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Rügen Angst vor EU-Fangquoten: „Ein Drittel der Fischer in MV wird aufgeben“
Vorpommern Rügen Angst vor EU-Fangquoten: „Ein Drittel der Fischer in MV wird aufgeben“
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12:44 25.09.2019
Martin Lange räumt seinen Kutter für den Verkauf aus. Quelle: Martina Rathke
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Rostock/Freest

Bei den Fischern geht die Angst um. Am 15. Oktober einigen sich die EU-Fischereiminister in Brüssel auf die Fangquoten für 2020 in der Ostsee. „Es wird so drastische Einschnitte geben, wie wir sie noch nie erlebt haben“, befürchtet der Vorsitzende der Fischereigenossenschaft Freest, Michael Schütt. „Wir gehen davon aus, dass ein Drittel der Fischer aufgeben wird.“

Nach den massiven Fangmengenkürzungen in den vergangenen Jahren rechnen viele Fischer nun mit dem Todesstoß. „Eine weitere Absenkung der Heringsquote um 60 oder 70 Prozent und der Dorschquote um 50 oder 60 Prozent können wir nicht mehr verkraften.“

Die Daumenschrauben ziehen sich immer enger: Schon für dieses Jahr war die Heringsfangmenge halbiert worden. Für 2020 hat der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) ein Fangstopp gefordert. Die EU-Kommission war der ICES-Empfehlung zwar nicht gefolgt und sprach sich für eine Absenkung um 71 Prozent aus.

Aber auch das wäre für die deutschen Heringsfischer eine Katastrophe. Kommt es dazu, bleibt der gesamten deutschen Heringsfischerei nach Berechnungen des Thünen-Instituts für Ostseefischerei nur noch eine Fangmenge von 1400 Tonnen. Und nicht nur das: Für den Dorsch in der östlichen Ostsee gilt inzwischen ein Fangverbot. In der westlichen Ostsee wird ebenfalls mit einer weiteren deutlichen Absenkung für 2020 gerechnet.

Fangmengen reichen nur noch für einen Tag Arbeit

„Wenn ein 17-Meter-Kutter nur noch zwei Tonnen Dorsch und 20 Tonnen Hering pro Jahr fischen darf, rechnet sich das betriebswirtschaftlich nicht mehr. Das ist Arbeit für einen Tag“, rechnet Schütt vor.

Zum Vergleich: In den 1990er Jahren hatten die Freester Fischer mit 3500 Tonnen eine doppelt so hohe Quote wie sie nun für 2020 für die gesamte Heringsfischerei in Aussicht steht. „In Freest haben bereits fünf Fischer angekündigt, den Beruf an den Nagel zu hängen.“ Fünf von 24.

Niedergang der Fischerei ein schleichender Prozess

Der Freester Fischer Martin Lange zog bereits die Reißleine und heuerte als Seenotretter auf dem Seenotkreuzer „Berthold Beitz“ an. „Die letzten zwei Jahre ging es nur darum, den Betrieb am Leben zu erhalten“, sagt Lange, während er seinen Kutter „Hilde“ im Hafen für den Verkauf leer räumt. „Wenn alles gut geht, komme ich unterm Strich mit Null raus.“

Die Seekarte, die der 44-Jährige von Bord nimmt, will er sich einrahmen. Die Aufgabe seines Berufs sei ihm nicht leichtgefallen. Den Niedergang der Fischerei hat er als schleichenden Prozess erlebt. „Aber irgendwann waren die Rücklagen aufgebraucht.“

Experte: Die Hälfte der Betriebe wird nicht überleben

Die Befürchtungen, dass es zu dramatischen Einschnitten kommt, werden auch von der Wissenschaft geteilt. „Wir stehen vor dergrößten Strukturveränderung in der Ostseefischerei seit der Wende“, sagt der Direktor des Thünen-Instituts für Ostseefischerei, Christopher Zimmermann. Die Hälfte der Betriebe, davon ist der Fischereibiologe überzeugt, werde die kommenden fünf Jahre nicht überleben.

