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Ribnitz-Damgarten Wir zusammen: Hier gelingt’s
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00:00 03.04.2017
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Ribnitz-Damgarten

„Wir zusammen“ lautet der bekannte Slogan, mit dem die Deutsche Wirtschaft im Fernsehen für die Integration von Flüchtlingen im Arbeitsmarkt wirbt.

Bekanntermaßen ein langer, steiniger Weg: Mangelnde Sprachkenntnisse, fehlende Qualifikation, bürokratische Hürden, es gibt zahlreiche Gründe, warum der Weg für Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt schwierig ist. Doch drei Beispiele aus Ribnitz-Damgarten zeigen, dass es funktioniert, wenn alle Seiten an einem Strang ziehen.

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Mittlerweile wird sogar eine deutliche Steigerung der Integrationszahlen erwartet. „Die Zahlen werden sich nach und nach erhöhen. Das liegt auch daran, dass bei einer größeren Zahl von Geflüchteten erst in diesem Jahr die Sprachkurse beendet sind. Im Regelfall sind ohne Sprachkenntnisse Arbeitsaufnahmen nicht möglich“, heißt es aus dem Jobcenter des Landkreises Vorpommern-Rügen. Im vergangen Jahr fanden 54 Flüchtlinge vom Jobcenter den Weg in Arbeit und Ausbildung. Aktuelle Zahlen für 2017 gibt es noch nicht.

Vom Kunden zum Mitarbeiter

Mahmud Al Mohamad macht einen Job, den wohl kein Einheimischer kann. Im neuen Begegnungszentrum in Ribnitz-Damgarten betreut er für die Jam GmbH Flüchtlinge, hilft ihnen bei Behördengängen, beim Ausfüllen von Formularen und dolmetscht. Die Jam GmbH hatte mit Beginn der Flüchtlingswelle die Koordination der Integration von Asylbewerbern in der Bernsteinstadt übernommen. „Er hat eine immense Entwicklung genommen. Es war eine gute Idee, ihn einzustellen“, sagt Inga Fuhrmann, Leiterin des Teams für die soziale Betreuung von Asylbewerbern bei der Jam GmbH.

„Ich bin sehr glücklich, ich habe mein Ziel erreicht“, sagt Mahmud Al Mohamad, der 2015 vor dem Bürgerkrieg in Syrien floh und seit Juni 2015 in Deutschland lebt. „Es war eine schwierige, katastrophale Reise“, sagt der 25-Jährige.

Neues Land, neue Kultur, neue Regeln – der Start hier war auch nicht unbedingt leicht. Aber Mohamad hat sich durchgebissen. „Ich habe auf den Tag gewartet, dass ich zum Jobcenter ’Tschüs’ sagen kann.

Es war schwierig zu Hause zu sitzen und Geld zu bekommen, obwohl ich nicht arbeite“, sagt er. Seit Januar ist er nicht mehr auf Hartz IV angewiesen. Im Begegnungszentrum hat er eine 30-Stunden Woche, „das Geld reicht“, sagt Al Mohamad lächelnd.

Sogar für eine eigene Ein-Zimmer-Wohnung. „In Syrien gibt es das Bild, dass Deutschland das Paradies ist, Geld ohne Arbeit. Aber das ist nicht so, man muss aktiv werden.“ Deshalb habe er auch nicht warten wollen, bis seine Zeugnisse aus Syrien in Deutschland ankommen und beglaubigt werden – Mohamad hat in seiner Heimat als Krankenpfleger gearbeitet –, sondern machte sich aktiv auf die Suche nach einen Job. „Und der ist besser als mein alter“, sagt Al Mohamad lächelnd.

Und das Vorurteil vom schmarotzenden Flüchtling könne Inga Führmann nicht belegen. „Die Mischung ist wie bei den Einheimischen. Einige sind hoch strukturiert, einige brauchen Hilfe, nur ein geringer Teil will wirklich nicht arbeiten.“

Für Familie und Sprache

Auf den ersten Blick ist die Arbeit, die Ahmad Alaskar in Damgarten verrichtet, nicht unbedingt seine Kragenweite. In Syrien war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an eine Universität im Bereich Jura.

In Deutschland arbeitet er seit Ende Juli 2016 bei der Wäscherei Reiner. Der 29-Jährige bedient die Waschstraße und gibt Wäsche in die Mangel ein. „Ich glaube schon, dass ich irgendwann wieder in meinem ursprünglichen Bereich arbeiten möchte“, sagt Alaskar. Dennoch sei er glücklich und dankbar, in Damgarten einen Job bekommen zu haben.

