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Ribnitz-Damgarten Viktor von Stenglin feiert neun Jahrzehnte seines Lebens
Vorpommern Ribnitz-Damgarten

Viktor von Stenglin feiert neun Jahrzehnte seines Lebens

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12:00 30.05.2020
Viktor von Stenglin mit dem Buch „Steine am Ostseestrand"
Viktor von Stenglin mit dem Buch „Steine am Ostseestrand" Quelle: Elke Erdmann
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Prerow

Pferdeköpfe als Giebelzeichen am Rohrdach. Gelb leuchtende Frühlingsmargeriten, Doronicum caucasicum, vor dem Haus unter der großen Linde, in der wohltönend eine Amsel singt. Goldlack, Vergissmeinnicht und Akeleien bei den kugeligen Bergkiefern und der Bank, die vor der Hauseingangstür steht. „Vorsicht, Schwelle“, steht daran – das Wort „Schwelle“ ist schon ein bisschen verblichen. Beim Öffnen der Tür klingelt es, unhörbar für den Kunden – und er befindet sich allein im Verkaufsraum der Nordischen Buch- und Kunsthandlung im Ostseebad Prerow.

Doch dann kommt Viktor von Stenglin aus dem Inneren seiner Wohnung. Alter Adel, seit 1553 verbrieft. Ein Vorfahre rettete einem Fürsten das Leben, der von einem Wildschwein angegriffen wurde. Zum Dank wurde ihm der Adelstitel verliehen. Die Geschichte ist auf einem Keramikteller festgehalten, den Friedemann Löber aus Althagen nachträglich schuf und bemalte. Im Wappen ein Mann in Fellmütze, der über Kreuz zwei Lanzen in den Händen hält.

Hellwache Augen auch noch mit 90

Viktor von Stenglin feiert heute seinen 90. Geburtstag. Sein Gesicht ist noch immer glatt wie ein Jaspis, die Augen und der Geist sind hellwach, nur bewegt er sich ein wenig langsamer. Und immer noch führt er die Buchhandlung selbst.

„Sie sehen sich erst mal um?“, fragt er. Im Laden kauft man nicht nur Bücher, Engel und Blumenkinder von Wendt & Kühn (W. u. K.) aus Grünhainichen. Es gibt noch einfach verpackt, die zehn Briefbögen mit fünf Briefkarten aus dem Wielandhaus mit schönen Darßmotiven, die Viktor von Stenglin selbst zeichnete, und fünf Karten von Theodor Schultze-Jasmer mit ähnlichen Motiven. Der Maler und Grafiker lebte in Prerow von 1921 bis zu seinem Tode 1975. Auch Keramiken vom Sohn Alexander sind vorrätig.

Unverkäuflich ist die Broschüre „Darßer Heimatbuch“ mit einem Giebelzeichen auf dem Titel. Es erschien Anfang der 1930er Jahre im Verlag des Wielandhauses. Im Vorwort steht: „Das lockendste Ziel ist der große Wald und in ihm der Leuchtturm von Darßer Ort, der ja von allen Teilen der Halbinsel aus zu sehen ist, weil er ganz oben auf der nördlichsten Spitze steht.“ Dieses Ziel empfiehlt auch Viktor von Stenglin, wenn er gefragt wird.

1980 das Geschäft übernommen

Als er 1980 das Geschäft von seiner Schwiegermutter Brigitte von Wedelstädt übernahm, hieß es Wielandhaus. Da gab es kaum Bücher für den privaten Buchhandel, und die Figuren von „W. u. K.“ wurden inzwischen exportiert. Die Stenglins handelten mit Keramiken, Holzschalen und Webereien, denn Ehefrau Barbara war selbst Handweberin, dazu Obermeisterin. Sie bildete junge Frauen aus. Seit ihrem Tode 1993 lebt der Witwer allein in dem denkmalgeschützten Darß-Haus.

Die drei gemeinsamen Söhne besuchen ihn. Mit Klaus, dem jüngsten Sohn, der im katholischen Caritas Wohnheim für behinderte Erwachsene in Güstrow gut umsorgt wird, unternahm er viele Reisen „in die Wärme“, nach Marokko, Israel, Kreta und Zypern. „Eine geplante Vier-Städte-Reise fällt nun wegen der Corona-Pandemie leider aus.“

Aufgewachsen in Consrade bei Schwerin

Der Garten am Haus erstreckt sich weit nach hinten und lässt erkennen, dass hier ein beseelter Fachmann wirkt. Viktor von Stenglin wuchs in Consrade bei Schwerin auf, besuchte die einklassige Dorfschule und studierte nach dem Abitur an der Humboldt-Universität Berlin Garten- und Landschaftsarchitektur. „Wegen meiner sozialen Herkunft gelang das erst nach drei Anläufen.“ Er heiratete 1959 und half noch im selben Jahr in Erfurt die Internationale Gartenbau Ausstellung (Iga) aufzubauen, die 1961 eröffnet wurde.

In Prerow wirkte Viktor von Stenglin fast 30 Jahre, von 1980 bis 2009, im Kirchengemeinderat, zeitweise als Vorsitzender. Im Gottesdienst las er Jahrzehnte das Evangelium. Den Friedhof um die Seemannskirche gestaltete und pflegte er naturnah, pflanzte Geranium, Storchschnabel, um das Gotteshaus herum, auch am Waldrand neben dem Fahrradweg vis-à-vis vom Wielandhaus. Davor blühen 70 Jahre alte Rhododendren, die er stark zurückgeschnitten hat. Unter der Linde sind in einem Schaukasten empfehlenswerte Bücher ausgestellt wie „Steine am Ostseestrand“ von Rolf Reinicke.

Essen bereitet er noch selbst zu

Die Amsel singt um 5 Uhr. „Damit wache ich so schön auf. Dann beginnt die Vogeluhr, folgt das Konzert der vielen Standorttreuen. Die Amseln sind ganz zutraulich, sie hüpfen vorweg oder hinterher.“ Bevor Viktor von Stenglin in seine Buch- und Kunsthandlung geht, arbeitet er im Garten. Das Essen bereitet er sich noch allein zu, kocht meist für mehrere Tage. „Da weiß man was drin ist – und es schmeckt.“

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Von Elke Erdmann