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Ribnitz-Damgarten „Und dann bleibt es nicht nur bei einer Flasche.“
Vorpommern Ribnitz-Damgarten „Und dann bleibt es nicht nur bei einer Flasche.“
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11:00 04.12.2019
Oksana Born möchte wieder arbeiten. Dank des "Kiek In" hat die 37-Jährige ihre Depressionen in den Griff bekommen. Born hofft auf ein Praktikum. Quelle: Robert Niemeyer
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Ribnitz-Damgarten

In der Kleinen Fischergasse am Ribnitzer Markt bewegt sich was. Das Kompetenzzentrum „Kiek In“ wächst und wächst. Nachdem bereits eine kleine Töpferwerkstatt und eine Holzwerkstatt eingerichtet worden sind, hat am Montag der Second-Hand-Laden „Stoffwechsel“ eröffnet. Das Besondere: In den Werkstätten und in dem kleinen Laden arbeiten Menschen, die in ein tiefes Tal abgerutscht sind und sich nun wieder herauskämpfen. Wir haben mit dreien von ihnen gesprochen.

Kampf gegen Depressionen

Oksana Born darf an diesem Tag im „Stoffwechsel“ die erste Schicht übernehmen. Konzentriert sortiert sie gespendete Kleidungsstücke, hängt Jacken auf die Kleiderständer, bügelt Hemden und Pullover. „Ich freue mich, dass ich die Tagesstätte besuchen kann. Ich fühle mich sehr wohl hier“, sagt die 37-Jährige. Das war lange Zeit ganz anders. Oksana Born leidet seit sieben Jahren unter Depressionen. Jahrelang hat sie in Nordrhein-Westfalen so gut wie jeden Tag gearbeitet. Von Montag bis Freitag in Schichtarbeit in einer Fabrik, am Wochenende in der Gastrobranche.

Irgendwann wurde es einfach zu viel, Born wurde krank. „Dann liege ich nur auf der Couch, grübele, habe schlechte Laune, kann nachts nicht schlafen“, erklärt sie. Vor vier Jahren zog sie nach Rövershagen, lebt dort sie alleine in einer kleinen Wohnung. „Ich habe versucht, als Reinigungskraft in Teilzeit zu arbeiten.“ Doch die Depressionen sind zu mächtig.

Doch Oksana Born wollte nicht aufgeben, wusste aber, dass sie Hilfe brauchte. Sie nimmt Medikamente gegen die Depressionen. Und im „Kiek In“ sucht sie den Weg zurück in ein normales Leben. Und findet ihn. „Ich bin ausgeschlafen, ich habe Kraft, ich habe Lust, etwas zu machen“, sagt Oksana Born. Durch die Betreuung im Kompetenzzentrum habe ihr Alltag wieder eine Struktur bekommen. „Und ich habe Ziele. Ich möchte wieder arbeiten.“ Deshalb bewirbt sie sich derzeit um Praktika und hofft, auf diesem Weg wieder ein normales Leben führen zu können.

Jasmin Enkelmann und Karina Zimmermann und ihre Mitarbeiter haben das Kompetenzzentrum gegründet, um Menschen, die eine schwere Zeit durchmachen mussten, zu helfen. Im „Kiek In“ werden suchtkranke und psychisch kranke Menschen betreut. Etwa 30 Klienten kommen täglich. Aber sie sollen eigentlich nicht lange bleiben. Denn das Ziel ist: einfach nur ein normales Leben.

„Das möchte ich nicht noch mal erleben“

Michael Schult hat einiges durchgemacht in seinem Leben. Nachdem er aus der DDR ausgewiesen worden war, lebte er fünf Jahre in Duisburg. Nach der Wende kehrte er nach Karnin ins Haus seiner Eltern zurück. Das Haus konnte er nicht halten. Schult zog nach Groß Klein in eine kleine Wohnung. Er verlor seine Familie, seinen Job. „Im Alter bekommt man keine Arbeit mehr“, sagt der heute 65-Jährige. „Und dann sitzt man da. Und dann bleibt es nicht nur bei einer Flasche.“

Die Alkoholsucht kostete ihn fast das Leben. Zweimal hatte er einen kalten Entzug versucht. Das ging nach hinten los. Zweimal mussten ihn die Ärzte ins künstliche Koma versetzen. Als er nach dem zweiten Mal wieder aufwachte, war klar: So kann es nicht weitergehen. Langzeittherapie, betreutes Wohnen, Schritt für Schritt kämpfte er sich aus dem Alkoholsumpf raus.

Mittlerweile lebt er in Gelbensande. Im Kompetenzzentrum „Kiek In“ findet Schult Halt. „Die Betreuung ist sehr gut. Wenn ich Schwierigkeiten habe, kann ich hier mit jemandem reden“, sagt der 65-Jährige. Und er hat etwas zu tun. Schult übernimmt Hausmeisterdienste für das „Kiek In“ oder arbeitet in einer der Werkstätten. „Mir geht es gut. Ich möchte so etwas nicht noch einmal erleben.“

Das Kompetenzzentrum „Kiek In“ soll mehr sein, als ein Anlaufpunkt für suchtkranke und psychisch kranke Menschen. In den Räumen des ehemaligen griechischen Restaurants „Thessaloniki“ soll ein Wohlfühleck entstehen, ein Treffpunkt für Jedermann, mit kleiner Suppenküche und Möglichkeiten für regelmäßige Veranstaltungen. Die Klienten des „Kiek In“ sollen so soziale Kontakte lernen. Gleichzeitig werden seit Langem leer stehende Geschäftsräume wiederbelebt. Dieses Engagement unterstützt die OZ-Lokalredaktion mit der Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“.

Für die eigene Tochter

Schicksalsschläge haben auch Katrin Seidler in die Sucht getrieben. Nach dem Verlust mehrerer Familienmitglieder zog sie sich immer mehr zurück, wurde depressiv. Alkohol- und Spielsucht zogen sie immer weiter hinab. „Man will keinen mehr sehen, man schließt sich ein, hat mit Traurigkeit zu kämpfen“, sagt die 44-Jährige. Selbst die einfachsten Dinge, wie beispielsweise ein Telefonat zu führen, waren nicht mehr möglich.

2012 starb Seidlers Lebensgefährte. Plötzlich stand sie alleine da, mit ihrer damals zwölfjährigen Tochter. Im Grunde war sie nicht in der Lage, sich um das Mädchen zu kümmern. Eine gute Freundin half ihr aus dem Sumpf. „Irgendwann war mir klar: Ich muss etwas ändern. Ich will für mein Kind da sein.“ Seit 2014 trinkt Seidler keinen Alkohol mehr. Das Automatenspielen bekomme sie immer besser in den Griff. Das „Kiek in“ bzw. die Betreuung durch Jasmin Enkelmann und Karina Zimmermann sei ein wichtiger Anker geworden. „Wenn es mir schlecht geht, fahre ich hierher“, sagt Seidler. „Ich bin selbstbewusster geworden. Mein Selbstwertgefühl ist gestiegen.“

Die Beziehung zu ihrer Tochter, mittlerweile 19 Jahre alt, konnte sie retten. „Wir haben ein sehr gutes Verhältnis“, sagt Katrin Seidler. Auch sie möchte irgendwann wieder ein eigenes, normales Leben führen, ohne Betreuung. „Ich fühle mich wohl hier. Aber ich wünsche mir, dass ich irgendwann nicht mehr herkommen muss.“

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