Heringslarven verhungern

Seit 2004geht die Heringslarvenproduktion im Laichgebiet des westlichen Herings, im Greifswalder Bodden, zurück. Fischereibiologen des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock führen die Entwicklung auf eine klimabedingte Änderung der biologischen Verhältnisse zurück.

Demnach wandern die Heringe früher in die Laichgebiete, die Larven schlüpfen früher als bisher. Die Entwicklung von Kleinkrebsen, dem Futter der Larven, hängt jedoch von der Entwicklung kleiner Algen ab. Deren Auftreten ist wiederum lichtgesteuert, verschiebt sich also nicht. Die Folge: Es wachsen deutlich weniger Heringslarven heran. Auch für 2019 ist keine Änderung in Sicht.

Strukturveränderungen geplant

Michael Schütt, Geschäftsfführer der Fischereigenossenschaft Freest Quelle: Martina Rathke

Zusammen mit den Experten denken die Fischer jetzt über Strukturanpassungen nach. Am Donnerstag kommen die Fischer und Fachleute aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern in Rendsburg zu einem Krisentreffen zusammen, um über größere Zusammenschlüsse zu beraten. Sogar länderübergreifende Strukturen sind kein tabu mehr. „Wir überlegen eine gemeinsame Erzeugerorganisation mit einer Zentralisierung der Anlandehäfen zu gründen“, sagt Schütt.

Möglicherweise schließen sich auch die Fischereiverbände der Kutter- und Küstenfischer zusammen. In MV ist der Verband inzwischen auf 140 Mitglieder geschrumpft.

Kleine Küstenfischerei in der Nordsee bereits tot

Zimmermann geht davon aus, dass es 2020 nicht zum Fangstopp kommen wird. Dies wäre auch aus ökonomischen Gründen nicht klug, weil sie das Aus für die Küstenfischerei bedeuten würde, sagt er und verweist auf die Nordsee.

Dort sei die Heringsfischerei 1977 nach rückläufigen Beständen geschlossen worden. Als 1982 die Fischerei wieder eröffnet wurde, gingen nur wieder größere Schleppnetzfischer auf Heringsfang. „Die kleine Küstenfischerei an der Nordsee ist seitdem tot.“

Auch für die Wissenschaft wäre das Sterben der Küstenfischerei ein Desaster, weil etwa 80 Prozent der Eingangsdaten für die Berechnung der Biomassen und Bestände fehlen würden. „Man kann die Fischerei nicht aus- und anknipsen wie eine Lampe.“

Kettenreaktion: Nach der Fischerei trifft es die Verarbeitung

Die Fangquotenreduzierung trifft nicht nur die Fischer, sondern auch die Erzeugerorganisationen. „Wenn von den Fischern kein Fisch mehr kommt, hat das Auswirkungen auf die Verarbeitung“, sagt Schütt. In Freest, der größten Genossenschaft Vorpommerns, arbeiten 27 Menschen allein in der Verarbeitung. „Wie soll ich die Arbeitnehmer auslasten, wie soll ich den Gabelstaplerfahrer bezahlen?“, fragt der Genossenschaftsvorsitzende. „Wenn das Geld nicht mehr reinkommt, muss ich den Bereich, der unrentabel ist schließen.“

Der ICES hat inzwischen Vorschläge unterbreitet, wie der Fischereidruck gesenkt werden kann, ohne dass die Fischerei komplett stirbt. So könnte die Quote 2020 um 71 Prozent sinken, danach könnte die Quote über zwei Jahre um 25 Prozent gesteigert werden. Dies würde – vorausgesetzt die Heringssterblichkeit bleibt niedrig – ausreichen, dass sich die Bestände nach vier Jahren wieder so erholt haben könnten und dann auch wieder das MSC-Siegel möglich sei, wie Zimmermann sagte. So lange müsste die Fischerei aber erstmal überleben.

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Unterwegs mit Boltenhagener Fischer: Mit Uwe Dunkelmann auf Fangfahrt vor Boltenhagen

Kommentar: Fischer brauchen Hilfe

Von Martina Rathke

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