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Ribnitz-Damgarten Trachten-Streit im hohen Norden
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Trachten-Streit im hohen Norden
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11:01 16.03.2018
Bernd Fischer, Jette Joop und Birgit Hesse (v.l.) zeigen im Januar die sieben Einreichungen für den Trachtenmode-Wettbewerb. Quelle: Jens Büttner
Ribnitz-Damgarten

Streit um Trachten aus unserem Land: In Süddeutschland gehören Dirndl und Lederhose in der Gastronomie längst zum täglichen Bild – auch in Mecklenburg-Vorpommern soll die Trachtenmode aus dem Norden künftig stärker in den Fokus rücken – beispielsweise als Arbeitskleidung in der Gastronomie. Diese Idee hatte Holger Hurtig, Präsident des Tanzverbandes MV, Kultusminister Mathias Brodkorb 2015 präsentiert. Kurzerhand nahm dieser sie in das Landesheimatprogramm auf, das von 2016 bis 2020 angelegt und mit sechs Millionen Euro ausgestattet ist. Doch nun schwelt hinter den Kulissen ein Streit um die Umsetzung.

Volkstanzgruppen und Tanzverband MV fühlen sich bei der Suche nach einer norddeutschen Tracht vom Bildungsministerium und der Designerin ausgegrenzt

Unter dem Titel „Trachten neu erleben“ hatten Kultusministerium, Landestourismusverband und Heimatverband MV Ende vergangenen Jahres zu einem Ideenwettbewerb aufgerufen. Gesucht wurden alltagstaugliche, am Markt verkäufliche Outfits mit traditionellen Elementen aus dem Nordosten. Elf Bewerber hatten ihre Entwürfe eingereicht, drei Bewerber sollen Ende März in der zweiten Runde ihr konkretes Konzept vorstellen. Aus dem besten Entwurf soll eine Kollektion für den Nordosten entwickelt werden. Zuständig für die Auswahl ist eine Jury um Designerin Jette Joop, in der auch Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD), die Vorsitzende des Landesheimatverbandes, Cornelia Nenz, und Bernd Fischer, Geschäftsführer des Landestourismusverbandes, sitzen.

Brisant: Ideengeber Holger Hurtig habe von dem Wettbewerb erst aus der Zeitung erfahren. „Wir als Tanzverband wurden weder benachrichtigt noch sind wir in der Jury vertreten, obwohl wir sogar Mitglied im deutschen Trachtenverband sind. Genau wie viele andere Vereine, die sich seit Jahren mit Trachten und Brauchtum beschäftigen und auch nicht involviert sind“, beklagt dieser. Dabei sei es der Tanzverband, der sich seit der Gründung 1990 um die Aufarbeitung der hiesigen Trachtenlandschaft bemühe. Mit Hilfe von Büchern, Zeichnungen und alten Fotos seien bisher 19 Trachten gesichtet und aufgearbeitet worden, die von Mecklenburg bis zum Hinterpommerschen Raum reichen. 1994 gründete der Tanzverband MV dafür eigens den Arbeitskreis „Folklore, Trachten, Tanz und Brauchtum“, in dem 14 Volkstanzgruppen vertreten sind, die sich nun außen vor fühlen.

„Dafür bekommen wir sogar Mittel vom Kultusministerium, doch statt dieses Potenzial zu nutzen, sitzen nun Leute in der Jury, die von Trachten kaum Ahnung haben“, sagt Hurtig. „Auch wenn Frau Hesse sehr interessiert ist, glaube ich nicht, dass sie den Unterschied zwischen einer Poeler oder einer Mönchguter Tracht erkennen würde.“Die Idee, der traditionellen Kleidung ein wenig mehr Sexappeal zu verleihen, und die schweren Stoffe durch alltagstauglichere Materialien in einen zeitgenössischen Kontext zu setzen, sei gut, so Hurtig. Dennoch müsse die regionale Trachtenvielfalt bestehen bleiben. Man wollt keine erfundene, aufgesetzte Tracht. „Das ist nicht authentisch, sondern wirkt eher wie ein Kostüm“, so Hurtig.

„Eine Tracht für ganz MV, das funktioniert nicht. Die regionalen Besonderheiten müssen sich in der Tracht wiederfinden, das wollen auch die Touristen sehen – keinen Einheitsbrei“, pflichtet Edgar Puhlmann von der Volkstanzgruppe „Schüddel de Büx“ bei. „Zudem können wir nicht nachvollziehen, wie die Jury zusammengestellt wurde. Der Tanzverband eint viele Trachtengruppen und hat großen Anteil am Kulturgut, das in MV gelebt und präsentiert wird. Wie soll man den Geist der Masse treffen, wenn man einen Großteil der Menschen, die sich mit Trachten und Kulturpflege beschäftigt, ausschließt?“

Für Unmut sorgen zudem Äußerungen von Jette Joop. In einem Interview hatte sie gesagt, dass sich gleich ein Mode-Hype aus den Entwürfen ergebe, glaube sie nicht. Denkbar sei aber, dass ein Accessoire – zum Beispiel ein Tuch – seine Käufer auf dem Modemarkt finde. „Diese Aussage, dass sie selbst nicht an einen Erfolg glaubt, hat uns sehr erstaunt“, sagt Jasmin Kröplien, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Trachtenjugend, und ebenfalls Mitglied im Arbeitskreis des Tanzverbands. „Wie glaubwürdig kann ein Projekt sein, in dem selbst die Jurymitglieder nicht zu hundert Prozent davon überzeugt sind? Als Deutsche Trachtenjugend distanzieren wir uns ganz klar von diesem Projekt“, so Kröplien.

„Wir finanzieren das Projekt, aber auf die inhaltliche Gestaltung und die Besetzung der Jury haben wir keinen Einfluss“, sagt Henning Lipski, Sprecher des Kultusministeriums auf OZ-Anfrage und verweist auf den Landestourismusverband. „Die Ausschreibung liegt seit November letzten Jahres auf dem Tisch, da frage ich mich, warum sich der Tanzverband erst jetzt meldet und sich nicht direkt an uns wendet“, kontert Geschäftsführer Bernd Fischer. „Zudem wollen wir keine neue Tracht produzieren, es geht um die Verwertbarkeit im Alltag. Da muss man nicht Altes in alten Formen neu belegen sondern gucken, was modern, zeitgemäß und auf dem Markt tragfähig ist. Dafür stehen Jurymitglieder wie Jette Joop.“

 Büssing Stefanie