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Rügen Diese Ruine soll Ausflugslokal auf Rügen werden
Vorpommern Rügen Diese Ruine soll Ausflugslokal auf Rügen werden
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16:19 29.03.2019
Seit über 20 Jahren steht das Gebäude am Kleinbahnhof Philippshagen leer. Quelle: Michel Herold
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Philippshagen

Der Geburtsort von Achim Kreß ist Tannenheim. Obwohl es diesen Ort gar nicht auf Rügen gibt. Jedenfalls nicht geografisch. „Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist. Es steht so in meiner Geburtsurkunde und auch in meinem Ausweis“, sagt der 62-Jährige und lacht spitzbübisch. Er hätte es nie anders haben wollen und ist stolz darauf. Denn Achim Kreß erblickte am 31. Mai 1956 an der Kleinbahnstation Philippshagen das Licht der Welt. Dort gab es seinerzeit das beliebte AusflugslokalTannenheim.“ Es ist seit seinem Bau vor mehr als 100 Jahren in Familienbesitz.

„Mein Herz hängt daran“, sagt Achim Kreß. Der Inhaber und Betreiber des Selliner Wald-Hotels hat das Gebäude 1995 von seiner Oma übernommen und seitdem den Wunsch, dort wieder eine kleine Gaststätte zu etablieren. Leichter gesagt als getan, denn viel Spielraum gibt es nicht: Außenbereich, Straßenanbindung, Denkmalschutz. Zwischenzeitlich habe er schon alle Projektpläne fast aufgegeben. Viele Bauvoranfragen habe er bereits gestellt. „Vor einem halben Jahr habe ich eine positive Antwort bekommen“, so Kreß. Nun wolle er den Bauantrag vorbereiten und die Finanzierung klären. „Das wird eine enorme Investition“, weiß der Hotelier.

Und auch, dass es allerhöchste Zeit wird, dass etwas passiert. Die vielen Jahre Leerstand und Vandalismus haben der Bausubstanz des denkmalgeschützten Hauses arg zugesetzt. Das Gebäude ist mit Graffiti beschmiert, Fenster sind eingeschlagen, das Mauerwerk bröckelt, Teile des Daches sind zusammengesackt. In Absprache mit der Denkmalbehörde sind jetzt Sicherungsmaßnahmen an den Außenmauern vorgenommen worden. „Es wäre sehr wichtig, dass das Gebäude erhalten bleibt. Noch steht es unter Denkmalschutz“, meint Kreisdenkmalpfleger Dr. Markus Sommer-Scheffler. Deshalb habe der Eigentümer jetzt auch Sicherungsmaßnahmen vornehmen müssen. „Es wird in Kürze auch noch ein Zaun um das Gebäude gezogen“, kündigt dieser an.

Achim Kreß mit dem alten Bauplan von 1902 für den Bau eines Empfangsgebäudes (später Restauration Tannenheim) auf dem Kleinbahnhof in Philippshagen. Quelle: Gerit Herold

Achim Kreß faltet vorsichtig einen alten Bauplan auseinander. Es ist die Bauzeichnung für ein Empfangsgebäude auf dem Bahnhof Philippshagen auf Mönchgut von 1902, unterzeichnet von Kreisbaumeister Ohnesorge, der seinerzeit die Etablierung der Schmalspurbahn auf Rügen als infrastrukturelle Notwendigkeit vorantrieb. „Meine Urgroßeltern Hermann und Luise Koch, die in Baabe lebten, haben das Gebäude mit Wartesaal und kleinem Restaurant errichtet und betrieben“, so Kreß. Später wohnten sie selbst mit in dem Haus. Die Restauration „Tannenheim“ war ein sehr beliebtes Ausflugslokal mit großem Kaffeegarten und Spielplatz. Kinder erfreuten sich auf einem Karussell.

Luise und Herrmann Koch erbauten 1902 das Empfangsgebäude mit Restauration „Tannenheim“ an der Kleinbahnstation Phlippshagen. Quelle: privat

Dass Tannenheim zu seinem Geburtsort wurde, mag daran gelegen haben, dass es mit der Zuordnung von Philippshagen schon immer so eine Sache gewesen sei. Eigentlich zum Gemeindegebiet Göhren gehörend, wurden die behördlichen Dinge über Baabe geregelt. „Der Postboote kam aus Baabe, die Telefonnummer-Vorwahl aus Göhren“, weiß Kreß. Philippshagen gehörte zum gleichnamigen Gut in Middelhagen. Die Bauern der Halbinsel Mönchgut brachten ihr Vieh und ihre Erträge auf Pferdekutschen zu der 1898 errichteten Ladestation Philippshagen. Mit dem Erblühen der Baderorte kamen dann die Gäste per Bahn. Ihre Koffer wurden bei der Abreise von den Hotels und Pensionen per Pferdefuhrwerk zum Bahnhof vorgeschickt und dort in einem Blechschuppen bis zur Abfahrt aufbewahrt. „Früher gab es zwei Auffahrten für die Fuhrwerke, also eine Auf- und eine Ausfahrt“, so Kreß.

