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Rügen „Aquarius“ rettet Tausende vorm Ertrinken
Vorpommern Rügen „Aquarius“ rettet Tausende vorm Ertrinken
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00:00 04.01.2017
Mukran/Rom

Es war eine der größten Rettungsaktionen im Mittelmeer: Kurz vor Jahresende haben Besatzung und Helfer der MS „Aquarius“ mehr als 800 Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer bewahrt. In drei parallel stattfindenden Einsätzen habe man gemeinsam mit einem Schiff der britischen Marine hunderte Flüchtlinge in Sicherheit gebracht, sagt Jana Ciernioch vom Verein SOS Mediterranee. Der ist mit dem Schiff der Lietzower Reederei „Jasmund Shipping“ im zurückliegenden Jahr von Mukran aus zu einer beispiellosen Hilfsaktion ins Mittelmeer gestartet und seitdem dort mit den Helfern der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ fast pausenlos im Einsatz.

Allein im Dezember hatte SOS Mediterranee knapp 2000 Flüchtlinge aus überfüllten Booten geborgen. „Vor wenigen Tagen rettete die Aquarius während eines Unwetters 112 Menschen von einem fragilen Schlauchboot“, erzählt Ciernioch. Doch tausende Menschen sterben bei dem Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Drei weitere Boote, die zuvor an jenem Tag als in Seenot geraten gemeldet wurden, konnten trotz intensiver Suche nicht gefunden werden, sagt die Sprecherin des 2015 gegründeten Vereins. „Keines dieser seeuntauglichen Boote schafft es ohne Hilfe nach Italien. Die Menschen werden gerettet oder sie ertrinken, eine andere Möglichkeit gibt es nicht“, kommentierte Timon Marszalek, Geschäftsführer von SOS Mediterranee Deutschland e.V., die harte Realität im Mittelmeer.

Nach Schätzungen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen sind allein im vergangenen Jahr mehr als 5000 Menschen beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, ertrunken. Die hunderte Flüchtlinge, die kurz vor Silvester von der Besatzung der „Aquarius“ gerettet wurden, hatten Glück. Mehrere Menschen hätten bereits bewusstlos in den hölzernen Booten gelegen, schildert Ciernioch die dramatische Lage. Nicht wenige hatten Unterkühlungen erlitten. „Das Mittelmeer ist derzeit so um die acht Grad kalt.“ Andere zogen sich Verätzungen durch das gefährliche Gemisch aus Salzwasser und Benzin zu. Die Mediziner von „Ärzte ohne Grenzen“ versorgen die Geretteten umgehend, bevor sie in Absprache mit den den römischen Behörden in Italien an Land gebracht werden.

Bei solchen Rettungseinsätzen gehen oft auch die Helfer selbst an ihre Grenzen. „Es ist zurzeit sehr kalt und stürmisch auf dem Mittelmeer und viele Aktionen finden nachts statt“, erklärt die Sprecherin des Vereins. Hunderte Menschen haben auf der „Aquarius“, dem einstigen Fischereiaufsichtsschiff, das zuletzt unter anderem bei Kabelverlegungen eingesetzt wurde, außerdem gar keinen Platz.

„Wir haben bei dem Einsatz vor Silvester einen großen Teil der Flüchtlinge auf dem geräumigeren britischen Marineschiff untergebracht“, sagt Jana Ciernioch. Für die Rettungseinsätze wurde die Aquarius extra hergerichtet. Frauen und Kinder werden – wenn sie an Bord geholt wurden – unter Deck einquartiert und notfallmedizinisch versorgt. Ist es unter Deck voll, suchen die Menschen an Deck Schutz. Dort wurde eigens für diesen Zweck ein Gestell mit einer Plane montiert.

Viele Menschen, die jetzt auf der Flucht sind, stammen aus Nordafrika. Ein Großteil der Flüchtlinge, die bei der letzten großen Aktion zum Ende des vergangenen Jahres gerettet wurden, sind in Eritrea zu Hause, im Sudan oder in Pakistan. Seit einer ganzen Zeit kommen sogar Flüchtlinge aus dem südostasiatischen Bangladesh an die libysche Küste, um von hier aus die lebensgefährliche Überfahrt nach Europa zu wagen. Der Strom reißt nicht ab,

wissen die Helfer von SOS Mediterranee. Sie haben das Schiff der Rügener Reederei samt Besatzung weiter gechartert – für einen übersichtlichen Zeitraum von mehreren Wochen. Langfristig gehe es leider nicht, sagt Ciernioch. „Wir können immer nur auf Sicht planen“, erinnert sie an die Finanzierung der gesamten Aktion. Der Einsatz wird nach wie vor aus Spendengeldern bezahlt. Gechartert und gerettet werden kann nur, so lange Spenden fließen.

Dass das auch in diesem Jahr der Fall sein wird, hoffen Timon Marszalek und seine Mitstreiter. „Wir werden weiterhin Solidarität mit Menschen zeigen, die in Europa Zuflucht suchen, denn als Bürgerinnen und Bürger können und müssen wir handeln.“ Der Verein habe zusätzliche Vorkehrungen getroffen, um auch über die Wintermonate weiterhin eine verlässliche Seenotrettung garantieren zu können. SOS Mediterranee und Ärzte ohne Grenzen einerseits mit ihrer „Aquarius“ sowie die spanische Organisation Proactiva Open Arms unterhalten derzeit die einzigen zivile Rettungsschiffe im zentralen Mittelmeer. „Und das obwohl die Zahl der Flüchtlinge, die von Libyen aus die Überfahrt nach Italien wagen, nach derzeitigen Beobachtungen kaum rückläufig ist“, ergänzt Jana Ciernioch. Das gilt offenbar auch für das neue Jahr: „In der Nacht vom Neujahrstag zum 2. Januar hatten wir die erste Rettungsaktion für 2017.“ 114 Menschen mussten aus einem Schlauchboot aus Seenot gerettet werden.

Maik Trettin

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