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Rügen „Badejunge-Molkerei“ Bergen: Betriebsrat kämpft gegen Schließung
Vorpommern Rügen „Badejunge-Molkerei“ Bergen: Betriebsrat kämpft gegen Schließung
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12:13 12.11.2018
In der DMK-Molkerei in Bergen (Vorpommern Rügen) wird seit Jahrzehnten die Ost-Traditionsmarke „Rügener Badejunge“ produziert. Der Camembert soll ab 2019 in Thüringen hergestellt und die Molkerei geschlossen werden. Quelle: Norbert Fellechner
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Bergen

Die Schließung der „Rügener-Badejunge“-Molkerei in Bergen beschäftigt jetzt auch Gerichte. Am nächsten Dienstag gibt es dazu einen Termin am Landesarbeitsgericht in Rostock. Das Deutsche Milchkontor (DMK) will das Werk Mitte 2019 stilllegen. Auf der strukturschwachen Urlaubsinsel stehen knapp 60 Ganzjahres-Jobs auf dem Spiel.

„Wir kämpfen um Arbeitsplätze, aber der Arbeitgeber will nur über die Schließung mit uns verhandeln“, sagt Betriebsrat Sven Sprenger. „Wir wollen einen Interessenausgleich durchsetzen, bei dem der Verkauf an einen Investor aus der Milchbranche an erster Stelle steht“, erläutert der 50-jährige Anlagenfahrer, der seit 33 Jahren in der Spezialmolkerei arbeitet. Der Verkauf des Standortes an einen branchenfremden Interessenten, der sei nur „die zweitbeste Lösung“, meint Sprenger. Verhandlungen über Abfindungen stünden in der Rangliste „weiter hinten“. Die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) unterstützt den Betriebsrat. „In Bergen soll weiter Käse produziert werden, das rettet die meisten Arbeitsplätze“, sagt NGG-Landeschef Jörg Dahms.

Kommentar zum „Rügener Badejungen“:
Gnadenlos

Als die DMK-Group Everswinkel (Nordrhein-Westfalen) die Schließungspläne 2017 bekannt gab, hatte das eine Welle der Empörung ausgelöst (die OZ berichtete). Betriebsrat und Gewerkschaft, aber auch Rügener Milchbauern sowie Landes- und Kommunalpolitiker setzten sich für den Erhalt der Molkerei, die seit 1953 den Kult-Camembert herstellt.

Milchkonzern schließt auch Großmolkerei in Sachsen-Anhalt

Am Landesarbeitsgericht geht es jetzt um ein so genanntes Einigungsstellen-Einsetzungsverfahren, wie ein Sprecher des Gerichtes sagt. Das DMK wolle erreichen, dass eine im Sommer vom Arbeitsgericht Stralsund getroffene Entscheidung über das Einsetzen einer Einigungsstelle gekippt wird.

Hintergrund: Deutschlands größter Milchkonzern schließt noch andere Werke, darunter eine Großmolkerei in Sachsen-Anhalt. Der Konzern beruft sich auf einen einheitlichen Sozialplan. Laut DMK-Sprecher Oliver Bartelt geht es um „unternehmensweite Binnengerechtigkeit“. Generell begrüße das Unternehmen die Einigungsstelle.

Betriebsrat Sprenger macht jedoch deutlich: „Wir haben eine besondere Situation.“ Für Bergen habe es einen Interessenten aus der Milchwirtschaft gegeben, der das Werk weiterführen wollte: die Berliner Ostmilch GmbH. Auch wenn der Inhaber der „Badejungen“-Markenrechte, eine Firma aus Nordrhein-Westfalen, den Camembert künftig in Thüringen herstellen lassen will, sieht Ostmilch-Chef, Jürgen Stephani, Chancen für die Insel-Molkerei mit ihrem „Manufakturcharakter“.

DMK-Group sucht branchenfremden Käufer

Das Milchkontor aber lehnt vehement ab, an Ostmilch zu verkaufen. Ein Aufsichtsratsbeschluss schließe die „milchwirtschaftliche Nachnutzung“ aus, betont DMK-Sprecher Bartelt. Das Unternehmen suche einen branchenfremden Käufer. Die Arbeitnehmerseite aber verlangt: „Wir wollen auch über den Verkauf innerhalb der Branche verhandeln, weil das die beste Lösung wäre.“

Rügens Milchbauern sehen das genauso. Sie hatten im Juni 400 Vertreter des genossenschaftlich organisierten Molkerei-Konzerns angeschrieben. Einen funktionierenden Betrieb stillzulegen, der verkauft werden könne – darin sehen die Landwirte einen „unverantwortlichen Umgang mit genossenschaftlichem Vermögen“. Außerdem sei es „Unsinn, Milch von der Insel wegzubringen, die hier verarbeitet werden kann“, meint Landwirt Jochen Vömel. Was ihn aber am meisten erbost: „Dass den Genossen weisgemacht wird, das große DMK würde zusammenbrechen, weil eine kleine Molkerei auf Rügen Käse produziert.“

Denkmalschutzpläne wohl gescheitert

Das sei „absoluter Quatsch“, meint auch der Rügener CDU-Landtagsabgeordnete Holger Kliewe. Weniger als ein Prozent der im DMK verarbeiteten Milch entfalle auf Bergen. „Von Konkurrenz kann da keine Rede sein.“ Kliewe hatte sich ebenso wie Agrarminister Till Backhaus und Vorpommern-Staatssekretär Patrick Dahlemann (beide SPD) für die Traditionsmolkerei eingesetzt. Bergens Bürgermeisterin Anja Ratzke (parteilos) stellte sogar den Antrag, das Werk samt Technik unter Denkmalschutz zu stellen. Ihre Idee: Das sichert den Weiterbetrieb, weil nichts verändert werden darf. Wie Ratzke auf OZ-Nachfrage einräumt, sei dieser Plan wohl gescheitert. Die Landesdenkmalbehörde war vor Ort, habe das Inventar aber bereits zum Verkauf freigegeben. „Damit verschwindet ein Stück Stadtgeschichte“, bedauert die Bürgermeisterin.

Abgeordneter Kliewe: DMK ist egal, was aus Jobs wird

Holger Kliewe hatte sogar Kanzlerin Angela Merkel ins Boot geholt, zu deren Wahlkreis die Insel Rügen gehört. Die Kanzlerin habe persönlich Kontakt zur DMK-Chefetage gesucht, um „die exklusive Situation des Betriebes zu verdeutlichen“. Doch Kliewe musste zur Kenntnis nehmen: „Die sitzen beim DMK auf so hohem Ross. Denen ist schiet-egal, was aus den Arbeitsplätzen wird.“

Jochen Vömel – und mit ihm fast alle Milchbauern auf Deutschlands größter Insel – haben sich inzwischen vom DMK losgesagt. Nicht nur, weil der Milchriese ihnen keinen guten Milchpreis zahlt. „Wir hatten auch die Hoffnung, dass die Vernunft siegt und Ostmilch die Bergener Molkerei übernehmen kann“, sagt der Landwirt. Wenn es dazu nicht kommt, verarbeitet das Berliner Unternehmen Rügener Milch in Pasewalk (Brandenburg). Vömel: „Dass dann Wertschöpfung abwandert, tut weh.“

Elke Ehlers

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