Als Manfred Koch gestorben war und seine Frau Luise einen Schlaganfall erlitten hatte, übernahm 1951 Tochter Käthe Trogisch das Gasthaus. Ihr Mann Erich war Revierförster. Vor allem Einheimische aus Baabe und vom Mönchguter Hinterland kehrten hier ein. Hier war immer was los: Familienfeste wurden gefeiert und Treibjagden gastronomisch beendet. Die Fischer kamen, wenn sie die Pfähle für die Reusen eingeschlagen hatten. Achim Kreß lacht: „So manches Pferdefuhrwerk ist dann alleine nach Hause gefahren.“ Neben Bockwurst und selbstgemachtem Kartoffelsalat waren vor allem die Waffeln von Tante Käthe legendär. Familien kamen scharenweise zum Kaffeetrinken. Für Achim Kreß glückselige Kindheitserinnerungen. „Wir sind nach der Schule immer mit den Rädern zur Oma. In den Ferien haben wir dort gewohnt, weil meine Mutter Iselore im Lokal geholfen hat.“ Es sei Zufall gewesen, dass er hier auch geboren wurde. „Im Wohnzimmer“, schmunzelt Kreß.

Eine alte Aufnahme des beliebten Ausflugsziels. Quelle: privat

Am 14. April 1966 wurde das AusflugslokalTannenheim“ geschlossen. Bis in die 90er Jahre wurde es verschiedenartig genutzt, als Lagergebäude und kurzzeitig auch als Imbiss nach der Wende. „Ich habe hier in einem Wagen neben dem Gebäude zwei Jahre lang Pommes und Bratwurst verkauft an Wanderer und Radfahrer“, so Kreß. 1990 hatte er für seine Oma das Grundstück von der Bahn erworben. Sie lebte bis zu ihren Tode 1995 allein dort und starb 89-jährig. „Sie war furchtlos. Wenn nachts jemand klingelte und nach Feuer fragte, gab sie Streichhölzer heraus“, so Kreß.

Seit über 20 Jahren steht das Gebäude nun leer. Sein Besitzer will es nach historischem Vorbild sanieren. Traditionell sollen wieder eine Gaststätte sowie eine Betreiberwohnung entstehen. Lediglich die Terrasse soll verglast werden. Denn die Gaststätte, die Sohn Daniel einmal leiten wird, soll ganzjährig geöffnet haben. Daniel Kreß ist gelernter Restaurantkaufmann und führt derzeit die „Fischerhütte“ in Moritzdorf, die auch zum Familienbetrieb gehört. Verabschiedet hat sich Achim Kreß von der noch vor Jahren thematisierten Abbiegerspur von der stark befahrenen B 196. Das künftige Ausflugslokal werde hauptsächlich von Wanderern und Radlern angesteuert - wie einst schon.

Das alte Foto zeigt links Luise Koch mit einem Bahnmitarbeiter. Im Hintergrund ist der Blechschuppen zu sehen, in dem die Koffer der Reisenden aufbewahrt wurden, die von den Hotels vorgeschickt wurden. Quelle: privat

Und auch der „Rasende Roland“ tuckert schon seit über 100 Jahren an dem Gebäude vorbei. Heute ist Philippshagen Bedarfshaltepunkt der Rügenschen Bäderbahn. Der 1928 als Fahrkarten- und Gepäckhäuschen errichtete kleine Fachwerkbau rechts neben dem Gebäude erstrahlt seit 2007 in neuem Glanz. In dem Häuschen sowie an einer großen Infotafel daneben können sich Wanderer und Radfahrer über den Kleinbahnhof, die Schmalspurbahn sowie über das Biosphärenreservat Südost-Rügen informieren. Finanziert hatte den Wiederaufbau Achim Kreß. „Ich habe lange überlegt, in etwas zu investieren, das mir nichts bringt“, gab er seinerzeit zu und ergänzte. „Aber ich bin gebürtiger Poke.“ Soll heißen: Die Wurzeln eines Mönchguters sind tief. Da erübrigen sich manche Fragen. „Ich könnte Tannenheim nie verkaufen, eher das Wald-Hotel“, so Kreß.

Das Gebäude muss jetzt gesichert werden

Gerit Herold

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