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Rügen Alt Sassnitz: Das familiäre Viertel der Hafenstadt
Vorpommern Rügen Alt Sassnitz: Das familiäre Viertel der Hafenstadt
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00:00 19.12.2017
Im Erdgeschoss dieser Villa am Alten Markt in Sassnitz hat Dahlmanns Bazar eine Heimat gefunden.
Im Erdgeschoss dieser Villa am Alten Markt in Sassnitz hat Dahlmanns Bazar eine Heimat gefunden. Quelle: Fotos: Christian Thiele, Maik Trettin (4)
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Sassnitz

„Dass es solche Läden noch gibt!“ Wenn ihre Kunden staunend in Dahlmanns Bazar stehen, müssen Marlen Melzow und Volkmar Billig ab und an schmunzeln. Die Mischung aus Feinkostgeschäft, Café und Buchladen wirkt wie aus einer anderen Zeit, ist aber genau genommen gerade mal zwei Jahre alt. Damals entdeckten der Kulturwissenschaftler und Lektor sowie die Bühnenbildnerin Alt Sassnitz und das Ladenlokal für sich. „Eigentlich hatten wir ganz woanders nach einem Haus und einer neuen Aufgabe gesucht“, sagt Volkmar Billig. Doch das Paar ist dem Charme von Alt Sassnitz erlegen.

Händler und Kunsthandwerker lässt das alte Herz von Sassnitz nicht mehr los. Für sie gibt es solch einen Platz in Deutschland nur einmal.

Das Schicksal teilen sie mit einigen, die in der Nachbarschaft kleine Geschäfte betreiben. Ingo Alexander wollte ursprünglich nur in Sassnitz übernachten und sich in Binz nach einem Stand an der Promenade umsehen. Jetzt verkauft der gebürtige Bremer seine Bernsteine in einem Geschäft an der Uferpromenade. „Das habe ich bei einem morgendlichen Spaziergang durch die Altstadt gesehen und sofort gedacht: wow!“, erinnert sich der einstige Geologiestudent, der schon als Kind vom „Bernsteinfieber“ gepackt wurde. „Nach Binz bin ich an dem Tag dann gar nicht mehr gefahren.“ Das alte Herz von Sassnitz hat ihn seitdem nicht wieder losgelassen.

Das ist auch kein Wunder, erklärt Volkmar Billig und zeigt aus dem Fenster hinaus auf den Alten Markt: „Solche wunderbaren Plätze findet man sonst höchstens in Italien oder Südfrankreich.“ Nur eben belebter. Das mag am Klima liegen, das das Kaffeetrinken im Freien nur in einem eng begrenzten Zeitraum zum Genuss macht. Das könne auch dem „modernen“Einkaufsverhalten geschuldet sein, bei dem das Surfen im Internet den Adventsbummel ersetzt. Nein, sagen Händler und Kunsthandwerker einmütig, so etwas wie ein Weihnachtsgeschäft gäbe es in der Altstadt nur, wenn gerade Adventsmarkt sei.

Ansonsten verirrt sich kaum ein Einheimischer zum Einkaufen in das historische Viertel.

Dabei ist es in seiner Nostalgie etwas Besonders. „Alt Sassnitz ist so etwas wie ein Gegenentwurf zu den Discountern und zu Amazon & Co.“, sagt Ingo Alexander. „So etwas gibt es kaum noch.“ Hier könne der Kunde mit dem Hersteller und Händler direkt sprechen. Zusammen mit der Architektur schaffe das eine familiäre Atmosphäre. „Man kennt die meisten Gesichter.“ Das schätzt auch die Silberschmiedin Katrin Stulz. Ihre erste Begegnung mit dem alten Viertel hatte sie während eines Chorkonzerts auf dem Karlsplatz, der damals noch mehr ein Dreckhaufen als ein Platz gewesen sei. Seit 2002 lebt und arbeitet sie in Alt Sassnitz. „Hier gibt es noch eine richtige Nachbarschaft, nicht nur Ferienwohnungen. Man sieht Kinder aufwachsen und trifft die Leute von nebenan.“ Und man schickt die Kunden auch mal nach „nebenan“, ergänzt sie schmunzelnd: Wenn Ehepaare in ihre Silberschmiede kommen und – vorwiegend – die Frauen den Schmuck in aller Ruhe bewundern wollen, empfiehlt sie den Partnern, in der Zwischenzeit bei ihren Kollegen etwa in Dahlmanns Bazar zu stöbern und einen Kaffee oder Tee zu trinken.

Katrin Stulz will hier nicht wieder weg. Eine Werkstatt an einem anderen Ort kommt für sie nicht in Frage. „Ich würde es woanders nicht aushalten“, sagt sie und winkt ab. Ihre Kollegin Andrea Student kann das verstehen. Die Goldschmiedin war auf der Suche nach einem Praktikumsplatz auf Katrin Stulz und deren Laden gestoßen und verließ nach der Abschlussprüfung im vergangenen Jahr ihre alte Heimat im nordrhein-westfälischen Krefeld, um in Sassnitz zu arbeiten und zu leben. „Für mich ist es ein Geschenk, dass ich hier gelandet bin.“ Das alte Kopfsteinpflaster, die Nähe zum Meer, die schmalen Gassen – das alles habe sie gleich fasziniert und mittlerweile auch sehr geprägt. „Ich habe hier meine Art gefunden, Schmuck zu machen und meine eigene Handschrift bei der Schmuckgestaltung entwickelt.“

Die verschiedenen, ganz individuellen Handschriften der Künstler, Gastronomen und Kunsthandwerker sind es, die den Reiz des Viertels ausmachen. Marlen Melzow und Volkmar Billig hatten sich bei einem Rügen-Besuch am Schaufenster eines Lokals die Nasen plattgedrückt. Dass ein Geschäft an einem solchen Ort leer stand, war für das Paar unglaublich. „Wir haben uns schnell in das Abenteuer gestürzt“, erzählt das Paar, das irgendetwas mit diesem Laden anfangen wollte. Die Idee für die Nutzung hätten dann der Raum selbst und der Alte Markt geboren. Natürlich könnte er sich zurücklehnen und auf ein fertig geschneidertes Programm zur Belieferung kleiner Buchläden zurückgreifen. „Aber das ist nicht unser Anspruch“, sagt Volkmar Billig. Er sehe sich die Angebote der einzelnen Verlage selbst an um zu entscheiden, was in die Regale komme.

Wie sieht die Zukunft dieses Idylls im Steinbachtal aus? Autofrei, hofft Andrea Student auf die Einsicht, nicht jeden freien Flecken zuzuparken. Mit einer Litfasssäule, die die Aufsteller ersetzt und mehr Kunsthandwerk, wünscht sich Katrin Stulz.

Vielleicht mit einem kleinen Bio-Laden oder Marktständen, wie man sie im Mittelmeerraum kennt, träumt Volkmar Billig von der Zukunft dieses Ortes, der für seine Besucher und Bewohner etwas ganz Besonderes bleibt. „In Alt Sassnitz könnte man durchaus 14 Tage Urlaub machen und bräuchte nicht einmal von hier weg“, preist der Händler und Gastronom Vielfalt und Flair des Ortes. „Einen solchen Platz gibt es in Deutschland nur einmal.“

Maik Trettin

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