungsregelung, die unzureichende Klärung eines finanziellen Ausgleichs, wenn Familien zwischenzeitlich nur einen Halbtagsplatz benötigen, und die geringe Ausstattung für Sachkosten sind nur einige Punkte, die den Tagesmüttern unter den Nägeln brennen“, sagt Anett Kindler, von Beruf Leiterin der Stralsunder Kita Eden.

Was passiert bei Krankheit?

Möglichst noch in diesem Jahr soll in Vorpommern ein Vertretungsmodell für Tagesmütter etabliert werden. Bislang müssen Eltern ihr Kind zu Hause betreuen oder sich eine Alternative suchen, wenn die Tagesmutter oder der Tagesvater krank sind. Das ist ein echter Wettbewerbsnachteil für die Tagespflegepersonen und sorgt bei vielen Eltern für Sorgenfalten, die kurzfristig ohne Betreuung dastehen. Gleiches Problem gilt für die Urlaubszeit. Eine Arzthelferin hat beispielsweise selbst nur 26 Tage Urlaub im Jahr, die Tagesmutter jedoch bis zu 33.

Diese Probleme dürfte es allerdings gar nicht geben, weil die Sozialgesetzgebung Vertretungsmodelle verpflichtend vorschreibt. In Vorpommern-Rügen gibt es bislang keine. Damit gehört der Kreis jedoch nicht zur Ausnahme, sondern zur Regel. In MV haben nur der Landkreis Ludwigslust-Parchim und die Hansestadt Rostock Vertretungsmodelle etabliert.

Damit sich das schnellstmöglich ändert, hat Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) nun Landesmittel zur Verfügung gestellt. „Die fünf Landkreise und die Stadt Schwerin, die noch keine Vertretungsmodelle haben, erhalten jeweils 78000 Euro, um tragfähige Modellprojekte bis spätestens Ende 2019 zu finanzieren“, sagt Alexander Kujat, Pressesprecher des Sozialministeriums.

Vorgeschrieben werde den Landkreisen nichts, sie können jedoch von den Erfahrungen anderer Regionen profitieren.

Schritt eins der Initiative ist eine Regionalkonferenz, die am 3. Februar in Stralsund stattfindet. Nach Angaben von Kujat liegen 80 Anmeldungen vor. Die Konferenzen richten sich in erster Linie an Tagespflegepersonen in der Region sowie Mitarbeiter der Jugendämter.

„Vier plus eins“ heißt ein Vertretungsmodell, bei dem sich fünf Tagesmütter zu einem Team zusammenschließen. Statt fünf nimmt die Tagespflegeperson vier Kinder auf. Sollte eine andere Tagesmutter krank werden, werden deren vier Kinder dann auf die freien Plätze der Tagespflegepersonen verteilt. Noch geklärt werden, muss ein Ersatz für den Verdienstausfall. „Das Tandemmodell“ ist eine kleinere Teamvariante von zwei Tagespflegepersonen, wie Ministeriumssprecher Kujat erklärt. Ein weiteres Modell nennt sich mobile Tagespflegeperson (Tarzan). Diese kooperiert mit bestimmten Tagespflegepersonen. „Sie übernimmt im Fall von Krankheit, Urlaub oder auch Fortbildung der regulären Tagespflegeperson die Betreuung der Kinder“, erläutert Kujat weiter. Damit die Kinder die Vertretungstagesmutter kennen, hält sie regelmäßig Kontakt zu den verschiedenen Einrichtungen.

Beim sogenannten Kita-KTP-Kooperationsmodell sucht die Tagespflegeperson mit den Kindern in regelmäßigen Abständen ein Kita in der Nähe auf, in der eine pädagogische Fachkraft für die Betreuung der Kinder im Vertretungsfall zuständig ist. Katharina Degrassi

9,60 Euro Stundenlohn, wenn fünf Kinder betreut werden

161 Tagespflegepersonen gibt es in Vorpommern-Rügen. Sie betreuen bis zu fünf Kinder – ab der achten Woche bis zum Alter von drei Jahren, in Ausnahmefällen auch länger.

616 Kinder werden von den Tagesmüttern und-vätern täglich umsorgt: 320 in Stralsund, 165 in Nordvorppommern, 131 auf Rügen. Bei einem Ganztagsplatz haben die Eltern Anspruch auf zehn Stunden Betreuung. Heißt: 50 Wochen-Arbeitsstunden.

499 Euro und vier Cent stehen der Tagesmutter seit 1. Januar 2018 pro Kind zu. 100 Euro davon sind Sachkosten, 14,78 Euro werden für eine Krankheitsvertretung angespart. Bleiben 384,26 Euro Einkommen. Pro Kind sind es also weniger als zwei Euro die Stunde, werden fünf Kids betreut, sind es 9,60 Euro.

Und das zahlen die anderen Kreise den Tagespflegepersonen inclusive Sachkosten: Landkreis Rostock: 463,30 Euro;

Ludwigslust-Parchim: 488 Euro; Mecklenburgische Seenplatte 493,88 Euro; Nordwestmecklenburg 515 Euro; Vorpommern-Greifswald 594,72 Euro; Schwerin 551,71 Euro; Hansestadt Rostock 608 Euro.

Ines Sommer und Alexander Müller

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