Antrieb sei die Sprache gewesen. „Wenn man eine Sprache lernen möchte, muss man mit Leuten sprechen, nicht nur in einem Kurs“, sagt Alaskar. „Da habe ich gesagt, ich brauche einen Job.“ Den fand er in der Firma von Stefan Puhlmann, Geschäftsführer der Wäscherei Reiner. Vollzeit, 38,5 Stunden. „Er hat totale Anpassungsfähigkeit bewiesen“, sagt Puhlmann. „Er macht sehr gute Arbeit, ist sehr intelligent, hat ein nettes Wesen und eine positive Wirkung auf die Mitarbeiter.“ 52 sind das in der Wäscherei.

Im September 2015 kam Alaskar aus Syrien nach Deutschland, am 1. Juli begann sein Integrationskurs. Eine Familie, die ihn ehrenamtlich in der Bernsteinstadt betreute, habe sich für ihn bei der Wäscherei gemeldet. Drei Tage Probearbeit, dann war klar, er kann es. „Die 20 Tage auf der Flucht waren die schwersten in meinem Leben“, sagt der Syrer. Aber in Deutschland fand er Zuflucht und auch eine Perspektive. „Deutschland bietet viele Chancen. In der Flüchtlingskrise hat Deutschland vieles besser gemacht als andere Staaten“, sagt Alaskar. Dennoch schlagen zwei Herzen in seiner Brust.

Seine Familie ist noch in Syrien, er schickt regelmäßig Geld zur Unterstützung, auch ein Grund, warum er arbeiten wollte. „Die haben echte Probleme“, sagt er.

Eine eigene Wohnung hat er jedoch noch nicht, weil er auf seinen zwölfjährigen Neffen aufpasst. Der hat noch kein Bleiberecht, muss deshalb noch in einer vom Landkreis angemieteten Flüchtlingswohnung für Asylbewerber leben, zusammen mit anderen Flüchtlingen. Seit anderthalb Jahren läuft das Antragsverfahren für den Jungen. „ Aber es läuft gut, er geht zur Schule, kann sogar schon besser Deutsch als ich.“

Akademiker gesucht

Einen ganz anderen Weg ging Nora Khayat. Die 34-Jährige arbeitet bei Sylvia Witteveen in der Linden-Apotheke in Damgarten. Sie kam als sogenannter Kontigentflüchtling bereits Ende 2014 nach Deutschland. Das sind Flüchtlinge aus Krisenregionen, die im Rahmen internationaler humanitärer Hilfsaktionen aufgenommen werden. Die Organisation GASP University Placement & Relocation Service, der sich um die Vermittlung ausländischer Akademiker nach Deutschland kümmert, habe sie unterstützt.

Khayat kam mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter, musste keinen langen Fluchtweg und kein Asylverfahren hinter sich bringen. Die formellen Angelegenheiten wurden über GASP geregelt.

Das Ganze lief auch unter dem Punkt Familienzusammenführung. Ihr Schwager – mittlerweile sogar eingebürgert – ist Unfallchirurg in Rostock. „Aber wir haben uns auch wegen der politischen Situation in Syrien entschieden, nach Deutschland zu gehen.“ Ein wenig Heimweh sei zwar noch vorhanden, auch weil ihre Eltern noch in Syrien sind. Nora Khayat stammt aus Aleppo. Ihre Eltern leben immerhin im sicheren Teil der Stadt.

„Ich brauchte einen Apotheker, habe die Stelle ausgeschrieben, da hat sich GASP bei mir gemeldet“, erklärt Sylvia Witteveen. Seit 1. Juli 2016 ist die 34-Jährige Khayat in der Damgartener Apotheke eingestellt, zuvor absolvierte sie ein sechsmonatiges Praktikum mit anschließender Fachsprachenprüfung – Voraussetzung, um als Pharmazeutisch-Technische Assistentin (PTA) in der Apotheke zu arbeiten.

Vollwertige Apothekerin ist sie, wenn sie demnächst noch ihre Kenntnisprüfung besteht. In Syrien hatte Khayat bereits eine eigene Apotheke. „Es läuft gut, im Praktikum gab es noch Schwierigkeiten mit der Sprache. Mit der Zeit ist das immer besser geworden“, sagt sie. Das Team hier in Ribnitz-Damgarten ist sehr nett und hilfsbereit.“

Sylvia Witteveen ist froh über ihre neue Mitarbeiterin: „Sie ist sehr fleißig, hilfsbereit, interessiert sich und versteht sich gut mit dem Team“, sagt die Chefin. Und es sei ein Pluspunkt für die Apotheke selbst, wenn beispielsweise Syrer Medikamente brauchen. Da kann Khayat als Dolmetscherin helfen.

Und sie kann sich sogar vorstellen, nach Ribnitz-Damgarten zu ziehen. Noch wohnt sie mit ihrer Familie in Rostock, hat dort Freunde gefunden und ist Mitglied in einem christlichen Familienkreis.

Robert Niemeyer

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